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7. Apr 2021

In memoriam: Hans Küng

von broemmling

Am 6. April 2021, Dienstag nach Ostern, ist Hans Küng gestorben. Am 6. November 2010 hatte ich im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung sein Buch Anständig wirtschaften unter dem Titel Geschäfte ohne Moral besprochen (einer der wenigen Fälle, in denen der Redakteur meinen Vorschlag für die Überschrift nicht akzeptierte; ich hatte Ökonom sein vorgeschlagen – in Anlehnung an Küngs Buch Christ sein). Zwei Wochen später war Post von Hans Küng in meinem Berliner Briefkasten. Der Autor hatte eines seiner Bücher geschickt – mit freundlichster Widmung: Für Ulrich Brömmling mit herzlichem Dank für seine sehr hilfreiche Besprechung. 16.11.2010. Hans Küng.

Die Besprechung ist mit vielen anderen meiner Rezensionen in der SZ abgedruckt in Das Wirtschaftsbuch. Annäherungen an die Ökonomie in der Süddeutschen Zeitung. Siegburg 2013.

Vor dem Text der Rezension noch ein Gedanke. Hans-Jochen Vogel + 26. Juli 2020, Winfrid Frhr. v. Pölnitz von und zu Egloffstein + 19. März 2021, Hans Küng + 6. April 2021: In Jahresfrist sind drei Persönlichkeiten gestorben, zu denen ich so ziemlich ohne Einschränkungen aufgeblickt habe. Während sich die Erde erwärmt, kühlt die Menschheit immer weiter ab.

Hans Küng: Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht. Piper Verlag, München 2010, 342 Seiten. 19,95 Euro.

Wir kennen Hans Küng als großen Theologen. „Christ sein“ heißt sein bedeutendstes Werk. Wir kennen Hans Küng als großen Ethiker. Die Stiftung Weltethos geht auf seine Initiative zurück. Nun lernen wir Hans Küng als großen Ökonomen kennen, der eine neue, ethisch fundierte Weltordnungspolitik entwirft.

Küng breitet das gesamte Spektrum der Volkswirtschaftslehre aus und dringt von dort bin in die Mikroökonomie vor. Wo der Theologe spricht, kann Milton Friedmans freche These, die moralische Pflicht des Unternehmers reduziere sich auf die Profitsteigerung, nicht gelten. Doch auch über die anderen Wirtschaftsphilosophen weist Küng hinaus.

Individuelle, sittliche Autonomie, wie sie Friedrich von Hayek propagierte, genügt nicht. Ebenso wenig taugt für Küngs neues Wirtschaftsethos John Maynard Keynes, der den Kapitalismus als Religion verachtete, als Glauben, dass die widerwärtigsten Männer aufgrund der widerwärtigsten Motive irgendwie für den Nutzen aller arbeiteten.

Das Manifest „Globales Wirtschaftsethos – Konsequenzen für die Weltwirtschaft“ hat Küng gemeinsam mit dem Wirtschaftsethiker Josef Wieland und dem ökosozialen Unternehmer Klaus Leisinger verfasst und bereits im Frühjahr des vergangenen Jahres veröffentlicht. Der ehemalige Präsident der Weltbank James D. Wolfensohn gehört zu den 21 Erstunterzeichnern, ebenso Prinz El Hassan bin Talal von Jordanien und der Theologe Leonardo Boff. Küng weiß den UN Global Compact hinter sich, der sich in gleicher Weise wie das Manifest für Menschenrechte, Arbeitsstandards, Umweltschutz, Korruptionsbekämpfung einsetzt.

Wer handelt im ökonomischen Alltag im Sinne einer ethischen Weltordnung? Küng beruhigt den Leser: Es sind mehr, als man annimmt. Und es ist kein Zufall, dass er als Musterbeispiel verantwortungsvollen Wirtschaftens Karl Konrad Graf von der Groeben anführt. Der half nicht nur Küngs Stiftung Weltethos auf den Weg, sondern unterstützte auch andere Stiftungsprojekte. Für den Grafen beschränkte sich Wirtschaften eben nicht auf Profitmaximierung: Er trug Gandhis „Sieben Todsünden in der heutigen Welt“ stets bei sich. Hierzu zählt neben „Reichtum ohne Arbeit“ und „Genuss ohne Gewissen“ auch die häufigste Sünde der Ökonomie: „Geschäft ohne Moral“.

Küng ist nicht Prediger der Sanftmut: Härte gehört zum Geschäft, Führungsstärke allemal. Aber es sind Geist, Herz und Haltung, die heute so wichtig geworden sind. Das gelingt nicht mit Hilfe von Unternehmensberatern – Küng zitiert die Klage von der egoistischen Karrieremanie der Machiavelli-Kurse für Manager. Küng fordert ein globales „Menschheitsethos“ für die Wirtschaft, das die Einigung auf kulturübergreifende Normen braucht. Er beschränkt die Gebote und Werte auf vier Imperative der Menschlichkeit, die auch in der Wirtschaft gelten müssen: nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen und Sexualität nicht missbrauchen.

Auch Letzteres ist durchaus ein Gebot der Wirtschaft, denn es geht auch um Entwürdigung, Erniedrigung und Schändung, und Küng leitet über zu den weltethischen Kernnormen Humanität und Gegenseitigkeit. Das Manifest für ein globales Wirtschaftsethos wird deshalb erfolgreich sein – da ist sich Küng sicher – weil es auf uralten Erfahrungen der Menschen fußt. Eine Handlungsempfehlung für Führungskräfte, aber auch für jeden Einzelnen im Team ist entstanden. So dicht geschrieben, wie es irgend ging. Küng ist mit seiner Mahnung ein Werk gelungen, das ähnliche Bedeutung erlangen könnte wie „Christ sein“ – wenn es nicht, was zu befürchten ist, in der Fülle der Literatur sehr unterschiedlichen Niveaus zu Wirtschaftskrise, Führung und Moral untergeht.

 

3. Apr 2021

Neue Nachlieferung im StiftungsManager. Aussortierte Kurzkritik Borgolte hier

von broemmling

Am Karsamstag kam die neue Nachlieferung des Erich Schmidt Verlags für den StiftungsManager. Da die Abonnenten leider meine Besprechungen der Vorlieferung aussortieren müssen, bevor sie die neuen einfügen, kommen die nunmehr aussortierten oder einige von ihnen zuweilen in den Blog. Michael Borgoltes Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte lohnt sich wirklich.

Michael Borgolte: Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte. Von 3000 v.u.Z. bin 1500 u.Z. Verlag WBG, Darmstadt 2017. 728 Seiten, 79,95, 63,96 € für wbg-Mitglieder. 978-3-534-26962-4.

Es sei, das ist bei Rezensionen unüblich, diesem Werk vorausgeschickt: Es kommt vor, dass ein Rezensent bedauert, ein Werk nicht Seite für Seite wiedergeben zu können. In diesem Fall ist des Michael Borgoltes Weltgeschichte, die er als Stiftungsgeschichte darstellt. Zugegeben: Der Rezensent hat in seiuner Dissertation selbst einen altnordischen Runenstein zum Ursprung des norwegischen Stiftungswesens erklärt. Aber wie breit lässt sich stifterisches Tun tatsächlich fassen? Ist alles, was Besitzverzicht ist, gleichzeitig auch stifterisches Engagement? Dem Historiker Michael Borgolte jedenfalls gelingt ein Parforceritt durch die Geschichte, angefangen im Jahr 3000 vor Christus oder vor unserer Zeitrechnung, und immer wieder kann er stifterisches Engagement belegen. Natürlich ist es immer und in jeder Epoche neu die Frage, was Stiften beinhaltet und ob sich der vermeintliche Stifter dem Wesen seiner ebenso vermeintlich stifterischen Tat bewusst war. Deswegen nennt der Autor die beiden Begriffe „Stifter“ und „Stiftungspolitiker“. Jedes Vermächtnis, und sei es auch nur das „einiger Häuser gegenüber der Synagoge und eine Reihe hebräischer Bücher“ sieht der Autor als stiftungsartig. Wer die Beliebigkeit kennt, mit der heute bereits Stiftungen auf Zeit und Stiftungsdarlehen als Stiftungen gerechnet werden, hat bei dieser Argumentation keinen Zweifel. Und auch wer Zweifel hat, ist imponiert von der Fülle der Beispiele, die der Autor dem Leser aus 45 Jahrhunderten präsentiert. Von Anfang bis Ende ein lesenswertes Buch ohne Ärgernis.

 

16. Mrz 2021

Kurzkritik 100 Jahre LANV

von broemmling

So muss eine Festschrift sein. Diesem Buch merkt man auf den ersten Blick nicht an, dass es sich um das Auftragswerk eines Verbandes zu dessen 100-jährigem Bestehen handelt, ein Jubel-Jubiläumsband also. Und das, obwohl Auftrag und Anlass klar benannt sind. Nach der Lektüre ist man um viele Erkenntnisse reicher, ohne das Gefühl zu haben, man sei hier einem Propagandabuch auf den Leim gegangen. Wie funktioniert das?

Jürgen Schremser und Toni Büchel haben bei der Konzeption und Redaktion des Werkes auf die richtige Mischung geachtet: nicht zu viel Verband, aber auch nicht zu wenig, bereichert um übergeordnete Themen, alles durchzogen von einer Zeitleiste, die über Beschlüsse, Entwicklungen und Ereignisse aus 100 Jahren LANV informiert. Aus Gesprächen der Redakteure (in Liechtenstein ist der Redakteur ein Redaktor) mit zentralen Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, Gewerkschaft und Verwaltung stammen die Zitate, die ebenfalls über das ganze Buch verteilt sind. So trotzen Autorinnen und Autoren wie Gestalter erfolgreich der Gefahr, dass eine 100-jährige Verbandsgeschichte sich schnell so dröge liest wie die Satzung einer Kleingartenkolonie.

Ein einziger Kritikpunkt meldet sich gleich beim Aufschlagen des Buches und will einen nur schwer verlassen. Auch wenn es ein Jubiläumsbuch ist und man den Verband natürlich nicht in schlechtes Licht setzen will, wirkt es an einigen Stellen doch eine Nuance zu glatt. Das fällt eigentlich nur bei einem Thema auf. Gleichen Lohn für gleiche Arbeit wie die der männlichen Kollegen bekommen die Arbeitnehmerinnen in Liechtenstein bis heute nicht (das ist leider auch in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich nicht anders). Doch schon durch den Titel gewinnt man den flüchtigen Eindruck, im fortschrittlichen Liechtenstein seien schon vor 100 Jahren die Frauen gleichberechtigt gewesen. 100 Jahre Liechtensteinischer ArbeitnehmerInnenverband LANV? Das klingt sympathisch und aufgeschlossen. Wenige Seiten später erfährt man dann aber doch, dass die Frauen erst 82 Jahre nach Gründung im Verbandsnamen sichtbar wurden, Ergebnis der Bemühungen einer fünf Jahre zuvor, 1997, gegründeten Frauengruppe. Auch im Verband ist der Weg nach oben offenbar nicht ohne Hürden: Bislang hatte der LANV in den ersten 100 Jahren seines Bestehens erst eine Präsidentin, Alice Fehr. Die übrigen Präsidenten und sämtliche Vizepräsidenten: alles Männer. Aber dafür kann schließlich das Buch nichts.

100 Jahre Liechtensteienischer ArbeitnehmerInnenverband LANV 1920-2020. BVD, Schaan 2020. 123 Seiten.

10. Jan 2021

Kurzkritik Beckmann|Walter: Email-Korrespondenz

von broemmling

Ausgelesen! Digitalisierung war einer der Schwerpunkte der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im 2. Halbjahr 2020. Der technische Fortschritt hat ein Tempo erreicht, mit dem nicht jeder Schritt halten kann. Man profitiert von den neuesten Entwicklungen umso stärker, je sicherer man sich auf den Einstiegsmedien bewegt. Grobe Schnitzer aber sind bei vielen auch heute noch beim Schreiben von E-Mails, beim Surfen im Internet, bei Kurznachrichten welchen Anbieters auch immer an der Tagesordnung. Da scheint ein kleiner Leitfaden zur E-Mail-Korrespondenz. Juristisch und sprachlich korrekt eine sinnvolle Hilfestellung zu sein. Der in der Reihe Beck kompakt erschienene Leitfaden erfüllt die Erwartungen – allerdings mit Einschränkungen. Doch wer kritisch liest und bei den einzelnen Hinweisen darüber nachdenkt, welcher Formulierungsvorschlag für die eigene Arbeit passt, wird das Büchlein gut nutzen können. Das beste Argument für dieses Buch: Die 127 Seiten enthalten alle großen Fragen, die der Gebrauch von E-Mails aufwirft. Das beste Argument dagegen: Die Antworten werden in nicht wenigen Fällen nicht auf die eigene Arbeitssituation passen. Das beginnt bei der Anrede. Die Autoren weisen zwar auf die Notwendigkeit zielgruppengerechter Anrede hin. Die dafür gelieferten Vorschläge sollte man jedoch für bestimmte Zielgruppen, etwa für Adressaten im Stiftungswesen, nicht – oder zumindest nicht gedankenlos – übernehmen. Zu oft gilt im Büchlein Hallo als passend, dabei empfinden einige Stifter:innen und Stiftungsvertreter:innen jedes Hallo in der Anrede wahlweise als indiskutabel, frech oder übergriffig. Die Anredeform Liebe/r dagegen ist in der Stiftungskorrespondenz deutlich häufiger als es hier den Eindruck erweckt. Schlicht falsch ist die Information, nach der Änderung des Personenstandsgesetzes könne ab 1. Januar 2019 ins Personenstandsregister auch diverses eingetragen werden. Das klingt ignorant und ist misslich; denn weiterhin generisches Maskulinum verwenden können allenfalls jene, die sich mit dem Diskurs zur gendergerechten Sprache zumindest ernsthaft auseinandergesetzt haben. Da kommen im Falle der Autoren Zweifel auf. Dass das Gendersternchen für Diversität steht, weil es die LGBTIQA+-Community einbezieht, erfährt man zumindest aus diesem Buch nicht. Zum Gebrauch geschlechterneutraler Anrede durch die Nennung von Vor- und Zunamen regen die Autoren an, ohne auf ein mögliches datenschutzrechtliches Risiko hinzuweisen. Dafür übernehmen sie kritiklos die Versatzform Studierende, obwohl das Wort etwas anderes bezeichnet als Studentinnen und Studenten. Auch die Hinweise zu Einfacher und Leichter Sprache sind missverständlich. Leichte Sprache ist zumindest nach Definition des Vereins Netzwerk Leichte Sprache kein Ersatz für den ursprünglichen Text, sondern kann nur zusätzliches Angebot sein. Doch wegen vieler grundsätzlicher Hinweise zum Verfassen von E-Mails, zum Erscheinungsbild, zur Rechtsverbindlichkeit und zu Schreibweisen ist das Büchlein zu empfehlen; es gibt in dieser Kürze kaum Alternativen.

Edmund Beckmann | Steffen Walter: E-Mail-Korrespondenz. Juristisch und sprachlich korrekt. Verlag C. H. Beck, München 2019. 127 Seiten, 7,90 Euro. 978-3-406-73685-8.

6. Jan 2021

Kurzkritik Po-chia Hsia: Maria Theresia Fugger von Wellenberg

von broemmling

Ronnie Po-chia Hsia: Gräfin Maria Theresia Fugger von Wellenberg (= Studien zur Fuggergeschichte 44). Aus dem Englischen von Eva Letwin. Wißner-Verlag, Augsburg 2015. 150 Seiten, 16,80 Euro. 978-3-95786-045-3.

Auch neu errichtete Stiftungen können aus uralter Stiftungsgeschichte lernen. Ein Blick in die Fuggergeschichte zeigt, dass es nicht allen Mitgliedern der Familie Fugger vergönnt war, ein sorgenfreies Leben zu führen. Vom Leben der Maria Theresia Fugger von Wellenberg, deren Mann ihr bei seinem Tod einen hohen Schuldenberg hinterließ und die dennoch fromme Stiftungen tätigte, erzählt ein bislang unbesprochener Band aus der Reihe „Studien zur Fuggergeschichte“ (die Bände 40-43 und 45-46 sind im StiftungsManager besprochen). In dem aus dem Englischen übersetzten Band erfährt das Lesepublikum ein spannendes Kapitel Missionsgeschichte, das den Jesuiten zu mehr, den päpstlichen Missionaren zu weniger Ehre gereicht. Das passt zum besonderen Jesuitenjubeljahr 2021: Nach der Schlacht von Pamplona am 20. Mai 1521 entschließt sich Ignatius von Loyola zum Tausch Konsum gegen Kutte (etwas verkürzt dargestellt, das folgt in einem gesonderten Beitrag), ebenfalls vor 500 Jahren wird ein kleiner Junge geboren, den wir als Hl. Petrus Canisius kennen.

5. Okt 2020

Armer Edvard Munch! Rezension im NordeuropaForum

von broemmling

Der derzeit wohl erfolgreichste Dichter eines Landes schreibt ein Buch über seines Landes erfolgreichsten Maler aller Zeiten und kuratiert eine Werkschau besonderer Art. In Norwegen war diese Projektidee zum Erfolg verdammt, ein Selbstläufer. So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Der Buchtitel enthielt das Programm zur Ausstellung im Osloer Munch-Museum vom 6. Mai bis 8. Oktober 2017, die dann nur noch Zum Walde – Knausgård über Munch hieß. Einen Katalog verdanken wir der zweiten, deutschen Station. Edvard Munch, gesehen von Karl Ove Knausgård reichte als Titel der Ausstellung im K20 der Kunstsammlung NRW, die vom 12. Oktober 2019 bis zum 1. März 2020 120.000 Besucher anzog. Knausgårds Munch-Buch erschien in der Übersetzung von Paul Berf zur Eröffnung. Und weil das Buch viel mehr zu sein schien als die Ausstellung zeigen konnte, aber viel weniger war, als es versprach, muss die Kritik sich mit beidem befassen.

Eine so große Ausstellung von Munch-Bildern hatte es im Ausland lange nicht gegeben. Zwei Umstände hätten jeder für sich genommen Gelegenheit geboten, 133 Munch-Originale aus Norwegen nach Deutschland zu schicken: 2019 stand Norwegen im Zentrum dreier Großevents: bei der Berlinale als Fokusland des European Film Market EFM, als besonderer Gast beim Bremer Jazzahead Festival, schließlich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Die Möglichkeit einer Munch-Ausstellung kam als Krönung gerade recht.

Eine Munch-Ausstellung ist die größte Freundschaftsgeste, die das Königreich einem Land machen kann. Doch galt das Munch-Museum in Oslo nicht als zurückhaltend bei der Ausleihe ins Ausland? Weckte man keine Begehrlichkeiten? Dass etwa Frankreich, wo Munch andere Impulse für sein Werk erhielt, gleiche Freundschaftsgesten erwartete? Gleichviel: Wenn je das Bild vom window of opportunity treffend war, dann hier. Denn das Munch-Museum zieht vom alten Standort in Oslo-Tøyen in den immer noch neuen Stadtteil Bjørvika. Ursprünglich für Frühling geplant, eröffnet das neue Haus nun im Herbst 2020.

Die Düsseldorfer Ausstellung passte genau in das alte Zeitfenster. Das hätte jede anders kuratierte Auswahl aus dem reichen Museumsfundus getan. Aber Knausgård hatte auch in Deutschland Verehrer gefunden, und so gab es die Bilder mit ihm als Kurator und Autor eines Begleitbuches quasi als Gesamtpaket. Das Angebot, aus dem Museumsschatz eine eigene Ausstellung zu heben, hatte Knausgård bereits 2017 im Munch-Museum wahrgenommen. Und genau diese Ausstellung kam zwei Jahre später nach Düsseldorf.

In vier Themen unterteilte Knausgård seine Auswahl: Licht und Landschaft, Der Wald, Chaos und Kraft und Die Anderen. Die Katalogtexte zu diesen Themen bieten eine lesbare Zusammenfassung all dessen, was Knausgård in seinem Munch-Buch in epischer Breite erzählt, wo er nicht gerade über sein eigenes Leben Rechenschaft ablegt.

Mit der Sonne aus dem Lebensfries fängt alles an, Ausstellung wie erstes Thema wie Katalog. Kein Bild wirkt stärker. Daher nimmt es auch anderswo einen prominenten Platz ein, etwa als Titelbild für das letzte Kapitel Anerkennung in der Heimat des Munch-Buches von Arne Eggum 1995. Maler an der Hausfassade von 1942 ebenfalls bei Licht und Landschaft zu sehen, ist eine wirkliche Neuentdeckung. Der Wald im zweiten Raum bringt Landschaftsbilder im Lauf der Jahreszeiten. Bei den Erläuterungen zum Frühling im Ulmenwald findet man Knausgårds Munch-Verständnis auf den Punkt gebracht: Munchs Methode hatte darin bestanden, sich selbst zu benutzen, nicht indem er malte, was er sah, sondern indem er zu visualisieren versuchte, was er empfand, wenn er sah […]. (S. 39).

Die Bilder, die für Chaos und Kraft stehen sollen, geben einen Einblick in Munchs Arbeit an den Bildern und sein plötzliches Stocken dabei. Wundert man sich bei Max Liebermann noch über fehlende Stuhlbeine, bricht Munch ein Bild oft in einem Stadium ab, in dem es für viele unvollendet scheint, seine Kernaussage aber schon erreicht haben mag. Hier ahnt man, wie gut es war, dass Munch Maler und nicht Bildhauer geworden und geblieben ist: Munchs Skulptur Weinendes Mädchen von 1914 überzeugt nicht jeden. Doch sie ist ein Beispiel dafür, wie Munch seine Themen nicht nur über die Jahrzehnte bewahrte, um nach und nach das treffende Gefühl darzustellen. Er blieb auch bei der Wahl unterschiedlicher Kunstarten denselben Themen verhaftet. Hier ist ein seltenes Beispiel aus Malerei und Bildhauerei zu sehen, das weinende Mädchen in Gemäldeform fehlt. Chaos und Kraft äußert sich für den Kurator auch in ausgewählten Grafiken – in den anderen Räumen hängt ausschließlich Öl. Eine der Grafiken, Zum Walde, reizte Knausgård in seinem Buch zur Bemerkung Så mye lengsel på så liten flate: So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Das schien ihm auf Munch insgesamt zu passen. Blieb der vierte Raum, das vierte Kapitel, in das neben Den Anderen auf großen Ganzkörperporträts und kleineren Gemälden zwei von Munchs Selbstporträts Eingang gefunden haben.

Wenn auf dieser Welt ein Museumsbesucher zuerst nah an die Erläuterung eines Kunstwerkes tritt, um sich zu informieren, was er da gleich sehen wird, ist es vermutlich ein Deutscher. Den unbefangenen Blick wagen wir selten. Selbst in Galerien gehen wir von Schild zu Schild, um zu verstehen, und lassen davon nicht ab, auch wenn wir zum zehnten Mal o. T. gelesen haben. Nur ein Prominenter aus dem Ausland konnte gegen die Übermacht der Etiketten und Schilder etwas tun, und es ist Knausgårds großes Verdienst, dass die Besucher im K20 vor allem das Kunstwerk selbst wahrnahmen. Neben den Bildern stand bis auf eine Nummer nichts, und in dem kostenlos erhältlichen Begleitheftchen fanden sich nur Angaben zu Titel, Format, Material. Dass dies ungewohnt für die Besucher war, merkte man an der Häufigkeit auch der vom Wachpersonal mündlich erteilten Hinweise, die das Begleitheftchen wiederholten: Auf Wunsch von Karl Ove Knausgård haben wir auf erläuternde Hinweise verzichtet. Wenn das die Voraussetzung ist, mögen bald nur noch Prominente aus dem Ausland Ausstellungen in Deutschland kuratieren.

Etwas ärgerlich dagegen: Als neu wird verkauft, was in Wahrheit schon einmal Gegenstand von Ausstellungen war, und da dies in Deutschland der Fall war, ist es durch Kataloge hinreichend belegt. Vom 2. Oktober 2004 bis zum 16. Januar 2005 hatte die Kunsthalle Emden 63 Ölgemälde Munchs, ebenfalls aus dem Munch-Museum, erweitert um ein Gemälde aus der Rasmus Meyers S

ammlung in Bergen, unter dem Titel Edvard Munch – Bilder aus Norwegen als Sonderausstellung präsentiert. Das Besondere an der Auswahl der Werke für die von Achim Sommer und Niels Ohlsen kuratierte Ausstellung: Erstmals sah man in Deutschland eine so große Zahl von Bildern aus der zweiten Lebenshälfte Munchs. Etwas Neues bringt die Ausstellung also auch von der Motivwahl her nicht. Das Im Wald gezeigte Gemälde Heutrocknen (Düsseldorf-

Kat. S. 67) etwa war bereits in Emden als Heureiter (Emden-Kat. S. 49) mit dabei. Statt Pferdegespann beim Pflügen (1919/20) (Düsseldorf-Kat. S. 66) wurde in Emden Mann mit weißem Pferd in einer Sommernacht II (1919/20, Emden-Kat. S. 45) gezeigt. Das Werk Der Heuer (Düsseldorf-Kat. S. 67) stellt den Kunstsinnigen vor ein Rätsel. Es stammt laut Katalog aus dem Jahr 1917. Ein identisches Gemälde war als Der Schnitter I, datiert auf das Jahr 1916, in Emden zu sehen (Emden-Kat. S. 47). Und identisch bezeichnet hier im wahrsten Wortsinne das gleiche Bild. Bei aller ikonischen Gleichheit vieler seiner Gemälde: Es dürfte dasselbe Bild sein. Einen einzigen Unterschied entdeckt der Betrachter: Die Druckqualität des Schnitters im 2004 bei Hatje Cantz erschienenen Katalog ist deutlich höher als die des Heuers. Selbst den Kohlacker, mit dem Knausgård seine Munch-Betrachtung eröffnet (So viel Sehnsucht, S. 7ff.) erkennt der Besucher der Düsseldorfer Ausstellung als das Kohlfeld wieder, das er schon in Emden sah. Es ist mit ziemlicher Sicherheit dasselbe Bild, nur dass man auch hier mit zwei Jahreszahlen arbeitet. Ist es für Knausgård aus dem Jahr 1915, gibt der Emder Katalog 1916 an. Der Apfelbaum im Garten 1932–42 ist genauso da (Katalog Düsseldorf, S. 35, Katalog Emden, S. 30) wie Frühling im Ulmenwald (Version II 1923–25, Katalog Düsseldorf, S. 38, Version I 1920–23, Katalog Emden, S. 61), das Gemälde also, das Knausgård als Titelbild für seine Ausführungen im Themenbereich Der Wald dient (S. 39f.). Noch viele Entsprechungen und Wiederholungen ließen sich nennen – und damit auch Versäumnisse. Eifersucht im Garten (Katalog Emden S. 36) verbindet auf bemerkenswerte Weise die unterschiedlichen Schaffensphasen, Stile und Stimmungen von Munchs Gesamtwerk. In Düsseldorf sucht man es vergebens.

Licht und Landschaft erzählt nichts wirklich Neues, Im Wald auch nicht. Das heißt nicht, dass Knausgårds Einteilung keinen Sinn ergebe. Sie ist nur ebenso subjektiv gewählt wie Einteilungen anderer Munch-Betrachter mit gleicher – subjektiver – Plausibilität. Eine ähnlich gute Darstellung von Munchs Schaffensprozess bot vor über 20 Jahren die Ausstellung Munch und Warnemünde, die vom Munch-Museum in Oslo über die Kunsthalle Rostock ins Atheneum nach Helsinki wanderte. Hier wurden übrigens gleich drei Grafik-Versionen von Weinendes Mädchen gezeigt, aus dem Bestand des Munch-Museums; wo sind sie bei Knausgård? Vielen der ausgewählten Motivzyklen und Themen für Chaos und Kraft hatte sich bereits ein Teil der Munch-Ausstellung in der Galerie der Stadt Stuttgart 1993 gewidmet: Die Hochzeit des Bohemien, Osloboheme, Der Menschenberg, Im Garten.

Was Knausgård dazu antreibt zu glauben, dass seine Auswahl eine ganz besondere sei, weiß, wer sein autobiografisches Werk in sechs Bänden kennt, das im Norwegischen unter dem Titel Min kamp erschienen ist und in der deutschen Übersetzung mit sechs Tätigkeitswörtern betitelt werden musste. Mein Kampf als Titel der Übersetzung lehnten alle Beteiligten aus naheliegendem Grund ab. Die Bände heißen Sterben, Lieben, Spielen, Leben, Träumen, Kämpfen. Einen Titel für Knausgårds Munch-Buch kann sich jeder selbst ausdenken. Der Autor erzählt von sich, von Freundschaften zu Künstlern, von sich und Munch.

Wie man den Eindruck erhalten kann, Knausgård hielte sich in seinem Munch-Buch sehr zurück mit Beschreibungen aus dem eigenen Leben, wie es der Tagesspiegel schreibt, ist rätselhaft. Die Selbstreferenzialität kennt keine Grenzen. Mitunter ist man sich nicht mehr sicher, ob der Autor bei den vielen Vergleichen, die er zwischen seinem Leben und dem des Malers vornimmt, nicht doch glaubt, es sei der Überlegene – oder er sei es selbst. Wer schon dieselben Schwierigkeiten im Umgang mit Frauen hat: Lese ich hier irgendetwas hinein, was ich über Munch weiß, sinniert der Autor über Angst im Bild, seine Angst vor Intimität und seine Furcht davor, sich mit Frauen einzulassen, und übernehme es einfach, was mir nicht sonderlich schwerfällt, weil Angst vor Intimität und Furcht vor Frauen mir vertraute Phänomene sind? Das hat vermutlich jeder zweite Mann mit Munch gemein, aber im Buch deutet es auf eine ganz besondere Verbundenheit der beiden Künstler. Dass sich Knausgård anschickt, Munch als Künstler für die Nachwelt zu retten, liest man an vielen Stellen zwischen den Zeilen, manchmal aber auch in aller Deutlichkeit. Vielleicht zehn, fünfzehn Gemälde aus einer Produktion von über eintausendsiebenhundert Bildern seien es, die uns allen im Bewusstsein geblieben seien. Da übertreibt der Autor mächtig: Denn Schrei, Madonna, Eifersucht, Das kranke Kind und die anderen gibt es ja nicht nur als jeweils ein Gemälde. Alle sind mehrfach ausgeführt, aber vielleicht hätte sich die Zahl 100 zu 1.700 nicht mehr ganz so dramatisch verhalten wie gewünscht.

Knausgård hat sich bei der Recherche auf Munchs Lebensspuren begeben und war unter anderem auf dem Hof, auf dem Munch geboren und die ersten Jahre aufgewachsen ist. Vor allem aber wandert er auf seinen eigenen Lebensspuren. Ich denke an meine jüngste Tochter, während ich das schreibe, sie ist drei Jahre alt, lesen wir dort neben vielen weiteren Informationen zu Themen, von denen wir bis dahin nichts wussten. Keine Sorge, Knausgård führt seine Leserschaft zurück zu sich. Wenn man den zitierten Ausführungen des französischen Philosophen Gilles Deleuze über Francis Bacon folgt, dauert es nicht lange, und der Autor erzählt, wie das eigentlich bei ihm war, als er von einem radikalen Bokmål zu einer konservativeren Variante wechselte, und noch auf derselben Seite sind wir mitten im Werk: Das Ergebnis war mein erster Roman. (S. 108).

Natürlich helfen auch seine Besuche bei Künstlerkollegen dem Verständnis von Kunst. Der Tag im Atelier bei Anselm Kiefer hat Substanz, auch das Gespräch mit dem britischen Fotografen Stephen Gill ist aufschlussreich. Wenn Knausgård von seinen Aufenthalten im Depot, dem Allerheiligsten des Munch-Museums erzählt, hat das ohne Zweifel seinen Platz. Das Buch ist am stärksten dort, wo Knausgård andere zu Wort kommen lässt. Die Literatur ermöglichte ihm einen Zugang zur Kunst, von der er doch selbst sagt, dass sie es nicht vermöge. Es ist eine ganze Bibliothek, aus der der Autor oft Absätze zitiert. Die Munch-Biografie von Stian Grøgaard öffnete ihm die Augen auch über das Porträt als solches und erzählte ihm etwas von Bewertung von Kunst aufgrund ihrer Qualität in der Ausführung. Das mit der Bewertung muss Knausgård allerdings insofern falsch verstanden haben, als er das ganze Buch über zu beurteilen vermag, was gute Kunst, was bessere Kunst ist. Auch auf Poul Erik Tøjners Biografie verweist Knausgård mehrfach, und von vielen weiteren Werken nimmt Gilles Deleuzes Text über Francis Bacon besonderen Raum ein. Dem Kunsthistoriker Ulrich Bischoff widerspricht er, nachdem er ihn ausführlich zitiert hat. Aus allem kristallisiert sich die Erkenntnis, dass es Munch um eine ikonische Darstellung, nicht um eine realistische Wiedergabe ging. Daher konnte er an einem Motiv immer von Neuem und immer weiterarbeiten.

Knausgård bleibt aber bei alledem der Vorstellung verhaftet, dass die Wahrheit unveränderlich und Kern der Kunst sei. Ob das Munch so gesehen hat, muss dennoch offen bleiben, so sehr der Dichter seine Gemeinsamkeiten mit dem Maler auch betont. Das hieße Platons Ideenlehre zu unterstützen, ohne das Höhlengleichnis verstanden zu haben. Um Wahrheit also geht es. An anderer Stelle um Würde. Und dadurch auch um Hoffnung (S. 55).

Mit Grøgaard führt Knausgård noch ein Interview für das Buch, dessen Wortlaut noch in den Text eingebunden ist. In einem späteren Interview sind dann nur noch Frage und Antwort wiedergegeben. Filmemacher Joachim Trier berichtet über einen geplanten Munch-Film, bei dem er Regie führen würde, und seine Einschätzung zu Munch. Ihm sei es ein bisschen peinlich, mit Munch verglichen zu werden, sagt Trier gleich zu Beginn. Darin dürfte er sich vom Fragesteller klar unterscheiden – vielleicht ist es das, was die Lektüre nicht immer zu einem Vergnügen macht. Ein anderer Kritikpunkt ist in Teilen die Sprache. Wo befand sich die Bedeutung? Die Gegenstände deuteten auf sie hin … Wo etwas auf Bedeutung deutet, würde sich der Leser ein bisschen mehr Abwechslung erhoffen, die er doch aus der Kunst, die hier beschrieben ist, überreich kennt. Zumal hier das Original keine Monotonie vorsieht. Zuweilen ist die Übersetzung auch unterhaltend: Der schwedische Titel von John Bergers Buch Ways of seeing (1972) lautet Die Kunst zu sehen, was sich seltsam anhören mag, denn wir alle können ja sehen, nicht wahr, das ist doch keine Kunst? (S. 31)

Knausgård und Munch, zwei berühmte, erfolgreiche (und sicher zu Lebzeiten oft verkannte) Künstler! Und die beiden werden in so vielen Dingen miteinander verglichen, dass ein Verschwörungstheoretiker heute ein Leichtes hätte, Zweifel zu streuen, ob das noch mit rechten Dingen zugeht: Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Wenn man bei MUNCH fast alle Buchstaben austauscht und noch einige hinzufügt, kommt plötzlich KNAUSGÅRD heraus.

Manche Munch-Arbeit aus Knausgårds Buch vermisst man, hat man es vor dem Besuch des K20 gelesen, in der Ausstellung dann doch. Das frühe wie das späte Porträt von Edvards kleinem Bruder etwa. So mag auch der Skeptiker seinen Frieden mit Knausgård schließen: Munchs Leben und Schaffen ist doch nicht in den ganzen Belanglosigkeiten eines Autorenlebens untergegangen. Erleichtert schließlich kann man darüber sein, dass nicht schon wieder eine Munch-Ausstellung vorzeitig schließen musste: 1892, in Munchs erster Ausstellung in Deutschland, sorgten der Verein Berliner Künstler und sein Vorsitzender, der Hofmaler Anton von Werner, für die vorzeitige Schließung. In Düsseldorf schloss die Ausstellung wie geplant am 1. März 2020, bevor Corona stören konnte.

Die Meinungen über Knausgård mögen in entgegengesetzte Richtungen gehen. Da man mit Munch kaum etwas falsch machen kann, ist auch der Katalog zur Düsseldorfer Ausstellung Genuss und Gewinn zugleich. Für viele Menschen, die positivistisch an die Kunst herantreten, ist ein Maler oder ein Autor umso höher zu schätzen, je stärker er die eigene Weltanschauung vertritt. Zumindest die grobe Linie muss stimmten. Und da macht es die Lichtgestalt der norwegischen Kultur Norwegern wie Deutschen leicht, mit der Person auch ihre Kunst zu schätzen. Und Munch wird zur Lichtgestalt, wenn wir ihn Knut Hamsun gegenüberstellen. Einen Vergleich unternimmt auch Knausgård in seinem Buch, hier ist Munch natürlich auf der besseren Seite. Hamsuns NS-Sympathie ließ seine Landsleute die einst geliebten Romane auf das Grundstück des alten Dichters werfen. Hamsuns Nekrolog auf Adolf Hitler, ein Hymnus, lässt keine Fragen offen. Munch agierte dezent, aber wirkungsvoll in die andere Richtung. Er hatte Norwegen als Erben vorgesehen, als am 9. April 1940 die Deutschen das Königreich besetzten. Bald würden jene Zugriff auf Munchs Bilder haben, die drei Jahre zuvor über 80 davon als »entartet« beschlagnahmt hatten. Das konnte Munch nicht gefallen: Er ging zum Notar und änderte sein Testament. Vier Jahre später erbte die Stadt Oslo seine Bilder.

Edvard Munchs Ruhm wird andauern. Da kann Ausstellungen kuratieren und Bücher schreiben, wer will.

Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård. Kunstsammlung Nordrhein- Westfalen, Düsseldorf 2019. 183 S.

Karl Ove Knausgård: So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Edvard Munch und seine Bilder. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. München 2019. 286 S.

2. Sep 2020

Frauen und Kühlschränke – Kurzkritiken in der DHIVA

von broemmling

Dass „der Baum“ maskulin, die meisten Baumarten feminin sind, ist kein Glied einer sinnvollen Argumentationskette. Diese Einleitung funktioniert nicht nur mit Bäumen, die Mustereinleitung zur Verbindung zweier Gruppen funktioniert auch mit Kühlschränken: „Der Kühlschrank ist im Deutschen männlichen Geschlechts. Im Einzelnen jedoch finden sich die meisten Inhalte in weiblicher Form wieder: die Milch, die Wurst, die Butter, die Margarine …“ Ist der Werbetext von der Autorin oder vom Verlag? Es bleibt zu hoffen, dass sich niemand vom platten Klappentext abschrecken lässt. Denn Dörthe Binkerts Buch über Frauen und Bäume ist erkenntnisreicher Lesegenuss – und da sind wir mitten im Thema, denn vom Baum der Erkenntnis zu essen war einziges Verbot im Paradies. Eva wird nur im Christentum zur Bösen, die das Unglück über die Menschheit brachte, erzählt uns die Autorin. Wir lesen von Yggdrasil, der Weltesche, und den drei Nornen, von sich in Bäume verwandelnden Frauen, von Quellnymphen und Frauen im Garten. Was der gute Text aufbaut, reißt die Illustration wieder ein: Sämtliche über 100 Gemälde, die zumeist im Text erklärt werden, stammen mit einer Ausnahme von männlichen Künstlern. Im Klappentext hätte man einen Hinweis erwartet: „die Illustration“ weiblich, die meisten ihrer Maler aber männlichen Geschlechts…
Geschlechtertrennung wird dort sinnlos, diskriminierend und beliebig, wo die Weiblichkeit das einzige Kriterium für die Aufnahme in eine Anthologie ist. „Weiblichkeit“ ist dann vielleicht genauer zu definieren: als „weiblich“ Eingetragene. Stephanie Ziebells Sammelband 50 Hessinnen wirkt allzu beliebig. Früher ärgerte man sich über 50 Fotos alter Männer, wenn die Süddeutsche Zeitung ihren jährlichen Wirtschaftsgipfel bewarb. Heute versammelt ein Buch die Monaco-Casino-Betreiberin Marie Blanc, 1833 in der Landgrafschaft Hessen-Homburg zur Welt gekommen, und die Opernsängerin Magda Spiegel, bis 1942 „in einem Frankfurter Judenhaus“ wohnhaft und vermutlich in Auschwitz „ums Leben gekommen“. Das ist nicht minder ärgerlich.
Wer „Frau“ und „Mann“ allzu einfach denkt, trägt zur Konservierung des binären Geschlechterverständnisses bei und erleichtert es dem Staat, Geschlecht weiter zu regulieren. Wie in den vergangenen vier Jahrzehnten der österreichische Staat mit trans Personen umgegangen ist, stellt Persson Perry Baumgartinger in ihrer beeindruckenden Dissertation vor. Einfacher wird es nicht, wenn wir uns künftig dem Individuum auch da zuwenden, wo es nicht uns selbst betrifft. Lisa Spanka hat die deutsche und dänische Geschichtsvermittlung im Deutschen Historischen Museum und im Dänischen Nationalmuseum untersucht. Beide Dauerausstellungen erzählen mit heteronormativer Konstruktion von Krieg (Berlin) und Familie (Kopenhagen) die Entstehungsgeschichte der heutigen deutschen und dänischen Gesellschaft.
Vielschichtig zeigen die Beiträge auch des vierten Jahrbuches Sexualitäten, ob und wo und wie sich die Gesellschaft entwickelt. Zuweilen stehen sich die Personen in ihrem Kampf für Gleichheit, Gleichbehandlung und Gleichberechtigung selbst im Wege, wie Caroline A. Sosat in ihrem Essay über weiblichen Selbstzweifel darlegt. Hervorgehoben seien außerdem Jan Feddersens Beitrag über den Eurovision Song Contest als queeres Weltkulturerbe und Christiane Härdels Ausstellungsbericht zur Geschichte der HAW-Frauen und des Lesbischen Aktionszentrums 1972-1982 – doch die Hervorhebung ist willkürlich: Das Jahrbuch versammelt fast ausnahmslos gute Beiträge.

Dörthe Binkert: Frauen und Bäume. Thiele Verlag, München 2018. 159 Seiten, 25 Euro. 978-3- 85179-412-0.
Stephanie Zibell: Hessinnen. 50 Lebenswege. Verlag Waldemar Kramer, Wiesbaden 2019. 384 Seiten, 22 Euro. 978-3-7374-0482-2.
Persson Perry Baumgartinger: Die staatliche Regulierung von Trans. Der Transsexuellen-Erlass in Österreich (1980-2010). Eine Dispositivgeschichte (= transcript GenderStudies|Transkriptionen zwischen Wissen und Geschlecht). Transcript Verlag, Bielefeld 2019. 347 Seiten, 34,99 Euro. 978-3-8376-4854-6.
Lisa Spanka: Vergegenwärtigungen von Geschlecht und Nation im Museum. Das Deutsche Historische Museum und das Dänische Nationalmuseum im Vergleich (= transcript Edition Museum). Transcript Verlag, Bielefeld 2019. 364 Seiten, 44,99 Euro. 978-3-8376-4704-4.
Janin Afken | Jan Feddersen | Benno Gammel | Rainer Nicolaysen | Benedikt Wolf (Hg.): Jahrbuch Sexualitäten 2019. Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 274 Seiten, 34,90 Euro. 978-3-8353-3525-7.

30. Aug 2020

Betroffene als Expert:innen – Kurzkritiken in der DHIVA

von broemmling

Das Wort Diversität hat eine beeindruckende Karriere hinter sich – und das, obwohl die eigentliche Karriere erst in unseren Tagen beginnt. Bis 2010 war Diversität als Symbol für Vielfalt vor allem in den Naturwissenschaften verbreitet. Dass sich in den jüngsten Jahren Diversity Studies mit Mensch und Gesellschaft befassen, nahm seinen Anfang im Black Feminism der 1980er. Die Vertreter:innen des europäischen Feminismus hatten stets darauf gepocht, dass die wichtigste Unterscheidungslinie zwischen weiblich und männlich verliefe. Nun spielten plötzlich auch Rasse und soziale Herkunft eine Rolle. Aber Diversität mit ihren Chancen und Risiken für die Gesellschaft schien ein neues Phänomen der modernen Welt zu sein. Eine Aufsatzsammlung des Interdisziplinären Zentrums Gender-Differenz-Diversität der Universität Erlangen-Nürnberg präsentiert nun Diversität in historischer Dimension. Ob französische Autobiographien des 18. Jahrhunderts, preußische Gerichtsverhandlungen zu Sodomie, Zirkusunternehmen in den USA, Europa und Russland vor 1914, Berufs- und Ständebücher um 1700: Überall entdecken die Autor:innen Diversität. Nie war die Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Fremden, dem Neuen ohne Konflikte. Der historische Blick gibt Denkanstöße für einen Umgang mit Diversität ohne Diskriminierung oder gar Ausgrenzung.
Diversität ohne Diskriminierung gelingt am besten, wo nicht bestimmte Eigenschaften als normal gelten. Wo jeder anders sein kann als der andere, ohne unnormal zu wirken oder gar zu sein. Als Nichthetero erfährt man selbst in Deutschland täglich Diskriminierung, wenn die Lesbe nach ihrem Freund, der Schwule nach seiner Freundin gefragt wird. Damit nicht auch die nächste Generation in heteronormativen Stereotypen verharrt, sind besondere Ideen bei der Kinder- und Jugendbildung gefragt. Das Jugend Museum Berlin Schöneberg kann als Vorbild dienen. Der Bericht über ein Forschungsprojekt am Museum bietet neben einer kurzen theoretischen Einführung Orientierungslinien für die Praxis.
Auch positive Diskriminierung tritt in der heteronormativen Gesellschaft auf. Dass der Ressortleiter bei der Verteilung der Themen ohne langes Überlegen die Berichterstattung über den CSD an den schwulen Redakteur gibt und dass Anne Holts Bücher manchmal in der Queer-Ecke der Buchhandlung stehen statt bei den Krimis, sind solche Fälle. Schwieriger wird es beim Einsatz als betroffene Expert:innen. Kim Scheunemann hat qualitativ erforscht, ob eine Person Inter* oder Trans* sein muss, um als Expert:in für solche Themen anerkannt zu werden. Die verneinende Antwort sei verraten. Im Verlauf einer schlüssigen Argumentation bezweifelt die Autorin sogar, dass es so etwas wie objektive Expert:innen des Geschlechts überhaupt geben kann.
Johann Jakob Bachofen wäre ein zweifelhafter Experte gewesen, hätte man auf Betroffenheit oder Geschlecht geschaut. Er hat, lange Zeit vergessen, 1859 mit dem Versuch über die Gräbersymbolik der Alten eine Geschichte der Sexualität und Institutionalisierungsformen geschrieben. Mit diesem Buch hat er der Menschheit übrigens ähnliche Irritation bereitet wie Darwin mit der Entstehung der Arten im gleichen Jahr. In seinem zwei Jahre später erschienenen Hauptwerk Das Mutterrecht sieht er die Menschheit in der dritten Phase der Entwicklung. In der zweiten Phase sei die Frau zentrales Geschlecht gewesen. Wer in den 100 Jahren, die folgten, über das Matriarchat schrieb, wissenschaftlich oder literarisch, hatte Bachofen gelesen. Ein neues, lesenswertes Buch zeigt den Einfluss der Matriarchatsidee auf große Geister: Hofmannsthal, Kafka, Hauptmann, Schnitzler, Canetti, Broch und Thomas Mann – alles keine wirklichen Expertinnen des Geschlechts, wenn es ums Matriarchat geht.

Moritz Florin | Victoria Gutsche | Natalie Krentz (Hg.): Diversität historisch. Repräsentationen und Praktiken gesellschaftlicher Differenzierung im Wandel (= transcript Histoire). Gefördert durch Dr. German Schweiger-Stiftung. Transcript Verlag, Bielefeld 2018. 234 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-4401-2.
Mart Busche |Jutta Hartmann | Tobias Nettke | Uli Streib-Brzič (Hg.): Heteronormativitätskritische Jugendbildung. Reflexionen am Beispiel eines museumspädaghogischen Modellprojektes (= transcript Pädagogik). Transcript Verlag, Bielefeld 2018. 217 Seiten, 29,99 Euro. 978-3-8376-4241-4.
Kim Scheunemann: Expert_innen ders Geschlechts? Zum Wissen über Inter*- und Trans*-Themen. (= transcript QueerStudies). Gedruckt mit Unterstützung der Max-Träger-Stiftung. Transcript Verlag, Bielefeld 2018. 203 Seiten, 32,99 Euro. 978-3-8376-4149-3.
Ulrich Boss | Yahya Elsaghe | Florian Heiniger (Hg.): Matriarchatsfiktionen. Johann Jakob Bachofen und die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Schwabe Verlag, Basel 2018. 294 Seiten, 48 Euro. 978-3-7965-3507-9.

13. Dez 2018

Kurzkritik Parot: Le Floch & das Phantom der Rue Royale

von broemmling

Ausgelesen! Commissaire Le Floch ist nun schon zehn Jahr in Paris und löst hier seinen dritten Fall. Wie angenehm, dass der Autor dem Kommissar eine tiefere Entwicklung ermöglicht als viele Krimiautoren. Aber ohnehin sind die Le Flochs nichts oder nur wenig für eingefleischte Krimifans. Denn die größte Gabe Parots liegt in seiner Beschreibung der französischen Gesellschaft kurz vor der Revolution. Das tut er auch in seinem dritten Roman ausgesprochen unterhaltsam. Nicht alles, was der Autor kann, ist gut genutzt: Dass er Familienbande knüpfen und beschreiben kann, nützt ihm auch hier, dass er gerne Kochrezepte mitliefert, nervt im dritten Band weniger als zuvor. Aber sein edler Wilder, immerhin der Hauptverdächtige, erhält viel zu wenig Raum. Ärgerlich bei der Lektüre zudem einige Flüchtigkeitsfehler – geschenkt, aber auch Übersetzungsschnitzer. Trotzdem ist der Leser traurig, dass er am Ende das alte Paris schon wieder verlassen muss – und man freut sich auf den vierten Band, der im nächsten Jahr erscheint. Schade übrigens, dass man Lob und Kritik jetzt nur noch beim Übersetzer, aber nicht mehr beim Autor  direkt loswerden kann. Parot starb am 23. Mai 2018.

Jean-François Parot: Commissaire Le Floch und das Phantom der Rue Royale. Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn. Blessing-Verlag, München 2018. 446 Seiten, 17 Euro.

14. Nov 2018

Kurzkritik: Schmidt-Glintzer | Kästner

von broemmling

Ausgelesen! Die beiden Bücher standen eigentlich im Mittelpunkt des Interesses, als Peter Burschel vor zwei Jahren Helwig Schmidt-Glintzer als Direktor der Herzog August Bibliothek nachfolgte. Auch jetzt noch weiten sie den Horizont. Zum Verständnis sei hier noch einmal die Reihe der jüngsten vier Direktoren genannte: Peter Burschel (seit 2016), Helwig Schmidt-Glintzer (1993-2015), Paul Raabe (1968-1992), Erhard Kästner (1950-1968). Es ist übrigens nicht der schlechtesten Listen eine: Gotthold Ephraim Lessing leitete die Bibliothek von 1770 bis 1781, Goffried Wilhelm Leibnitz vor ihm von 1691 bis 1716. Beider Dienstende fällt mit dem jeweiligen Todesjahr zusammen. Vermächtnistexte An deren Nachfolger liegen nicht vor.

Einen sagenumwobenen Text brachte die HAB zum Abschied von Helwig Schmidt-Glintzer heraus: Bislang viel zitiert, aber nie erschienen war das schriftliche Vermächtnis von Bibliotheksdirektor Erhard Kästner an seinen Nachfolger Paul Raabe aus dem Jahr 1968. Raabe leitete die HAB dann 24 Jahre von 1968 bis 1992, Schmidt-Glintzer von 1993 bis 2015. In der Einleitung kommentiert Raabes Nachfolger Kästners Anmerkungen. Mit ihm staunt der Leser darüber, welche Anregungen heute noch gute Ideen sind, obgleich sie vor einem halben Jahrhundert geäußert wurden.

Das zweite ist ein persönliches Album voller Erinnerungen und Fotos, Aufsätze und Kooperationen. Was wäre zum Abschied des Direktors der HAB passender gewesen als ein Buch? Ganz ohne ISBN erschien das Werk, die alten Bestände von Herzog August trugen schließlich auch keine Standard-Buchnummer.

Helwig Schmidt-Glintzer: Einführung. In: Erhart Kästner: An meinen Nachfolger: Erhart Kästners Vermächtnis als Direktor der Herzog August Bibliothek (= Wolfenbütteler Hefte Band 34). Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2015. 120 Seiten, 16,80 Euro.

Die Bibliothek als kulturelles Gedächtnis. Die Herzog August Bibliothek unter der Leitung von Helwig Schmidt-Glintzer. Herausgegeben als Festschrift von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 2015. 95 Seiten.