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23. Apr 2017

In die Geschichte Österreichs hineingelesen. Vier Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Alle reden von Frankreich, ich nicht. Am Wochenende der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen habe ich mich tief in die Geschichte Österreichs hineingelesen und empfehle jenen, die es mir gleichtun wollen, vier Neuerscheinungen. Ein gutes Gechichtsbuch hat immer auch mit der Gegenwart zu tun, und die vorgestellten vier Titel spiegeln Vergangenheit und Gegenwart auf vielfache Weise wider.

Wir wissen viel zu wenig über unsere Nachbarn im Süden und sind mit Vorurteilen über die Österreicher behaftet. Eine der großen geschichtlichen Gestalten aber kennen wir alle – oder glauben sie zu kennen: Kaiserin Maria Theresia, die vier Jahrzehnte lang die Geschicke ihres Landes – und Europas – lenkte. Ganz fehlt der Bezug zu Frankreich übrigens nicht, denn die herausragende neue Biographie der Kaiserin hat eine Französin geschrieben. Leider ist das bei Zscholnay erschienene Buch in den Hintergrund des Interesses geraten, weil eine andere Biographie über Maria Theresia den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, Barbara Stollberg-Rillingers Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit, bei Beck verlegt. Ich will hier nicht beide Biographien miteinander vergleichen oder gar gegeneinander aufrechnen, wie es quer durch die deutschen Feuilletons geschehen ist. Das Buch der französischen Philosophie Élisabeth Badinter über Maria Theresia ist von einer besonderen Begeisterung für die Protagonistin getragen, die allerdings jeder Peinlichkeit entbehrt, wie so sonst oft entsteht, wenn ein Autor zu eingenommen von der Person ist, über die er schreibt (unvergessen: Emanuel Eckardts Biographie über Herbert List, die mit den Worten Was für ein Mann! beginnt). Die Autorin hat die historische Person und ihre Bedeutung erst über die Briefe der Mutter an Marie Antoinette entdeckt. Während Élisabeth Badinter die verschiedenen Rollen Maria Theresias prägnant schildert, wird die Besonderheit dieser Persönlichkeit deutlich. Es geht nicht nur darum, dass sie eine besondere Frau war. Sie war vor allem ein besonderer König (wer hier die Bezeichnung „Königin“ oder „Kaiserin“ erwartet, lese Badinter oder Kantorowicz). Nur manchmal lassen einige Formulierungen den Leser (auch die Leserin) doch schmunzeln: Dass Mutter von 16 Kindern zu sein eine Herausforderung sei, mit der kein männlicher Herrscher je konfrontiert war, ist zweifellos richtig, aber gleichwohl sehr lustig formuliert.

Ein vermeintlich bekanntes Thema hat sich der Historiker Konrad Canis in seinem Buch über die Außenpolitik Österreich-Ungarns vorgenommen. Jedem ist die Doppelmonarchie ein Begriff. Aber wer weiß wirklich, wie es zur Bildung von Österreich-Ungarn kam, einem Vielvölkerstaat, der nur ein halbes Jahrhundert existierte Konrad Canis erzählt faktenreich, wie am Beginn und am Ende dieses Staates ein verlorener Krieg stand, welche Erwägungen dazu führten, Österreich-Ungarn als Gegenentwurf zum deutschen Nationalstaat entstand. „Bedrängt“ ist ein milder Ausdruck für den Druck und Gegenwind, für Intrigen und Ränke, denen sich Österreich-Ungarn gegenüber sah, ganz gleich, ob es sich dabei um Freund oder Feind handelte. Viele Einzelheiten, etwa die Hoffnungen an eine Annäherung an Russland, das Wien gegenüber freundlicher agierte als gegenüber Berlin, werden den meisten Lesern neu sein, und Konrad Canis überrascht den Leser damit, dass er zwar quellenkundig schreibt, aber nur ganz selten ins Kleinteilige abdriftet. Schließlich liefert er, wo es um das Ende von Österreich-Ungarn geht, noch eine schlüssige Analyse des Beginns des Ersten Weltkrieges mit.

Mit dem Ende Österreich-Ungarns hatte auch die Regierungsgeschichte der Habsburger ihr Ende gefunden. Der Einfluss des Hauses und der Komponenten habsburgischer Politik auf die österreichische Gesellschaft dauerte fort. Wo frühere Gesetze die Grundlage für spätere bildeten, wie zusätzlich Habsburg-Nostalgie und Erinnerungskultur ihre Spuren in Österreich hinterließen, vor allem in der Ersten Republik zwischen 1918 und 1933, zeigt der Schweizer Historiker Carlo Moos (* 1944) in seinem Werk Habsburg post mortem. Es ist neben dem schon besprochenen Band von Konrad Canis (* 1938) ein weiterer Beleg für den großen Erkenntnisgewinn, den Forscher bereiten, die sich schon viele Jahrzehnte mit einer Epoche beschäftigen und nicht von Thema zu Thema hüpfen, um jedes Jahr ein neues Buch herauszubringen. Die Spuren der Habsburgermonarchie entdeckt Carlo Moos nicht nur in der Politik und im politischen System, sondern ebenso in Literatur, Kunst und Musik. Dabei nimmt er sich nicht nur solcher Werke an, die erst nach 1918 die Habsburgerzeit rezipieren. Erstaunlich, wie schlüssig er etwa auch Adalbert Stifters Nachsommer (1857), den Ulrich Greiner den bedeutendsten Roman der österreichischen Literatur nennt und dessen Langweiligkeit Thomas Mann enorm und faszinierend fand, relevant für die Nachwirkung Habsburgs in Österreich anführt. Und sinnigerweise weist der Autor darauf hin, dass auch in uns Deutschen Habsburgerglanz aufleuchten lassen jedes Mal, wenn wir die von Haydn komponierte deutsche Nationalhymne singen. Schließlich hat auch ein Norweger die schwedische Nationalhymne komponiert, es sind späte Rachen des kleinen Bruders.

Wer sich durch so viel historisches Material gelesen, manchmal auch gekämpft hat, der ruhe aus mit einem schönen Band, der uns 600 Jahre Wiener Gartenkunst nahebringt. Da VIERVIERTELKULT, die Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, für deren Konzeption und Schriftleitung ich stehe, sich im Sommer 2017 den Schwerpunkt Garten gesetzt hat, gibt mir Anlass, schon heute auf das Thema hinzuweisen wie auf den bei Böhlau erschienenen Band, in dem Eva Berger von wunderbaren Gärten erzählt, angefangen von den Gärten der Hofburg, besungen 1547 als Ein jrrgarten zu lust geziert, bis zum Garten der Villa Tugendhat aus den 1920er Jahren. Das Buch ist, wie sollte es bei Gartenkunst anders sein, reich bebildert. Aber es besticht auch durch schönen Text, nicht nur den von Eva Berger: Hugo von Hofmannsthals Artikel Gärten in Wien, erschienen in der Wiener Zeit vom 17. Juni 1906, ist ebenfalls abgedruckt.

Élisabeth Badinter: Maria Theresia. Die Macht der Frau. Aus dem Französichen von Horst Brühmann und Petra Willim. Paul Zscholnay Verlag, Wien 2017. 301 Seiten, 24 Euro. 978-3-552-05822-4.

Konrad Canis: Die bedrängte Großmacht. Österreich-Ungarn und das europäische Mächtesystem 1866/67-1914. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2016. 567 Seiten, 68 Euro. 978-3-506-78564-0

Carlo Moos: Habsburg post mortem. Betrachtungen zum Weiterleben der Habsburgermonarchie. Böhlau Verlag, Wien 2016. 414 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-205-20393-3.

Eva Berger: “Viel herrlich und schöne Gärten”. 600 Jahre Wiener Gartenkunst (= Österreichische Gartengeschichte). Böhlau Verlag, Wien 2016. 388 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-205-20332-2.

7. Apr 2017

Kurzkritiken bei VIERVIERTELKULT

von broemmling

13 gute Titel habe ich fürs Frühlingsheft von VIERVIERTELKULT auf die Doppelseite der Neuerscheinungen geholt. Jetzt sind die Kurzkritiken auch hier im Blog nachzulesen.

VVK-1-2017-Neuerscheinungen

6. Apr 2017

Wagner und Hitler. Kunst, Ästhetik und Geschichte. Und ein absoluter Lesetipp. Drei Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Wer immer sich mit Richard Wagner befasst, kommt an des Komponisten Antisemitismus nicht vorbei. Die Musik mag groß sein und ist es, musikalisch mag Wagner ein Genie gewesen sein und war es. Menschlich und ideologisch war er ein armer Wicht, ein gefährlicher Mensch. Dieses Jahr fahre ich wieder nach Bayreuth, und noch einmal habe ich mir Wagners Aufsatz Das Judentum in der Musik vorgenommen, kopfschüttelnd ob der erbärmlichen Argumentation. Man merkt die Absicht und ist verstimmt, hätte Hildesheimer geschrieben. Und ist es nicht ein schönes Zeichen, dass in der einzigen Ausgabe, die ich von diesem Aufsatz habe, nicht einmal mehr die Bindung halten will? Das Foto belegt den Zustand.

Meine Lektürebeobachtung am Zustand eines hässlichen Taschenbuches festzumachen, ist weder literaturwissenschaftlich noch historisch noch soziologisch sonderlich tiefschürfend. In etwa auf diesem Niveau ist die Auseinandersetzung auch die letzten 150 Jahre geführt worden, wenn es um die Frage ging, ob Wagner durch seine antisemitischen Äußerungen eigentlich Nationalsozialist war. Weder eine brüske Ablehnung dieser Folgerung noch unbedingte Zustimmung treffen der Wahrheit Kern. Hubert Kiesewetters großes Verdienst ist es, diese Lücke in Wissenschaft und Forschung mit einem verhältnismäßig schmalen Werk geschlossen zu haben. In Von Richard Wagner zu Adolf Hitler, 2015 bei Duncker & Humblot erschienen, legt er schlüssig dar, wie erst der Wagner-Clan, darunter vor allem Cosima Wagner, Houston Stewart Chamberlain, Hans Paul Frhr. von Wolzogen und Winifred Wagner, des Komponisten Antisemitismus zu einer rassistischen Ideologie weiterentwickelt hatte, die den Nationalsozialisten noch passgerechter erscheinen musste als es Wagners Gedanken ohnehin schon waren. Dabei gelingt Kiesewetter der unglaubliche Spagat, Wagner nicht zu verurteilen, ihn aber moralisch auch nicht freizusprechen. Viel bemerkenswerter ist allerdings eine weitere Bemerkung Kiesewetters. Vehement lehnt er alle „Was wäre wenn“-Spiele ab, die Wagners Lebenszeit ins „Dritte Reich“ hineinphantasieren, und kommt zu dem Schluss: Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, dass wir trotz unüberschaubarer Publikationen von dem übelsten Teil der deutschen Geschichte wohl auch in tausend Jahren nicht loszukommen vermögen, selbst wenn dringende politische Probleme zu analysieren sowie zu lösen sind. Denn es gibt ja wirklich bedeutendere Persönlichkeiten sowohl der Kunst als der Politik, denen wir nachahmen könnten. Diese Mahnung ist so dringend nötig wie vergebens. Dass Kiesewetter mit seinem Buch dem unüberschaubaren Berg eine weitere Publikation hinzugefügt hat, ist entschuldbar: Wenn ein Band zu diesem Thema in den letzten Jahren erhellend war, dann dieser.

Ganz so einfach ist es natürlich auch nicht. Schließlich soll sich die Wissenschaft inklusive ihrer Publikationen mit der Realität befassen, und eine Faszination an Nazithemen ist bis heute nicht zu leugnen, geäußert von Antifaschisten genauso wie von Neonazis und vielen Menschen dazwischen. Prinz Harry kommt im Nazikostüm zur Party, und ein Pony trägt auf einem Plakat eine Hakenkreuzbinde mit dem verniedlichenden Titel „Ein Volk, ein Reich, ein Pony“. Jeleny Jazo hat in einer gerade erschienenen von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Dissertation über Postnazismus und Populärkultur hunderte solcher Beispiele vom Nachleben faschistischer und faschistoider Ästhetik gefunden. Dabei geht es der Autorin nicht um bloßes Aufzählen. Sie fordert Konsequenzen für die Medienpädagogik.

Kiesewetter und Jazo entlarven jeweils auf eigene Weise den verharmlosenden Umgang der Nachwelt – und das meint jeden Einzelnen von uns – mit dem Thema Nationalsozialismus. Beide Bücher lohnen die Lektüre, wenn man tiefer in das Thema einzutauchen bereit ist. Um sich die Absurdität der Ereignisse damals vor Augen zu führen, sollte jedoch jeder, ob bereit oder nicht, das kleine Bändchen Adressat unbekannt von Kathrine Kressmann Taylor lesen. Über die Autorin, die diesen Briefroman 1938 geschrieben hat, ist fast nichts bekannt. Einige Originalbriefe liegen dem als Address Unknown veröffentlichten Text zugrunde. Der Rest ist Dichtung. Oder man sollte besser sagen: Verdichtung. Kressmann Taylor macht den Leser sprachlos. Mehr kann man nicht sagen. Und mehr darf man nicht verraten. Außer dass dieses Buch jeder lesen muss. Dass Elke Heidenreich das Buch empfiehlt, soll niemanden verstören, das Buch ist wirklich gut, und in diesem Fall gebührt auch Elke Heidenreich großer Dank dafür, dass sie das Buch weiter bekannt macht. In diesem Fall kann man nur lesen und weitergeben, weitersagen, weiterschenken. Adressat unbekannt wird man jedenfalls nicht mehr vergessen.

Hubert Kiesewetter: Von Richard Wagner zu Adolf Hitler. Varianten einer rassistischen Ideologie. (= Zeitgeschichtliche Forschungen 47). Duncker & Humblot Gmbh, Berlin 2015. 259 Seiten, 38 Euro. 978-3-428-14543-0.

Jelena Jazo: Postnazismus und Populärkultur. Daas Nachleben faschistoider Ästhetik in Bildern der Gegenwart (= Transcript Image). Die Promotion wurde gefördert von der Hans Böckler Stiftung. Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 279 Seiten, 34,99 Euro. 978-3-8376-3752-6.

Kathrine Kressmann Taylor: Adressat unbekannt. Aus dem Amerikanischen von Dorothee Böhm. Mit einem Nachwort von Elke Heidenreich. Atlantik Taschenbuch bei Hoffmann und Campe, Hamburg 7. Auflage 2017. 76 Seiten, 9 Euro. 978-3-455-65013-6.

2. Apr 2017

Thema des Monats: Tiere und mehr im Kalten Krieg. Fünf Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Der Kalte Krieg dauerte 44 Jahre, und vermutlich wird die öffentliche Faszination an Themen des Kalten Krieges 444 Jahre andauern. In letzter Zeit häuften sich die Neuerscheinungen, die sich mit Sonderfragen der Ost-West-Beziehungen befassten. Die Wesen, Mittel und Werkzeuge, die im Kalten Krieg als Waffen dienten, konnten dabei unterschiedlicher nicht sein. Sie reichen von Tieren über Radiosendungen und Buchhandlungen bis hin zu Grenzübergängen.

Wer zwischen 30 und 60 Jahre alt und in Berlin großgeworden ist, erinnert sich an Besuche im Zoologischen Garten oder im Tierpark – und zwar entweder ans eine oder ans andere. Denn die Stadt war geteilt, und die Berliner des Westteils besuchten den Zoo, die Ostberliner den Tierpark. Ähnlich geteilt bekannt bei jeweils nur einer Hälfte der Berliner waren die beiden Zoodirektoren: Wer aus dem Osten kommt, dem fällt sofort Prof. Dr. Dr. Dathe ein, der Westberliner kennt Prof. Heinz-Georg Klös. An der Ungleichheit dieser beiden Direktoren hängt Jan Mohnhaupt sein Buch über die Entwicklungen der beiden Berliner Zoos auf und hat viele Einzelheiten aus der Geschichte nicht nur der Berliner Tiergärten zusammengetragen. Tuffi, der Elefant, der aus der Wuppertaler Schwebebahn in die Wupper stürzte, spielt ebenso eine Rolle wie Moby Dick, der Wal, der rheinaufwärts bis nach Bonn geschwommen war. So interessant die einzelnen Geschichten sind, so sehr hat der Autor doch Mühe, die Fäden wieder zusammenzubringen. Jedenfalls kehrt er mäandernd immer wieder zum Ausgangspunkt zurück, was nicht weiter störte, wenn er nicht immer von Neuem das eine gleiche Faktum unterstreichen würde: Dass die beiden Direktoren so unterschiedlichen Charakters waren. Zuweilen scheint er es auch dem schlichtesten Leser noch einmal erklären zu wollen. An einer Stelle, als er von der Konkurrenz zwischen Heinz-Georg Klös und seinem Mitarbeiter Wolfgang Gewalt erzählt und Gewalt mit den Worten zitiert „Na, det hab ick mit dem blonden Heinz so abjemacht“, erläutert er tatsächlich noch einmal: „Mit dem blonden Heinz meinte er seinen Chef Heinz-Georg Klös.” Und mäandert weiter. Aber für die West- und Ostberliner ist das Buch dennoch eine schöne Erinnerung an die Kindheit, an Zoobesuche und eine interessante Analyse des Wettbewerbs zweier ungleicher Zoos, von dem man auch als Kind durchaus etwas mitbekommen hat. Vielleicht leidet das Buch vor allem unter seinem Titel. Der Zoo der Anderen mit dem elendig langen Untertitel Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete verspricht reißerischeren Inhalt als ihn der Autor dann liefern kann. Politische Tiere hätte als Titel völlig genügt.

Einen theoretischen Unterbau zur Rolle von Tieren als Instrument der Außenbeziehungen findet man bei Mohnhaupt nicht, allerdings ist ein solcher auch keineswegs versprochen. Ein neuer Sammelband bei Böhlau füllt diese Wissenslücke mehr als aus. Da geht es nicht nur um Tiere, sondern um alle möglichen Medien der Außenbeziehungen – und dies nicht nur im Kalten Krieg: Die Beiträge behandeln Einzelaspekte auch aus der Antike und der frühen Neuzeit. Zu solchen Medien der Außenbeziehungen gehört nicht nur Schrifttum von der Geheimdepesche bis zur Boulevardzeitung, wie Frederike Schotters in einem Aufsatz zu den französisch-russischen Beziehungen in Mitterands ersten Jahren als Staatspräsident zeigt. Medien transportieren Informationen, sie können sie speichern, sie können sie aber auch in ihrer Aussage und Botschaft verändern. Ganz gleich aber, welche Medien eingesetzt werden: Es geht immer auch um die Einhaltung der Etikette, und Höflichkeit und Achtung dürften für gute Außenbeziehungen Grundvoraussetzungen sein. Wenn wir noch einmal zu Mohnhaupts politischen Tieren zurückkehren: Robert Kennedy machte Willy Brandt 1962 einen altersschwachen Weißkopfseeadler mit verhornten Klauen zum Geschenk (der zu allem Überfluss auch noch auf den Namen “Willy Brandt” getauft wurde), und Heinrich Lübke brachte aus Afrika in der Hoffnung auf Zuchterfolge einen kastrierten Leoparden mit. So viel Unhöflichkeit hätten sich vermutlich Staaten des Ostblocks gegenüber ihren Feinden kaum getraut.

Als wie in der DDR üblich auch Tierparkdirektor Heinrich Dathe gegenüber dem Lehrer seines Sohnes schriftlich zusagen soll, keine Westmedien zu hören, weigert er sich erfolgreich – und die anderen Eltern der Klasse schließen sich ebenso erfolgreich dieser Weigerung an. Solche offenen Weigerungen waren die Ausnahme. Wie verbreitet dennoch der unerlaubte Konsum der Westmedien in der DDR war – erstaunlicherweise ein selten in wissenschaftlicher Tiefe betrachtetes Phänomen – zeigt Franziska Kuschel. Im Vergleich zu ihren Bruderländern des Warschauer Paktes hatte es die DDR besonders schwer, westlichen Einfluss zu begrenzen oder auch nur zu kontrollieren: Schließlich empfingen die Menschen in Ostdeutschland den Feindsender RIAS und andere westliche Programme in ihrer Muttersprache. Der Leser erfährt von Hürden bei der gegenseitigen Beeinflussung (denn natürlich ging es immer auch um die BRD und die Ostmedien), die heute vergessen sind, etwa die Folgen unterschiedlicher Farbfernsehsysteme, PAL im Westen, SECAM im Osten, für den Konsum der Programme des Nachbarlandes. Ob Aussortieren von Westaltpapier durch Mitarbeiter des VEB Altstoffhandel für Bekannte, ob gestohlene Bücher bei der Leipziger Buchmesse: Die Autorin hält eine Fülle von Informationen bereit und beschränkt ihre Darstellung doch auf lesbare 300 Seiten.

Ein besonderes Interesse am Thema muss da schon der Leser von Uwe Sonnenbergs Darstellung des linken Buchhandels in der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er Jahren gepackt haben, will er das Buch ganz durchlesen. Von ersten Organisationsfragen der „Revolutionären Literaturproduktion“, von der Gründung erster linker Buchhandlungen, von Gegenbuchmessen und dem VLaB, dem Verzeichnis lieferbarer alternativer Bücher zeichnet der Autor kenntnisreich und ausführlich eine Landschaft nach, die es heute nicht mehr gibt. Immer wieder ertappt sich der Leser dabei, dass er sich auch für die Gegenwart ein bisschen mehr Gegenöffentlichkeit wünscht in einer Zeit, in der auch die ZEIT keine Position mehr bezieht, sondern Themen jeweils durch einen Gegner und einen Befürworter kommentieren lässt.

Bildlich gesprochen schien im Kalten Krieg der Eiserne Vorhang das beste Bild für die Grenze der Ideologien. Jan Mohnhaupt berichtet von der Republikflucht eines Tierparkwärters im Transportkäfig einer Elchkuh. Jeder Westdeutsche, jeder Westberliner kann sich an unzählige Momente an den Grenzübergängen bei der Einreise in oder der Durchreise durch die DDR erinnern. Wie die Grenzübergangsstellen aber konstruiert waren, wie der Alltag der Grenzpolizisten aussah, welche wirtschaftliche Bedeutung diesen Kontrollpunkten zukam und unter welchen Bedingungen die Menschen in den Sperrgebieten lebten, ist weitgehend unbekannt. Am Beispiel des Grenzübergangs Helmstedt-Marienborn bringt ein informatives Buch der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt Licht ins Dunkel. Die Lektüre Lesevergnügen zu nennen, mag der historischen Dimension und dem vielfältigen menschlichen Leid nicht gerecht werden, das dieser Aspekt der deutschen Teilung für viele bedeutete. Und doch bereiten einem die zehn versammelten Beiträge kurzweilige Lektüre.

Jan Mohnhaupt: Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete. Carl Hanser Verlag, München 2017. 300 Seiten, 20 Euro. 978-3-446-25504-3.

Peter Hoeres | Anuschka Tischer (Hg.): Medien der Außenbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart. Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein und der Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf. Böhlau Verlag, Köln 2017. 519 Seiten, 80 Euro. 978-3-412-50709-1.

Franziska Kuschel: Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser. Die DDR und die Westmedien (= Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert Band 6). Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 328 Seiten, 34,90 Euro. 978-3-8353-1789-5.

Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren (= Geschichte der Gegenwart Band 11). Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 568 Seiten, 44 Euro. 978-3-8353-1816-8.

“Mit den Autos kommt die Ideologie”. Der Grenzübergang Helmstedt-Marienborn im Kontext der Teilung Deutschlands und Europas (= Wissenschaftliche Reihe der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt Band 3). Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2016. 159 Seiten, 14,95 Euro. 978-3-95462-548-2.

28. Mrz 2017

Kurzkritik Bertina: “Mona Lisa in Bangoulap”

von broemmling

Ausgelesen! Der Franzose Arno Bertina hat mit Mona Lisa in Bangoulap eine wunderbare kleine Fabel verfasst, die allen empfohlen sei, die sich mit Kulturgut, Raubgut, Beutekultur befassen – und allen anderen, die das nicht tun, ebenso. Denn der Autor führt das Gedankenexperiment durch, was eigentlich passierte, wenn die Einwohner ferner Länder plötzlich freien Zugang zu ihren Kulturgütern verlangten, die von ehemaligen Kolonialmächten und Ausgrabungspartnern in Europa stolz zur Schau gestellt werden. Und freier Zugang hieße in diesem Fall nicht nur freier Eintritt in die Museen, sondern auch freie Einreise, um überhaupt bis zu den Museen vorzudringen. Ein spöttisches Szenario, dem der Leser wenig entgegensetzen kann. Denn natürlich wird Berlin die Nofretete nie an Ägypten geben; aber wie könnten wir einem Ägypter verwehren, ein so wichtiges Exponat seiner Geschichte einmal im Original sehen zu dürfen? Neue Ströme von Reisenden würden Europa fluten. Wird sich dann Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und damit Herr über Nofretete, vor die Kameras stellen, eine Raute machen und sagen: “Wir schaffen das”? So kann der Leser Bertinas Gedankenfäden weiterspinnen. Er kann aber auch am Text bleiben, der amüsant und entlarvend genug ist für das Verhalten der vermeintlich großen Kulturnationen. Und mindestens ebenso schøn wie die Grundidee sind des Autors Sticheleien vornehmlich gegen die Franzosen, die sich der Eintrittskarteneinnahmequelle des Louvre beraubt sähen, wie gegen die Italiener, die nun Zugang zu allen ihren römischen Skulpturen in den Museen dieser Welt verlangten.

Arno Bertina: Mona Lisa in Bangoulap. Die Fabel vom Weltmuseum. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Bénédictine Savoy. Matthes & Seitz, Berlin 2016. 78 Seiten, 15 Euro. 978-3-95757-346-9.

27. Mrz 2017

Kurzkritik Pavese: “Der Mond und die Feuer”

von broemmling

Ausgelesen! Blaue Blume, blaue Stunde, blaue Grotte, blaue Elise, blaue Lagune: Blau steht längst nicht mehr nur für das Zeitalter des Rokoko in der Kunst oder die Literaturepoche der Romantik: Kinder verbinden die Farbe mit einer Ameisenbärin, mit Krümelmonster oder Loriots Blauem Klaus; für Sehnsucht nach dem Unbekannten, nach der Ferne steht sie überall. Mit der Edition Blau verlegt der Rotpunktverlag Belletristik seit kurzem in einer neuen Reihe. Literatur der Gegenwart und der klassischen Moderne erscheint in lesefreundlichen, schön gestalteten Ausgaben. Der Einband des ersten Titels, Der Mond und die Feuer des Piemontesers Cesare Pavese in neuer Übersetzung, ist passend zur Reihe in tiefem Blau gehalten, und die neue Übersetzung des Romans aus dem Jahr 1950 macht so viel Freude, dass man Lust auf die ganze Reihe bekommt. Da ist es gut, dass nur drei Titel pro Saison erscheinen. Der Mond und die Feuer (Original: La luna e i falò) ist ein Heimkehrerroman, ein Text voller Sehnsucht nach Anerkennung, voller unerfüllter Wünsche, voller Traurigkeit über vertane Chancen. Aber bei aller gedrückten Stimmung entsteht durch des Erzählers Bericht von der Heimkehr aus Amerika in das Dorf der Kindheit im Piemont, das er Jahrzehnte zuvor als Findelkind, von allen Bastard gerufen, und Tagelöhner verlassen hatte, ein Bild vom Wunder des Lebens.

Cesare Pavese: Der Mond und die Feuer. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Nachwort von Paola Traverso. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2016. 211 Seiten, 24 Euro. ISBN 978-3-85869-715-8.

20. Mrz 2017

Kurzkritik Suter: “Elefant”

von broemmling

Ausgelesen! Diesmal also Glowing Animals, mikrozephaler, osteodysplastischer primordinaler Zwergwuchs, Elefantologie, Myanmar und Obdachlosenidyll. Martin Suter ist für seine hervorragend recherchierten, wissenschaftlich stark belastbaren Romanstoffe bekannt, die zumeist bislang keine Stoffe der Weltliteratur waren. Zeitreisen ließ er in früheren Romanen möglich werden, er entführte die Leser in die Welt der Kunstfälschung, schickte Manager auf Trips mit halluzinogenen Pilzen und ließ investigative Journalisten gleich mehrere Mordanschläge überleben. Ist in Zeiten der alternativen Fakten, wie sie so schwachsinnig heißen, jetzt auch der gut recherchierte Roman nichts mehr wert, oder woran liegt es, dass Suters neuer Roman Elefant von eher kleinwüchsiger Bedeutung ist? Der Autor hat diesmal über aller genauen Recherche die Spannung vergessen. Ein rosa leuchtender Elefant gelangt von A nach B nach C nach D, und eine engagierte Tierärztin (mit Stiftungshintergrund!) verliebt sich in einen Obdachlosen. Ganz hübsch, aber leider war es das schon. Vielleicht ist es auch die Fallhöhe, die Elefant zu einer kleinen Enttäuschung macht: Wer schon so viele gute Plots ersonnen und Fakten und Fiktion mit Spannung kombiniert hat, dem merkt man ein Missgeschick viel leichter an als einem Durchschnittsromancier. Es ist keine qualvolle Lektüre, das dann doch nicht. Aber als ich durch die 80 Kapitel und 350 Seiten durch war, fragte ich mich immer noch, wann es eigentlich richtig los gehen würde.

Martin Suter: Elefant. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2017. 352 Seiten, 24 Euro. ISBN 978-3-257-06970-9.

11. Mrz 2017

Kurzkritik Yanagihara: “Ein wenig Leben”

von broemmling

Ausgelesen! Ich könnte auch vorsichtig “Ausgeweint!” schreiben, aber das wäre nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn die Tränen kamen erst auf den letzten fünf Seiten – von 958 – dafür aber üppig. Hanya Yanagihara hat mit Ein wenig Leben einen herausragenden Roman geschrieben, der vier Freunde – oder zwei oder einen oder fünf, je nach Perspektive – durch drei Jahrzehnte ihres Lebens begleitet. Das tut sie stilsicher, auch wenn die Erzählperspektive zuweilen unvermittelt und unbegründet wechselt und manches Bild dann doch ein bisschen misslingt (“Wie oft sollte er sich denn wiederholen müssen, wo er doch jedes Mal, wenn er die Geschichte erzählte, die Kleider von seiner Haut abstreifte und das Fleisch von seinen Knochen, bis er so verletzlich war wie eine kleine rosa Maus?” – wo kommt da bloß die rosa Maus auf einmal her? Aber das sind Ausnahmen). Wenn dem Leser langsam die Geschichte des einen Freundes immer klarer vor Augen tritt, geschieht dies durch eine bislang ungekannte Subtilität und faszinierende Beobachtungsgabe Yanagiharas: Immer wieder fragt man sich, wie der Autorin so wunderbare Kleinigkeiten in Gedanken, Gefühlen und Gesten egal bei wem ihrer Akteure so passend einfallen konnten. Die hawaiianische Autorin spitzt Situationen so kunstfertig zu wie Bleistifte, immer weiter, und immer hofft man weiter, dass die Mine nicht brechen möge – bis es zu spät ist. Denn natürlich hat A Little Life kein Happy End – das ist nicht zu viel verraten (aber jede weitere Bemerkung zu Konstellationen oder Ereignissen wäre es). Bei aller Begeisterung störte doch zweierlei die Lektüre: Alle Akteure sind supererfolgreich, gleich ob Künstler, Architekt, Schauspieler, Anwalt. Und zuweilen vermisst man bei allem subtilen Erzählen doch die Nuancen. Die Menschen sind hier entweder besonders böse oder besonders gut. Irgendeine graue Maus (anstelle der rosafarbenen) hätte auch mal gut getan. Aber ungeachtet dessen: ein großer, großer Roman.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin, Berlin 2016. 958 Seiten, 28 Euro. 978-3-446-25471-8.

6. Mrz 2017

Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau: Kurzkritiken in der Frühlings-DHIVA

von broemmling

Ausgelesen! Wie in jeder Ausgabe gebe ich auch im gerade erschienenen Frühlingsheft der DHIVA, einer Zeitschrift für Frauen, Sexualität und Gesundheit, Literaturtipps. Diesmal lade ich zum Aufbruch aus der androzentrischen Welt ein:

Fragezeichen in Buchtiteln sind des Teufels – oder gerne der Teufelin. Ein Buch über Kaiserinnen in der Frühen Neuzeit schätzt seine eigene Bedeutung gering, wenn der Titel relativierend Nur die Frau des Kaisers? fragt. Ein Band, der herausragende Frauengestalten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrunderts versammelt, schmälert seinen Inhalt, wenn diese Größen der Geisteswelt – darunter Rahel Varnhagen, George Eliot und Madame de Staël– als Frauen der Heine-Zeit klassifiziert werden. Vollends zu Objekten geraten die Frauen im Buch über Arthur Schnitzler und seine süßen Wiener Mädel, was in diesem Fall vermutlich so gewollt ist, denn es geht ja um den Wiener Künstler, der alle diese Frauen haben will. Aber warum heißt Kerstin Deckers neue Biographie über Elisabeth Förster-Nietzsche Die Schwester? Lässt sie sich wirklich nur verkaufen, wenn schon der Titel auf den Bruder, den Philosophen verweist? Mehr Mut!

Die Titel ärgern vor allem deswegen, weil sich dahinter fabelhafte Bücher über große Gestalten aus Politik, Kultur und Gesellschaft verbergen, die des Verweises auf einen Mann gar nicht bedürfen. Nach ihrer Biographie über Frieda von Bülow (vgl. DHIVA September 2015) hat Kerstin Decker wieder den Charakter einer Persönlichkeit so gut herausgearbeitet, dass man mitleidet, mitfiebert und mitlacht, wenn Elisabeth Förster-Nietzsche etwa Harry Graf Kessler bittet, mit der Umsetzung eines Plans wenigstens zehn Jahre zu warten, denn „da werde ich ja hoffentlich tot sein.“ Und die Kaiserinnen der Frühen Neuzeit stehen gut auch ohne ihre Kaisergatten da.

Dass es auch anders geht, zeigt Regula Winkelmanns und Peter Watchorns Biographie über Isolde Ahlgrimm. Die Cembalistin veranstaltete in ihrer Geburtsstadt Wien zwischen 1937 und 1957 die „Concerte für Kenner und Liebhaber“ auf historischen Instrumenten. Isolde Ahlgrimm muss eine faszinierende Künstlerin gewesen sein, die ihre Virtuosität in den Konzerten erst öffentlich, dann im privaten Kreis unter Beweis stellte. Auch wenn sie die „Concerte“ gemeinsam mit ihrem Mann Erich Fiala gab, der gerne als Künstlerischer Leiter fungierte, auch wenn sie aus Rücksicht auf ihn zeitweise auf größeren Ruhm verzichtete, ist sie nie nur die Ehefrau oder Partnerin. Isolde Ahlgrimm tritt als ganz eigenständige Künstlerin vor das Auge der Leser. Bedeutung erlangen große Frauengestalten wie sie eben nicht erst durch ihre Beziehung zum Mann oder Bruder oder Zeitgenossen.

Dass Frauen es lange Zeit deutlich schwerer hatten, ihr Talent der Öffentlichkeit bekannt zu machen, steht außer Zweifel. Formale Vereinigungen und informelle Netzwerke konnten zuweilen solche Nachteile mit konkreter Hilfe und Förderung ausgleichen. Marianne Baumgartner stellt kurzweilig den Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien vor, der von 1885 bis 1938 als Plattform zum Erfahrungsaustausch diente. Und wenn hier Männernamen auftauchen, sind es nicht selten nur Pseudonyme; im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die Frauen.

Bettina Braun | Katrin Keller | Matthias Schnettger (Hg.): Nur die Frau des Kaisers? Kaiserinnen in der Frühen Neuzeit. Böhlau Verlag, Wien 2016. 978-3-205-20085-7. 272 Seiten, 60 Euro.

Beate Borowka-Clausberg (Hg.): Salonfähig. Frauen in der Heine-Zeit. Morio Verlag, Heidelberg 2016. 978-3-945424-31-5. 151 Seiten, 19,95 Euro.

Johannes Sachslehner: Alle, alle will ich. Arthur Schnitzler und seine süßen Wiener Mädel. Styria Verlag, Wien 2015. 978-3-222-13505-7. 239 Seiten, 26,90 Euro.

Kerstin Decker: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche: Berlin Verlag, Berlin 2016. 978-3-8270-1277-7. 652 Seiten, 24 Euro.

Regula Winkelman | Peter Watchorn: Die Cembalistin Isolde Ahlgrimm (1914-1995). Eine Wegbereiterin der historischen Aufführungspraxis. Böhlau Verlag, Wien 2016. 978-3-205-79679-4. 288 Seiten, 29,99 Euro.

Marianne Baumgartner: Der Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien (1885 – 1938). Böhlau Verlag, Wien 2015. 978-3-205-79702-9. 443 Seiten, 49 Euro.

DHIVA 2017-1 Broemmling

19. Feb 2017

Kurzkritik “Leben im Denkmal” und viele andere

von broemmling

Ausgelesen! Zu meinem Lesepensum der vergangenen Woche zählten auch zahlreiche Titel, die weiterführende Informationen über das Schwerpunktthema des Frühlingsheftes von VIERVIERTELKULT bieten. Im nächsten VIERVIERTELKULT wird es um Rekonstruktionen gehen. Inzwischen bin ich durch alle Titel durch, wobei ich durchaus zugebe, dass ich weder die 750 Seiten von Ulrike Sbresnys Sammlungen des Adels noch die 1.025 Seiten von Sabine von Schorlemers Opus Magnum Kulturgutzerstörung in Krisenländern als Herausforderung für die Vereinten Nationen Seite für Seite gelesen habe; die Serviceseiten sollen schließlich nur einen Überblick über neue Titel zum Thema bieten.

Seite für Seite gelesen habe ich wie die Mehrzahl der anderen vorgestellten Titel den Katalog zur Ausstellung Schloss.Stadt.Berlin. Schon die Ausstellung im Ephraim-Palais, die sehr empfohlen sei, hat gezeigt, wie das Schloss erst nach und nach vom Rand der Stadt in deren Zentrum rückte – und selbst die Stadt wurde. Und auch wenn ich – wenn überhaupt eine Schlossrekonstruktion – das Renaissanceschloss dem Barockriesen vorgezogen hätte, hat mir bislang keine Publikation die Bedeutung des Gebäudes so plausibel vor Augen geführt wie diese.

Die Randthemen eines jeden Schwerpunktes aber sind die schønsten. Leben im Denkmal zeigt anhand von 80 Denkmälern , wo sich Denkmalpflege und Rekonstruktion auf der anderen Seite der Extreme wiedertreffen: Denkmal wie Rekonstruktion leben vom Leben in ihrem Innern. Ein unbewohntes Haus, eine ungenutzte Kirche, eine leer stehende Brauerei ließen eine Stadt zum Museum werden. Das hat die Rekonstruktion dem Denkmal voraus: Sie wird idealiter von Anfang an mit Leben gefüllt. Wie Berliner Denkmäler heute genutzt werden, wie manche verrotten, weil sie derzeit keine Nutzung finden, erzählt Dietrich Worbs mit Fotos von Wolfgang Reuss. Man liest sich fest und legt das Werk erst aus der Hand, wenn man durch alle Gebäude durch ist. Darunter so wunderbare Orte wie die Buchhandlung im Haus Hardenberg (erst Kiepert, dann J. F. Lehmanns, dann gar nichts mehr), die Villa Wuttke in Frohnau und die Wohnung des Stalinallee-Architekten Richard Paulinck in derselben. Für mich war die größte Entdeckung eine in der Nachbarschaft: Schon immer wusste ich, dass das Haus auf dem Innenhof der Potsdamer Straße 81, die Nr. 81C, etwas Besonderes war, aber ich kam bislang nicht hinein. Hinweistafeln fehlen. Jetzt weiß ich: Hier, im 1873/74 eigens für ihn gebauten Haus, malte Anton von Werner, Präsident der Akademie der Künste und des Berliner Künstlervereins, nicht gerade als besonders fortschrittlich bekannt, die Wände voll. Wie es drinnen aussieht, sehe ich zum ersten Mal in diesem Buch – in dem jeder seine eigenen Entdeckungen machen wird.

Wolfgang Reuss | Dietrich Worbs: Leben im Denkmal. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2016. 186 Seiten, 29 Euro.

Paul Spies | Peter Schwirkmann | Dominik Bartmann: Schloss.Stadt.Berlin. Die Residenz rückt in die Mitte (1650-1800). Holy Verlag, Berlin 2016. 223 Seiten, 29,90 Euro.