Brömmlings Textwerkstatt für Stiftungsstipendiaten

5. November 2016

Seit 2010 führt Brömmling jährlich mehrere Textwerkstätten “Die Kunst des Schreibens” für drei bis acht Teilnehmer aus Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft durch, meist in seiner Bibliothek in Berlin, zuweilen auch anderenorts in Deutschland. Am 4. und 5. November 2016 gab es die erste Werkstatt für Geförderte von Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds und Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB), das im Katholisch-Pädagogischen Institut in Bad Honnef stattfand. Die wenigen Plätze für die Teilnahme waren schnell vergeben. Nach zwei Tagen intensiver Arbeit am geschriebenen Wort gehen die Stipendiaten kritischer an eigene und fremde Texte heran. Aktuelle Werkstatttermine für dieses Programm und für die zweitägigen Textwerkstätten in Berlin sind auf der Homepage einsehbar oder unter Email zu vereinbaren.

VIERVIERTELKULT im Herbst 2016

29. Oktober 2016

Zur Frankfurter Buchmesse ist das Herbstheft von VIERVIERTELKULT erschienen. Brömmling schreibt in der Einleitung zum Schwerpunkt: Es wäre heute kein schlechtes Land, das Land Braunschweig. Sogar eine Verfassung war bereits entworfen. Da heißt es in Artikel 1 Abs. 2: Der Einzelmensch ist frei. Er ist nur durch die Erkenntnis gebunden, dass die Achtung seiner Rechte seinerseits die Vermeidung alles dessen voraussetzt, was einen anderen oder das staatliche Gemeinwesen in ihren Rechten beeinträchtigen könnte. Das klingt sehr nach Kant und beinahe unangreifbar. Doch ein Land Braunschweig war bei der Gründung der Bundesrepublik nicht dabei. Warum dies so ist, erzählt der Schwerpunkt. Wir gehen auf Surensuche ins Jahr 1946 und hören die letzte Rede Alfred Kubels, Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig. Um zu verstehen, was 1946 zu Ende ging, müssen wir weiter zurück, in Vorgängerlandtage und Ständeparlamente. Und schließlich entdecken wir, 70 Jahre nach dem Ende als Staat, an vielen Orten Zeichen edler braunschweigischer Geschichte, die in der Gegenwart zur Identifikation mit Heimat, Region und kulturellem Erbe weiterwirken.

Brömmling, der VIERVIERTELKULT erfunden hat und hier Schriftleiter ist, stellt Neuerscheinungen und geförderte Medien vor. Für die Rubrik Stiftungsvermögen vorgestellt hat er eine sympathische Pächterfamilie auf Klostergut Fürstenberg besucht. Für den Schwerpunkt sind auf den Serviceseiten weitere Informationen zusammengestellt. Peter  Burschel, der neue Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, stellt sich Brömmlings Fragen. VIERVIERTELKULT ist nicht zur Nabelschau der Stiftung gedacht, sondern schaut immer auch über den Tellerrand, diesmal mit einem Blick auf Anke Kätzel, Rangerin im Haus Entenfang. Auch das Porträt der Domina von St. Marienberg zu Helmstedt, Mechtild von Veltheim, stammt von Brömmling.

Das ganze Heft ist auch online zu lesen.

Lehrauftrag an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin verlängert

11. Oktober 2016

Auch im Wintersemester 2016/2017 wird Brömmling ein Blockseminar im Rahmen des Studienganges “Soziale Arbeit/Sozialpädagogik” an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin geben. Am 10. Oktober 2016 erteilte der Prorektor der Hochschule, Nils Lehmann-Franßen, Brömmling einen Lehrauftrag. Brömmling unterrichtete bereits in den vergangenen Semestern im Studiengang “Soziale Arbeit”. Thema des Blockseminars: “Soziale Arbeit: Sprache und Kommunikation”.

Brömmlings Gastbeitrag im Schwabe Magazin

17. August 2016

Heute erschienen: Brömmlings Gastbeitrag im Schwabe Magazin zum Wesen der Rezension unter dem Titel “Kritik der Urteilskraft”. Brömmlings Artikel in VIERVIERTELKULT vom vergangenen Herbst war einigen Verlagen aufgefallen. Für das Magazin des Schwabe Verlages hat Brömmling seinen Artikel, in dem so unterschiedliche Charaktere wie Pontius Pilatus, Til Schweiger, Monika Grütters, Georg Kreisler und Michael Ende eine Rolle spielen, um den Zitierstreit zwischen Verlagen auf der einen Seite und Tagesspiegel und Süddeutscher Zeitung auf der anderen erweitert und insgesamt aktualisiert.

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Brömmlings Kurzkritiken im Blog

1. August 2016

Ab diesem Sommer stellt Brömmling eine Auswahl seiner Buchbesprechungen in VIERVIERTELKULT, im StiftungsManager, in der DHIVA und in anderen Publikationen sowie zusätzliche Kurzkritiken frisch gelesener Bücher im Blog online. Es geht vor allem um Sachbücher, hier vor allem über Geschichte, Politik, Philosophie, Literatur mit den Schwerpunkten Norwegen, Berlin, Braunschweig, Hamburg, aber auch um Belletristik, meist mit Stiftungsbezug oder Bezug zu anderen Kerninteressengebiete.

VIERVIERTELKULT-Sommerheft: Der 6. Jahrgang beginnt

11. Juli 2016

VVK Sommer 2016

Am 1. Juli ist das Sommerheft von VIERVIERTELKULT erschienen. Die Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, von Brömmling erfunden und bis heute konzipiert, geht damit in ihren 6. Jahrgang. Im neuen Heft befasst sich der Schwerpunkt mit dem lebenswichtigen Thema Wasser. Brömmling schreibt in der Einleitung zum Schwerpunkt:

Von den 2000 Seiten des Handbuchs für Bauingenieure von Ferdinand Schleicher aus dem Jahr 1949 benötigt allein das Kapitel zur Wasserwirtschaft 400, nicht gerechnet Angaben über den Einfluss von Wasser auf Holz, Beton, Kalkmörtel in der Baustoffkunde, über Dampfkraftanlagen, Pumpen, Turbinen in der Maschinenkunde oder schwimmende Brücken und Schwebefähren im Stahlbau. Wasser ist Wirtschaftsfaktor, doch technische und ökonomische Faktoren treten heute hinter politisch und ökologisch motiviertes Handeln zurück – oder wir haben bald Zustände, wie sie der Amerikaner Paolo Bacigalupi in seinem jüngsten Roman Water. Der Kampf beginnt schildert. Bei so viel Wirtschaftsgeschichte, drohender Wasserverschmutzung und Konflikten über Wasserrechte musste die holde Kunst diesmal zurückstehen; einen einzigen Exkurs haben wir uns mit dem Aufsatz von Christiane Stahl erlaubt, hier finden Sie nicht Odysseus, sondern William Turner am Schiffsmast festgebunden. Aber kein „Das Wasser schwoll“, keine nachsalzende Ilsebill, kein Fährmann aus Weh dem, der lügt!

Beim Wasser ist ein jeder eh selbst Dichter oder Dichterin. Sind Sie mit allen Wassern gewaschen? Haben Sie nah am Wasser gebaut? Können Sie dem Kollegen das Wasser reichen? Will er Ihnen das Wasser abgraben? Wasser ist als Metapher allgegenwärtig. Wenn wir heute in die Welt schauen (wir brauchen nicht Goethes Lynceus den Türmer zu bemühen, wir haben jeder selbst ein Augenpaar): Brände allerorten. Dann also: Wasser marsch!

Außerdem von Brömmling: Die Serviceseiten zum Schwerpunktthema (S. 33-34), “Stiftungsvermögen vorgestellt: Klostergut Schachtenbeck” (S. 44-45), Neuerscheinungen (S. 46-47), “Wolfgang Gropper. Der Menschenfreund aus dem Chiemgau” (S. 50-52, leider ungewollt ein Nachruf, der großartige Wolfgang Gropper starb am Pfingstsonntag in Aschau), “Teamporträt: Simone Teschner” (S. 56).

Das ganze Heft ist online zu lesen. Wer Freude an der gedruckten Version künftiger Ausgaben hat, kann VIERVIERTELKULT kostenlos unter abonnement-kult (at) sbk.niedersachsen.de abonnieren.

Miriam Seeger: Zähmung der Flüsse. Nachtrag zum Schwerpunkt “Wasser” von VVK

9. Juli 2016

Das Sommerheft 2016 von VIERVIERTELKULT mit dem Schwerpunkt “Wasser” war gerade im Druck, da traf ein weiterer Titel aus dem LIT-Verlag zur Besprechung auf den Serviceseiten zum Schwerpunkt bei Brömmling ein. Miriam Seegers Zähmung der Flüsse ist zwar mit dem Erscheinungsjahr 2014 schon etwas älter. Gleichwohl ist das Thema so passend für die weitere Beschäftigung mit dem Thema, dass hier als Nachtrag darauf hingewiesen sei. Miriam Seeger hat, angetrieben von einer Mischung aus Faszination und Unglaube, wie sie selbst im Vorwort schreibt, mit ihrer Dissertation die großen Anstrengungen untersucht, die China unternommen hat, um Flüsse zu stauen und die Natur als Energielieferant wie für Trinkwasserversorgung und Landwirtschaft zu nutzen – mit einem oft anderen Verständnis vom Umgang mit der Natur, als es die Verantwortlichen in Deutschland kennen. Dabei geht sie weit zurück in die Geschichte der vielen Völker Chinas, wenn sie Jiang Zemins Rede im Rahmen der Bauarbeiten für den Drei-Schluchten-Staudamm zitiert (der natürlich nur von einem chinesischen Volk spricht, das den Kräften der Natur Einhalt geboten hatte). Auch eine von Mao Zedong erweiterte alte Geschichte zu der Parole “Im Geiste des dummen alten Mannes, der die Berge versetzt, China umgestalten” zeigt die Haltung Chinas zur Natur und dem Element Wasser, das sie schenkt. Von der “Zähmung des Gelben Flusses” durch den Sanmenxia-Staudamm unter Mao Zedong bis zu den zwischenzeitlich unterbrochenen Arbeiten zur Nutzung des Nujiang hat ein Umdenken stattgefunden, das die Autorin gut nachvollziehbar beschreibt. Wasser steht in China gleichwohl immer noch für eine Naturgewalt, die die Regierenden für ihren Machterhalt nutzen. Was Paolo Bacigalupi in der Belletristik mit seinem Roman Water. Der Kampf beginnt (Blessing-Verlag, München 2016) eindrucksvoll als Zukunftsvision an die Wand malt, lässt die von Miriam Seeger beschriebene Politik schon in der Gegenwart erahnen. Ein wichtiges Buch zum neuen Schwerpunkt “Wasser” von VIERVIERTELKULT. UB

Miriam Seeger: Zähmung der Flüsse. Staudämme und das Streben nach produktiven Landschaften in China. (= Strukturen der Macht. Studien zum politischen Danken Chinas Band 19). LIT-Verlag, Berlin 2014, 430 Seiten, 49,90 Euro. ISBN 978-3-64312491-3.

Brömmling bloggt vom Stiftungstag

11. Mai 2016

Brömmling bloggt vom Stiftungstag. Der Deutsche StiftungsTag 2016  ist der 18. Stiftungstag für Brömmling und bereits der elfte, den er als unabhängiger Stiftungsexperte beobachtet und kommentiert. Auf www.broemmling.de/blog finden sich die Erkenntnisse, freundliche beobachtungen und kritische Anmerkungen

Brömmling über Kleists Marionettentheater heute: VIERVIERTELKULT Frühling 2016

30. April 2016

Mit dem Frühlingsheft nimmt sich VIERVIERTELKULT eines schwierigen Themas an: Was kann Theater heute leisten, was kann es nicht. Immerhin kommt VIERVIERTELKULT aus der Stadt, in der der Faust uraufgeführt wurde. Aber Größe in der Vergangenheit ist nicht immer gleich bedeutend mit gegenwärtiger Größe. Dass Brömmling ein großer Kleist-Bewunderer ist, kann er nicht verbergen, wenn er Kleists “Über das Marionettentheater” für die Gegenwart neu erläutert (S. 38-39).

Weitere Beiträge von Brömmling in dieser Ausgabe: “Werktreue. Ein Gespräch mit Juliane Kann, Hans-Werner Leupelt und Michael Talke” (S. 25-31), “Werktreue, Texttreue, Regietheater, Regisseurtheater. Wie Joachim Fest, Gerhard Stadelmaier und Joachim Kaiser für Werktreue kämpfen” (S. 32-34), die “Serviceseiten” für den Schwerpunkt (S. 40-43), “Der Stiftungsrat im Interview: Gerald Heere” (S. 44-45), “Stiftungsvermögen vorgestellt: ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried” (S. 54-55), “Geförderte Medien” (S. 56), “Neuerscheinungen” (S. 58-59), “Der die Schneekönigin vom Eis holt. Helmut Imig” (S. 60-61) und “Teamporträt Gerd Biegel” (S. 64). Viel Freude beim Lesen!

Wolfgang Gropper: „Bist anständig gwesen?“ Ein Gang über den Friedhof Buchvorstellung von Dr. Ulrich Brömmling

1. März 2016

Lieber Herr Gropper,

lieber Tobias Henkel, liebe Leserinnen und Leser von VIERVIERTELKULT,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ja, ich bin Norddeutscher, ein Preuße noch dazu, in Berlin geboren und dort gerne aufgewachsen. Den Janker habe ich schon länger, er ist nicht zum Oniwanzn gedacht, und seien Sie versichert, dass „oniwanzn“ nur eines von wenigen Wörtern auf Bayrisch sein wird, das ich in meiner kleinen Einführung verwenden werde, auch wenn es eines von vielen Wörtern auf Bayrisch ist, die ich bei der Lektüre von Wolfgang Groppers Gang über den Friedhof gelernt habe.

Besser hätten wir uns nicht absprechen können. Wolfgang Gropper und ich begegnen uns heute zum ersten Mal. Und doch verbindet uns seit einigen Jahren ein Projekt, VIERVIERTELKULT, die Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, deren Idee- und Namensgeber zu sein ich mir bei aller Zurückhaltung auf die Fahnen schreiben darf. Von der ersten Ausgabe an gehörte Wolfgang Gropper zu den Autoren, zunächst als Kolumnist jeder zweiten Ausgabe, alternierend mit einer Schülerin der Gaußschule Gymnasium am Löwenwall. Später auch als Autor im Schwerpunkt Kulturbesitz, dem Herbstheft 2014, das ich allen Besucherinnen und Besuchern empfehle, es liegt im Saal aus.

Besser hätten wir uns nicht absprechen können. Jedes Heft von VIERVIERTELKULT hat einen Schwerpunkt. In der aktuellen Ausgabe ist dies „Sepulkralkultur“, im kommenden Frühlingsheft ist es „Theater“. Es werden dann 18 Schwerpunkte erschienen sein. Aber zwischen keine hätte die Buchvorstellung auch nur annähernd so gut gepasst wie zwischen diese zwei.

Erlauben Sie mir einen ungewöhnlichen Einstieg in die Buchvorstellung, den Bezug nämlich auf ein anderes Werk, der aber bewusst gewählt ist: In einigen Wochen wird an dieser Stelle Michael Göring sein Buch Spiegelberg präsentieren und daraus lesen. Spiegelberg, das ist eine Gemeinde im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Spiegelberg ist bei Göring der Name einer Siedlung in einer Stadt an der Lippe, in der 400 Mietparteien in den Sechziger- und Siebzigerjahren, den Babyboomerjahren, groß geworden sind. Sieben Familien hat der Autor herausgegriffen und nun, fünfzig Jahre später mit der Gegenwart konfrontiert. Der große Unterschied zu dem autobiographischen Text, den ich heute vorstellen darf: Es ist ein fiktionales Werk, Michael Göring spricht von seinem dritten Roman. Aber wenn wir unser heutiges Buch nehmen und noch einmal lesen, ist dieser Unterschied so groß nicht: Denn die Toten auf dem Friedhof reden ja nicht wirklich. Insofern ist auch Bist anständig gwesen ein höchst fiktionales Buch. Und wer Michael Göring kennt, ahnt, dass da oft sehr konkrete Personen hinter den einzelnen handelnden Romanfiguren stecken. Womöglich ist Görings Buch viel näher an der Wirklichkeit Groppers? Dagegen spricht wiederum die realitätsnahe Schilderung Wolfgang Groppers, der ungekünstelte Stil, zuweilen in bestem Bayrisch, und dagegen sprechen so viele unter Ihnen im Publikum, die den einen oder die andere aus Groppers Gang über den Friedhof selbst noch gut in Erinnerung haben.

Aber heute und überhaupt in Braunschweig wie in dem engeren Bekannten- und Freundeskreis Wolfgang Groppers, haben wir es mit einer stark theateraffinen Leserschaft zu tun. Und die denkt bei „Spiegelberg“ natürlich zuerst einmal an die Figur des Räubers Spiegelberg in Schillers Drama. Spiegelberg als höchst kontrastreicher Gegenspieler Karl Moors, mit dem einen trotz aller Verachtung auch eine gewisse Sympathie verbindet – bis er abtritt, dann ist er auch schnell vergessen.

Ist die Ortsgemeinschaft von Aschau das eigentliche Spiegelberg, nicht im Göringschen, sondern im Schillerschen Sinne? Trotz aller Verstrickungen Einzelner, trotz der Lästerungen vieler eine sympathische Gesellschaft, deren Mitglieder unabhängig von Standesdünkel immerhin miteinander sprechen, wenn sie tot sind? Ansonsten, bemerkt der Autor nachdenklich, war das allenfalls beim Sport möglich. Ganz kurz, an einer einzigen Stelle ist der Leser versucht, so zu denken. „Mia san nimma mia, mia san do scho fast vergessn, wei mia aascho gar nix mehr ausrichtn kennan.“ Eine Gesellschaft, liebenswert, doch nichts dazugelernt seit der Jugend, wie Spiegelberg? Eine Gesellschaft, die vorm Sterben warnt, weil das Sterben die Gefahr des Vergessenwerdens immer dann mit sich bringt, wenn die Erinnerungen nicht für die Ewigkeit taugen? Es ist kein Spiegelberg, es ist natürlich etwas Eigenes.  Wolfgang Gropper macht die Dorfgesellschaft für uns so lebendig, dass wir sie nicht vergessen. Und dass wir mehr Erkenntnis daraus ziehen als die eine wahre Erkenntnis, die uns Wolfgang Gropper spät, aber doch nicht zu spät offenbart: Wolfgang Gropper sah in jungen Jahren aus wie Roy Black.

Womit haben wir es beim vorliegenden Text zu tun?

Eine Autobiographie? Ein Fremdenführer über den Aschauer Friedhof? Eine Ehrerbietung? Eine Abrechnung? Es ist alles zusammen.

Ein Prosatext ist dem Leser versprochen, aber wer mit Wolfgang Gropper über den Friedhof gegangen ist, klappt nicht ein Buch zu; er verlässt ein Theater. Jeder mag sich nun ein bisschen vorstellen, wie Gropper Regie führt. Wenn selbst die bloße Beschreibung seiner Heimkehr zum Vorspiel auf dem Theater wird, um wie viel gewaltiger muss es dann erst sein, wenn er eine Komödie, eine Tragödie, eine Oper, eine Operette in seine Fäuste nimmt? Dieser Gang enthält Komödienhaftes, wenn wir an die vergeblichen Bemühungen der Schwester des Monsignore denken, ihren Bruder von Begegnungen jeglicher Art mit den Frauen des Dorfes fernzuhalten. Dieser Gang birgt Tragisches, wenn an jung Verstorbene Freunde und Bekannte erinnert wird, an Junginger Wolfgang, an Kurt, an Frieder, an Markus. Prosa, Drama, sogar Poetik: Wer katholisch sozialisiert ist, betet fast den Engel des Herrn mit und weiter, wenn in Aschau das Angelusläuten einsetzt.

Peter Hacks, der große Sprachkünstler und große Theatermann, hätte sich vielleicht beschwert, wir wissen es nicht, er ist nicht in Aschau begraben. Ihm ging es doch so sehr um die Reinheit der Form. Aber längst sind wir an einem Punkt angelangt, an dem ein Bestehen auf der Reinheit der Form fern jeder Realität wäre – auch der Realität des Theaters. Aber an Peter Hacks habe ich noch an anderer Stelle denken müssen.

Bist anständig gwesen? ist ein Text von Ritter, Tod und Teufel. Man braucht den Dürer-Stich nicht zu kennen, um sich ein Bild zu machen. Hier begegnet die Vita Activa, der edelmütige Kämpfer, Tod und Teufel. Dem Tod in allen seinen Gestalten, deren Stimmen der Autor ertönen lässt. Die Teufelsanalogie tritt nur dort einmal direkt auf, wo er auf den Leibhaftigen trifft, auch wenn er den Bartl Kink, der auch noch der Glöckner des Ortes ist, nicht als Teufel bezeichnen wollte. Wenn es schon um Moral und Anstand geht, wie der Titel verspricht, so geht es vor allem um Würde. Sich das Maul zerreißen, lästern, oder engstirnig gotteseifernd zu sein, dürfte des Teufels sein. Gropper, der voller Bedacht an keiner Stelle richtet, auch an keiner rettet, spart keineswegs mit harschen, klaren, ganz offenbar notwendigen Worten, wenn er den Geistlichen Rat „monstergleich“ nennt.

Wolfgang Gropper hat 1989, noch vor Mauerfall, Peter Hacks’ Fredegunde am 21. Januar im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig uraufgeführt. Auch das mag interessant in diesem Zusammenhang sein, wenn manch einer Wolfgang Gropper mit Braunschweig erst seit Antritt seiner Intendanz 1997 verbunden sieht. Fredegunde führt uns ins 6. Jahrhundert. Eine neue intrigenunerfahrene Prinzessin bringt den Hof aus der Routine, weil sie das schon immer dagewesene Ränkespiel um Macht mitzuspielen nicht bereit ist. Und in Aschau bringt ein Mensch mit seinem Gang über den Friedhof eine Dorfgemeinschaft der Vergangenheit aus der Routine, weil er das alte Ränkespiel um Tradition und Moral mitzuspielen nicht bereit ist.

Es tut so gut zu lesen, dass hier zwar Ethik, Norm, Moral thematisiert sind, dass die Denkwelt einer Dorfgemeinschaft am Chiemsee und die Denkwelt eines Heimkehrers ihre Rollen in dem kleinen Stück Bist anständig gwesen? spielen, dass aber nicht die eine gegen die andere aufgerechnet wird, dass nicht die eine besser ist als die andere. Es ist ein Mysterienspiel mit ungewohnter Botschaft: „Du brauchst nicht gottesfürchtig zu sein; die Hauptsache ist, dass du ihn liebst.“ Hier hat endlich jemand den Grundsatz des Christentums verstanden, dass das Neue Testament über dem Alten steht.

„Die Herkunft bestimmt den Menschen“, sagt Göring über sein Spiegelberg. Das mag auch hier der Fall sein. Allerdings haben wir es hier mit einem guten Einfluss zu tun. Wolfgang Gropper ist ein Stimmungszauberer, einer, der den Menschen so manche hohle Phrase abgehört und aufgeschrieben hat. So kennen wir ihn seit 33 Jahren. Denn wenn wir uns beide auch tatsächlich noch nie begegnet sind, der Gropper Wolfgang und ich, ist  e r  m i r  sehr wohl schon einmal begegnet. 1983 hatte ich im zarten Alter von 14 Jahren das Glück, dass meine Eltern Gerhard Polts Humor verstanden und schätzten, was man nicht von allen katholischen Eltern in der Berliner Diaspora sagen konnte. 1983 brachte Gerhard Polt seinen Film Kehraus heraus. Und da treffen wir Wolfgang Gropper in der Rolle des Heinz Böhm: Der ist, so die Rollenbezeichnung, Kalauersammler in seinem Unternehmen. Mit den gesammelten Sprüchen einer Dorfgemeinschaft unterhält uns Wolfgang Gropper von der ersten Seite bis zur letzten. Und man beginnt, selbst in dieser Stimmung zu denken. Wie ist es, können sich die Braunschweiger fragen, wenn sie nach 40 oder 60 Jahren nach Braunschweig heimkommen und die Kämpen von damals miteinander diskutieren hören, den Henkel Tobias und den Hoffmann Gerd etwa?

„Hast Angst vorm Sterbn?“ Diese Frage hört der Autor, als sein Gang über den Friedhof fast beendet ist. Er solle dahin gehen, wo de Musi spuid. Da wären wir also. Hie spuid de Musi. Danke!

Aktuelle Termine

17.02.2017

Soziale Arbeit: Sprache und Kommunikation

Alice Salomon Hochschule Berlin

22.03.2017

Seminar "Öffentlichkeitsarbeit für die Kommune"

Hameln