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19. Sep 2021

Rezension Chavaroche|Billioud: Atlas der utopischen Welten

von broemmling

Ophélie Chavaroche | Jean-Michel Billioud: Atlas der utopischen Welten. 82 Visionoen der Menschheit in Bildern. KOSMOS, Stuttgart 2021. 256 Seiten, 38 EUR.

Helmut Schmidt hat sich später sehr geärgert. Sein flapsiger Spruch Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen hatte sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verselbstständigt. Fortan durfte sich jedes tumbe Haupt, das weder Mut noch Phantasie für Veränderungen zum Guten der Gesellschaft hatte, lustig machen – ausgerechnet über jene, die unsere Gesellschaft schon immer dringend brauchte. Menschen mit einem Traum von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, mit einer Vision vom friedlichen Zusammenleben, mit einer Idee von einem naturgerechten Leben. Nun ist eine Vision nicht dasselbe wie eine Utopie. Als „Nicht-Ort“ lässt sich Utopie aus dem Griechischen übersetzen, übrigens auch als „guter Ort“, denn der griechische Diphthong  ευ  wird genauso zum U aus „Utopia“ wie das  ου  von „nicht“. Der Hinweis fehlt, und es bleibt ein üppiger, zuweilen verwirrender Band. In einem Atlas der utopischen Welten haben die Literaturwissenschaftlerin Ophélie Chavaroche und der Historiker Jean-Michel Billioud nun zusammengestellt. Landkarten von entdeckten wie erfundenen Gegenden sind genauso versammelt wie Menschen und Ereignisse, deren Kern, deren Vision sich nicht als Landkarte mit Bergen und Flüssen abbilden lassen. Es ist der erste Atlas, der eine Geschichte erzählt.

Das Autorenduo hat Utopien und Visionen sechs Hauptteilen zugeordnet. Ergebnis der Suche nach dem idealen Ort ist unter anderem Thomas Moores Utopia, Atlantis gehört in diese Kategorie ebenso wie Eldorado. Die Schnapsidee vom ewigen Reichtum hat nicht nur Konquistadoren den Kopf verdreht, wie Autor und Autorin schreiben. Die Eroberer zerstörten gewachsene Kulturen und mordeten alle, die sich ihnen in den Weg stellten. Schon im ersten Teil merken wir also, dass Utopien oft genug von sehr persönlichen Träumen, Werten und Vorstellungen erdacht sind. Stadtutopien widmet sich der zweite Teil, manche schrieben Erfolgsgeschichte (Brasília), manchen war nur eine kurze Lebensdauer beschieden (Busludscha). Nicht ganz überzeugend widmet sich ein dritter Teil der Neuerschaffung der Welt. Alles in diesem Teil ist plötzlich Revolution, das Wagnis des Magellan ist die Revolution des Magellan, in den Bauernaufständen hat schon Friedrich Engels die Vorläufer der Revolution gesehen. Die Studentenrevolution, der arabische Frühling, die Abschaffung des Krieges, zwei Stunden Arbeit täglich, sexuelle Freiheit für die ganze Welt, Glück für alle wie in Bhutan, geschlechtergleiche Löhne für gleiche Arbeit: Hier arbeiten wir an unseren eigenen Utopien, die aber eben doch keine Utopien sein sollen. Autor und Autorin gehen offenbar davon aus, eine weit verbreitete Meinung, dass wahre Entwicklungen nur durch Revolution zu erreichen sind. Im vierten Atlasteil geht es um die Forschung und Entwicklung in Laboratorien der Utopien. Experimente in Bolivien, Wichtelhäuser im Boden, eine Einkaufs-App, Abfallvermeidung und eine Reform der Sozialversicherung – bis dahin mochte man die Laboratorien noch zuordnen. Beim Lob für Wikipedia und bei einer kleinen Geschichte aus den Jahren der brasilianischen Militärdiktatur werden die Zweifel schon stärker, ob sich die Autoren hier nicht etwas übernommen haben. Die zerstreut auch der fünfte Teil, Wissenschaft und Fiktion, nicht. Hier geht es um neue Wohnformen – im Meer, im Baum, im Himmel, um fliegende Autos und um nichts weniger als die Unsterblichkeit. Das hatten wohl die wenigsten im Atlas der Utopien erwartet. Aber es hat schon seinen Sinn: Hier geht es nicht um Phantasiewelten, um Lummerland oder Mittelerde. Hier geht es um diese Welt. So sind denn die Botschafter der Utopien, mit denen sich der sechste Teil befasst, alles Menschen aus Fleisch und Blut. Simón Bolívar, ist dabei, Ernesto Che Guevara, Rosa Parks und viele andere mehr.

Dass die Verteilung der utopischen Aspekte in Europa, folgt man dem Buch, recht ungleich erscheint, stößt zunächst ein bisschen bitter auf, dann beruhigt man sich: Ein Dutzend Kapitel aus Frankreich und nur eines aus Deutschland: Das Autorenduo kann seine Herkunft nicht verbergen. Und sollen in Deutschland wirklich die Bauernkriege jene Utopie sein, die uns als erstes einfällt, wenn wir an Utopien aus Deutschland denken (in der Nacht oder am Tage anheim- oder dahingestellt)? Das macht überhaupt nichts: Dinge, die wir schon kennen, können unsere Erkenntnis kaum bereichern. Und so lernen wir eben mehr über die fixen Ideen der Franzosen als über die Visionen der Deutschen. Dass hier Germania (ehemals Berlin) nicht auftaucht, erleichtert eher als dass es stört. Es ist eine lange Reise, auf die Autor und Autorin die Leserschaft mitnehmen. Man mag die Zusammenhänge vermissen zwischen den Orten des ersten Teils, Abraxas nahe Paris, dem brutalistischen Petrova Gora in Titos Jugoslawien und New Harmony im US-amerikanischen Indiana einerseits und den Botschaftern der Utopien im letzten Teil. Überall sind Visionen mit Utopien, Entdeckungen mit Revolutionen vermengt. Aber hält man die Reise, die an keiner Stelle langweilt, bis zum Ende durch, versteht man auch, was mit dem Text auf dem Einband gemeint war, der anfangs einn bisschen großspurig klang: Dieses mit Fotoss, Plänen und alten Karten iollustrierte Werk sprengt jegliche Grenzen der Vorstellungskraft, verwandelt die Utopie in eine Quelle der Inspiration … das tut es wirklich, das hätte vielleicht sogar Helmut Schmidt gefallen. Respekt!

9. Sep 2021

Kurzrezension Andreas Greiner-Napp

von broemmling

Andreas Greiner-Napp: agn. fotografie und reportage. Braunschweig 2020. 290 Seiten, 29 EUR. Zu beziehen über a.greiner-napp@gmx.de.

Ein Foto ist nicht nur Beiwerk. Ein Foto kann mehr als nur illustrieren. Aber warum erzählt manches Foto eine ganze Geschichte, während es bei einem anderen zur Erklärung einer Bildunterschrift bedarf. Nicht die Kamera allein ist Ausschlag gebend. Auch das beste iPhone, auch die beste Smartphone-Kamera macht aus Knipsern keine Fotografen. Für ein gutes Foto müssen Technik, Handwerk und Geist zusammenpassen. Andreas Greiner-Napp verrät in seinem Fotoband, wie einige seiner Bilder entstanden sind. Der Band versammelt Aufnahmen aus dem jüngsten Jahrzehnt. Bekanntes und Unveröffentlichtes, Ungenutztes und Neukombiniertes, mit Kommentartext oder für sich stehend. Aus den Texten des Künstlers spricht ein edles Menschenbild, aus den Fotos nicht minder. Der Auslöser für die oft so ungestellt wirkenden Bilder scheint nicht nur ein Teil der Kamera zu sein. Hier lösen Gedanken und Gefühle die Aufnahme aus. Wenn es nur einen richtigen Augenblick gibt, ein gutes Bild zu schaffen, können wir davon ausgehen, dass AGN ihn erwischt. Es ist ein bisschen so wie mit Luke Skywalker und dem Todesstern. Und da wir beim Thema sind: Auch Dunkles, Böses ist im Fotoband dabei. Das Kapitel Fear beginnt mit Motiven vom   Nazischießstand im Gedenkort Buchhorst, und die unerträgliche Düsterkeit, die aus dem Text spricht, beschleicht auch die Seele des Betrachtenden. Da wurde mir klar, dass entweder ich verrückt war oder die Welt. Mit diesem Satz endet das letzte Kapitel mit Wüstenbildern aus Arizona. Es ist ein schönes Motto für viele Geschichten dieses Fotobandes, wo in der Normalität oft das Verrückte liegt und Verrücktes ganz normal erscheint. In einer Würdigung zu Beginn spricht die Galeristin Julia Taut den Bildern eine fast dichterische Anmut zu. Man kann das fast auch weglassen.

Zum Weiterlesen meine Kurzrezension des Fotobandes EINblick, in dem AGN 82 Braunschweiger Künstlerinnen und Künstler porträtiert. Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (Braunschweig) (Hg.): EINblick. 82 Künstler des BBK Braunschweig. Photographiert von Andreas Greiner-Napp. Vita-Mine-Verlag, Braunschweig 2014. 191 Seiten, 29,95 EUR.

5. Sep 2021

Drei neue Bände der Braunschweigischen Rechtswissenschaftlichen Studien

von broemmling

Braunschweigische Rechtswissenschaftliche Studien

Edmundt Brandt: Artenschutzrechtliche Erfordernisse bei der Genehmigung von Windanlagen (= Braunschweigische Rechtswissenschaftliche Studien). Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2021. 123 Seiten, 32 EUR.

Ulrich Schmeddinck | Volker Mintzlaff | Erik Pönitz (Hg.): Entsorgungsforschung am Wendepunkt? Transdisziplinarität als Perspektive für die Forschung zur Entsorgung hochradioaktiver Abfälle (= Braunschweigische Rechtswissenschaftliche Studien). Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2020. 142 Seiten, 32 EUR.

Edmundt Brandt | Ralf Kreikebohm | Jochen Schumacher (Hg.): Naturschutz – Rechtswissenschaft – Bewährung in der Praxis. Festschrift für Hans Walter Louis (= Braunschweigische Rechtswissenschaftliche Studien). Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2021. 449 Seiten, 68 EUR.

„Neue Reihe“ lesen wir oft in den Verlagsübersichten im Frühjahr und Herbst. Manche Reihen werden zu Standards. Duncker & Humblot etwa war bereits 2014 mit seinen Schriften zum Öffentlichen Recht bei Band 1270: Günter Winands: Der Schulversuch. Historische Entwicklung und geltendes Recht, kurz besprochen im StiftungsManager, NL 43). Die Schriftenreihe zum Stiftungswesen, in der 2012 die Dissertation des Rezensenten als Band 44 erschienen ist, wartet schon länger auf Band 50. Zu wie vielen Bänden es die Reihe Braunschweigische Rechtswissenschaftliche Studien bislang gebracht hat, lässt sich nicht verlässlich sagen. Die Reihe hat auf eine Nummerierung verzichtet. Das bringt sogar jene durcheinander, die es wissen müssen: Im Online-Verlagsverzeichnis sind zwei unterschiedliche Bände mit der Ziffer 4 versehen, der einzigen Ziffer im Übrigen, die dort auftaucht. Aber das sind bibliothekarische Kleinigkeiten, die über das Niveau des Inhalts nichts sagen.

Vielfältig wie die Rechtsgebiete sind die Themen, mit denen sich die Reihe befasst. Es geht um die rentenpolitische Agenda, um Gesetze zur Errichtung einer Stiftung und einer Hochschule, um die gesetzliche Krankenversicherung, um Öffentlichkeitsbeteiligung, Bankrottfestigkeit von Darlehensforderungen und vieles mehr. Mit Entsorgungsforschung beschäftigen sich mehrere Bände. Einen klaren Schwerpunkt bildet das Thema Windenergie. Edmund Brandt, geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtswissenschaften an der Universität Braunschweig, fungiert hier mal als Autor, mal als Herausgeber.

Wenn auch die aktuelle Zahl der Bände unklar ist: Es sind mindestens 14 Bände erschienen. Denn mindestens 14 Bände der Reihe hat die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz gefördert, die meisten Bände sind in VIERVIERTELKULT vorgestellt. Hier sei auf drei Bände verwiesen, die jüngst in der Reihe herausgekommen sind. Es sind regionale Themen von überregionaler Bedeutung. Die Asse liegt nicht weit von Braunschweig entfernt, und  Morsleben ist nur wenig weiter weg. Das Thema der Zwischen- und Endlagerung radioaktiven Abfalls ist im östlichen Niedersachsen seit Jahrzehnten präsent. Die Endlager-Kommission hat zwischen 2016 Empfehlungen formuliert, mit der Forschungsplattform ENTRIA sind zwischen 2013 und 2018 auch geisteswissenschaftliche Disziplinen in die Endlagersuche eingebunden worden. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur hat in einem weiteren Projekt ein interdisziplinäres Team finanziert, bestehend aus je einem Physiker, Geologen, Ingenieur und Rechtswissenschaftler. „Projektbuch“ nennt sich nun der Band zur Entsorgungsforschung am Wendepunkt. Das Projekthafte kommt unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass am Flipchart in der Diskussion entstandene Grafiken als Foto dokumentiert sind und nicht für die Publikation grafisch gestaltet wurden. Das Ergebnis bringt für die Entsorgungsforschung keine unmittelbaren Ratschläge. Allerdings sind hier positive und negative Momente interdisziplinärer Forschung wie auch von Bürgerbeteiligungs- und Entscheidungsmodellen ausführlich diskutiert. Es ist eher ein Band über Wissenschaftskommunikation geworden als über interdisziplinäre Arbeitswege.

Um Artenschutzrechtliche Erfordernisse bei der Genehmigung von Windenergieanlagen geht es im zweiten Band. Das Tötungsverbot ist ein Aspekt im Zentrum der Überlegungen, die viele Aspekte berühren. Vor allem geht es um die Spielräume, die der Gesetzgeber Verwaltung und Gerichten lassen darf. Diese Spielräume sieht der Verfasser durch das Urteil des Verfassungsgerichts vom 23. Oktober 2018 begrenzt. Dass jüngst öffentlich wurde, dass man bei der Argumentation im Themenfeld Lärm bis heute mit falschen Zahlen arbeitet – dass die Windräder viel leiser sind als angenommen –, konnte hier noch nicht berücksichtigt werden.

Hans Walter Louis war zwischen 1998 und 2013 erst Mitherausgeber, dann Schriftleiter der Zeitschrift Natur und Recht NuR. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass auch weniger prominente Bereiche des Naturschutzrechtes erforscht wurden, und das durchaus mit Humor, wie sein Beitrag Der Weihnachtsmann und der Naturschutz. Ein niedersächsisches (…) Drama in sechs Versen frei nach Theodor Storm zeigt. Eine Festschrift in der Reihe der Braunschweigischen Rechtswissenschaftlichen Studien ehrt nun Hans Walter Louis, der in diesem Jahr 73 wird.

28. Aug 2021

Rezension Frick|Grütter: Abbreviatio

von broemmling

Julia Frick | Oliver Grütter (Hg.): Abbreviatio. Historische Perspektiven auf ein rhetorisch-poetisches Prinzip. Schwabe Verlag, Basel 2021. 470 Seiten, 74 EUR.

Wieder ist eine Erkenntnis aufgegeben: Ein Text ist nach Kürzung und Straffung besser lesbar? Sein Inhalt klarer verständlich? Mitnichten.  Ein Text lässt sich auf vielerlei Art und Weise kürzen, der größte Unterschied besteht hier in der Person: Kürzt der Autor oder wird er gekürzt? Auch der Zweck macht den Unterschied: Ohne zu tief in die Kürzungskunde einzutauchen, um nicht bei Kürzeln und Kleinen Formen anzukommen, lassen sich Kürzungen literarischer Werke in drei Klassen gliedern: Zur einen Klasse gehören Kürzungen, um Längen zu vermeiden, Aufführungs- oder Lesedauer zu verringern. Hier können wir auch von Streichungen schreiben. Was dabei herauskommt und wieviel dabei verlorengeht, mag man an Einspielungen klassischer Werke erkennen, die gerne als Großer Querschnitt vermarktet werden. Da ist bei Haydns Schöpfung natürlich der Firmamentchor zu hören, während kein einziges Mal das Kontrafagott ertönt. Eine andere Klasse binden Zusammenfassungen, die den Inhalt wiedergeben, also Beschreibungen, wie sie oft an Kapitelanfängen stehen, nach dem Motto Sechstes Kapitel, in welchem … . Die literarische Kürzungsform, eine rhetorisch-poetische, um die es den Autoren des Bandes geht, ist keine Kürzung, um Zeit zu sparen. Wer hier kürzt, verdichtet. Das wiederum fordert von den Lesenden womöglich zusätzliche Zeit. Es ist an ihm zu kombinieren, was hier, was dort weggelassen wurde, welche Verbindungslinie man ziehen muss, um den Gesamtzusammenhang, den ganzen Text zu verstehen. Der so gekürzte Text gilt dabei meist als eigenes Kunstwerk.

Was für viele von uns neu ist, was übertrieben genau definiert, wenn es gar als „Prinzip“ funktioniert, war schon vor Jahrtausenden gewohnte Vorgehensweise. Überlegungen, dass er die Zeit der Lektüre verlängere, wenn er den Text mit Bedacht gekürzt hatte, stammen von Horaz. Wie reich und vielschichtig die Welt des Abbreviatio ist, offenbart der neue Sammelband von Julia Frick und Oliver Grütter. Grundlage der versammelten Beiträge ist eine Tagung aus dem Jahr 2019. Die wissenschaftlichen Aufsätze machen uns vor allem klar, mit welchem Dünkel die Menschen auf die Gesellschaften vergangener Jahrhunderte geschaut haben. Denn lange Zeit ging man davon aus, dass Kürzungen vor allem der schwindenden Aufnahmebereitschaft der Zuhörerschaft geschuldet waren. Das Gegenteil war der Fall, stellt die Forschung heute fest. Dünkel verweist bis heute ohnehin meist auf die Begrenztheit der eigenen Vorstellungskraft. Und die mag sich des Kalauers erinnern, der aus den 425 Zeilen von Schillers Lied von der Glocke ganze vier macht (wenn wir die zwei Zeilen großzügig teilen wollen: „Loch in Erde, / Bronze rin. / Glocke fertig: / bim bim bim.“

Nachdem wir eingesehen haben, dass nicht kürzer automatisch immer besser ist, sollten wir uns überhaupt Gedanken darüber machen, wie lang lang und wie kurz kurz eigentlich ist. Wir hatten Grobi aus der Sesamstraße, der uns „lang“ und „kurz“ voneinander unterscheiden half. Die Menschen des Mittelalters waren da weiter; In ihrem Beitrag „Immer schneller kürzer“ verweist Susanne Köbele auf Johann von Konstanz und – programmatisch – auf Ulrich von Liechtenstein, die sich mit dem „rhetorischen Zeitdilemma“ befassten „“Redselige Breite ist ebenso verpönt wie allzu zielstrebige Kürze“): „Sag schnell, was du willst, aber nicht zu schnell, denn übereiltes Abkürzen kann den Liebes- und Dichtererfolg ebenso ruinieren wie Trödeln. Tu ihr deine Beständigkeit beständig kund, aber langweile nicht durch Länge und Dauernd-Reden.“ Vieles lässt sich auch in den übrigen Beiträgen entdecken. Wer aber bei Lang Lang und Kurz gleich bei klassischer Musik und neoklassischer Politik ist, dem sei eine auf die Antonyme „kurz“ und „lang“ besser passende Episode aus meiner Kindheit erzählt. Auf dem Berliner Canisius-Kolleg unterrichtete der Jesuitenpater Karl Länger SJ Physik. Es bedurfte keiner großen Fantasie für den allerorts niedergeschriebenen Spruch „Macht den Länger kürzer!“ Einziger Witz Problem beim ansonsten nicht sehr originellen Namenswitz: P. Länger SJ maß ohnehin nur bescheidene 1,52 Meter. Was ist lang? Was ist kurz? Das neue Buch über Abbreviationes hat zumindest die rhetorisch-poetische Antwort.

14. Aug 2021

In memoriam Kurt Biedenkopf

von broemmling

Zahllose Geschichten ranken sich um Kurt Biedenkopfs Zeit bei der Hertie School of Governance. Während er dem Kuratorium vorstand, baute ich in den Jahren 2004 bis 2006 das Marketing für die Neue in der Berliner Hochschullandschaft auf. In diesem Rahmen durfte ich den ganz besonderen Charakter der neuen Hochschule für Public Policy unter anderem in Kairo und Beirut präsentieren.

In unserer gemeinsamen Zeit an der Hertie School erschien mein erstes Buch Die Kunst des Stiftens. 20 Perspektiven auf Stiftungen in Deutschland. Grundlage war meine Artikelserie zum Thema Stiftungen in der Frankfurter Rundschau, die erste Serie zu diesem Thema in einer überregionalen Tageszeitung überhaupt. Das hat auch Kurt Biedenkopf beeindruckt, wie er mir sagte. In einer Zeit, in der Dank noch eine Selbstverständlichkeit war, schenkte er mir seine Erinnerungen der Jahre 1989-1990, die 2006 gerade erschienen waren. Kurze Zeit später nahm ich Abschied von der Hertie School of Governance. So war es verabredet, denn ich wollte mich intensiver meiner Doktorarbeit über Stiftungen in Norwegen widmen und meine Einnahmen aus selbstständiger, unabhängiger Beratung und journalistischer Tätigkeit erzielen.

Kurt Biedenkopf genoss bei allen Mitarbeitern der Hertie School, gleich welcher politischer Couleur, hohes Ansehen. Dass er ein kluger Kopf war, merkte man in den Besprechungen genauso wie bei öffentlichen Auftritten oder im persönlichen Gespräch. Er hatte durchaus Humor. Die Liste der Anekdoten ist lang. Mein Lieblingszitat aus seinem Munde, das nur Menschen verstehen, die dabei waren: Öl!  Und als passendes Schlusswort ein Zitat nicht aus seinem Munde: Für mich war er nie der kleine Kurt.

21. Jul 2021

Rezension Adel und Mehrsprachigkeit in der Frühen Neuzeit

von broemmling

Helmut Glück | Mark Häberlein | Andreas Flurschütz da Cruz (Hg.): Adel und Mehrsprachigkeit in der Frühen Neuzeit. Ziele, Formen und Praktiken des Erwerbs und Gebrauchs von Fremdsprachen (= Wolfenbütteler Forschungen Band 155). Harrassowitz Verlag in Kommission, Wiesbaden 2019. 259 Seiten, 58 EUR.

Es mag eines der putzigsten Bilder sein, die je für einen Band der langen Reihe der Wolfenbütteler Forschungen ausgewählt wurden: Wir sehen eine Treppe mit unzähligen Stufen (erst weil es heute ans Bilderklären geht, habe ich sie nachgezählt, es sind 15). Unten steht ein Männlein – da oben am Ende der Stufen ein Thron steht, handelt es sich wohl um einen Prinzen. Jede Stufe auf dem langen Weg hin zur Macht ist mit einem Studienfach, mit Tugenden und Fertigkeiten bezeichnet. In lateinischer Sprache beginnt es mit den Humanwissenschaften oder besser gesagt, mit der Gesamtheit des humanistischen Bildungsprogramms, zu dem ursprünglich Grammatik, Rhetorik, Poesie, Moralphilosophie und antike Geschichte gerechnet wurden. Aber wir halten uns auf, wir wollten nur kurz ein Bild erklären: Eine Stufe von 15 war das, jedes Fach, Theologie folgt gleich als nächstes, hat doch nur eine kleine anteilige Bedeutung auf dem Bildungsweg, den der Prinz durchschreiten muss oder sollte, bis er reif zum Regieren war. Kontinuierlich auf diesem Weg sind nur zwei Dinge, denn sie säumen begrifflich wie bildlich links und rechts die gesamten Bildungstreppe: Rechts geht es um Leibesübungen. Das verwundert nicht. Rudern oder Radfahren einmal oder fünfmal die Woche ist bis heute jeder gewohnt. Aber auf der linken Seite gesellt sich als Dauerbrenner (im Plural) Auslandsaufenthalt und Auslandsreise hinzu. Wie wertvoll Erfahrungen im Ausland sind, sieht man in dieser Deutlichkeit selten irgendwo gezeigt. Das Studium exotischer Sprachen ist dann noch einmal eine gesonderte Stufe auf dem Weg zur Erkenntnis – und Erkenntnis sei hier mal als allgemeingültiges Bildungsziel gewählt, denn das Buch mit seinem Titelbild soll uns schließlich auch noch etwas sagen.

Die Aufsätze des vorgestellten Bandes konzentrieren sich auf den Fremdsprachenerwerb des Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Die Herren reisten und waren erst nach ihrer Grand Tour ernst genommene Mitglieder ihres Standes, die Damen durften zuhause bleiben und im wahrsten Wortsinn Hausaufgaben machen. Nein, das ist genauso wenig schwarz-weiß gültig wie alles im Leben, das auch damals schon bunt war. Wie umworben erfolgreiche Schüler bei Hofe waren, erzählt Nils Jörn in seinem Aufsatz über die Hoffnungen der schwedischen Krone auf einen polyglotten Assessor – hier erhalten wir einen Einblick in die Probleme des Alltags monarchischen Regierens. Interessant bei vielen Aufsätzen, welche Aufgaben und welches Ansehen den einzelnen Sprachen an den unterschiedlichen Höfen zukam. Dass im kroatischen Adel, der oft neben Kroatisch auch Ungarisch sprach, Latein für den nationalen Schriftverkehr nutzten, aber erst dann als zivilisiert galten, wenn sie auch Deutsch konnten, zeigen Ivana Horbec und Maja Matasović. Als Amtssprache hatte das Deutsche nur eine sehr kurze Karriere bis 1790; Latein hielt sich bis 1847 als Amtssprache, bevor Kroatisch übernahm. Latein wurde sogar als Waffe im Widerstand gegen die deutsche Sprache (und damit die habsburgerischen Einflüsse) genutzt. Die Funktion der Sprache als Waffe kommt auch bei den Fremdsprachenkenntnissen in deutschbaltischen Adelsfamilien zum Vorschein. Ineta Balode zitiert aus einem Brief von Balthasar Freiherr von Campenhausen 1787 über das Französische: Ein junger Edelmann, der diese Sprache nicht mit Geläufigkeit als seine Muttersprache spricht, wird bei erwachsenen Jahren lächerlich, es sey auch in Rußl. oder Teutschland. Das schönste Zitat aus dem, Buch aber entstammt dem Aufsatz von Barbara Katz über sprachenkundige Frauen im Adel der Frühen Neuzeit. Georg Christian Lehms beschreibt dort die Fremdsprachenkenntnisse von Margarethe Sybilla Löser, geb. von Einsiedel (1642-1690): Gut Hebräisch, nett Grichisch, schön Latein und galant Italiänisch. Das schaffte in der heutigen Zeit gerade mal meine Klassenkameradin Claudia Wulff. Und die ist vor fünf Wochen, am 12. Juni 2020, verstorben. Der Sammelband bietet mannigfachen Aufschluss, hier erweitert jeder Beitrag das Wissen der Leserschaft, was man nun wirklich nicht von jedem Aufsatzband erwartet, der Folge einer Konferenz ist – wer ehrlich ist, erwartet das eher selten. Aber hier passt es, selbst die Gliederung scheint einer gewissen Dramaturgie zu folgen: Der Band schließt mit Helga Meises Beitrag über Fremdsprachen im Spiegel von Fürstenbibliotheken im 18. Jahrhundert.

2. Jul 2021

Neuerscheinungen zum Stiftungswesen

von broemmling

Aus dem StiftungsManager, Nachlieferung 1/21

Olaf Werner | Ingo Saenger | Christian Fischer (Hg.): Die Stiftung. Recht – Steuern – Wirtschaft. 2. Auflage. Nomos Verlag, Baden-Baden 2019. 1184 Seiten, 138 Euro. 978-3-8329-5222-8.

Jeder zweite juristische Fachverlag verfügt inzwischen über ein Standardwerk zum Stiftungsrecht, oft erweitert um steuerliche und gemeinnützige Aspekte. Jedes dieser Buchprojekte war ein für den jeweiligen Verlag ein Wagnis, solange es bei C.H. Beck den Seifert/von Campenhausen gab. Der hatte Maßstäbe gesetzt und diese durch Folgeauflagen weiter justiert; selbst wer ein weiteres Handbuch zu Rate zog, kam am Blick in den Seifert/ von Campenhausen kaum vorbei. Doch dieses große Handbuch ist Geschichte und so hat sich das Wagnis der anderen Verlage durchaus ausgezahlt. Überall erscheinen die Standardwerke nunmehr auch in zweiter und dritter Auflage. Als eines der letzten großen Werke ist im Berliner Wissenschafts-Verlag 2008 „Die Stiftung“ erschienen, das Handbuch für Recht, Steuern und Wirtschaft. Elf Jahre später verlegte Nomos die zweite Auflage. Der Nomos Verlag hat den Titel wie auch die Zeitschrift zum Vereins- und Stiftungsrecht (ZVSt) vom Berliner Wissenschafts-Verlag übernommen. Die zweite Auflage des Handbuchs enthält umfassende Änderungen, schließlich waren auch hier Gesetzesänderungen und weitere Aktualisierungen einzuarbeiten, etwa das Ehrenamtsstärkungsgesetz von 2013. Der Band verzichtet auf den Untertitel „Stiftungsrecht“ der Vorauflage, liefert er doch zur Verwaltung, zu Haftungsfragen und zur Aufsicht entscheidende Ausführungen. Die grundlegend überarbeitete Gliederung erscheint bei genauem Vergleich, obwohl hier mehr Themen dazugekommen sind, übersichtlicher und stringenter. Manche Kapitel sind völlig neu gefasst, exemplarisch sei hier das Kapitel „Stiftungsaufsicht“ genannt, das Wolfram Backert für die Erstauflage bearbeitet hatte. Angelo Winkler, ehemals Stiftungsaufsicht Sachsen-Anhalt, hat dem Thema mit einem völlig neuen Text ein junges Gesicht gegeben. Für den Einstieg in die gesetzlichen Grundlagen beschränkt sich der Autor auf drei Grundformulierungen in §§ 80, 81 BGB, bevor er mittels neun Entscheidungen von Bundesverwaltungsgericht und Bundesgerichtshof die großen Fragestellungen anschaulich nebeneinander stellt, mit denen die Stiftungsaufsicht befasst ist oder im Zweifel befasst sein sollte. Es folgt ein erster Überblick in 24 Leitsätzen, bevor Angelo Winkler sich zu anderen Stiftungsrechtsformen äußert, bestens juristisch aufgefächert. Erst dann geht es in die Einzelheiten, nachdem die Leserschaft den ersten Überblick gewonnen hat. Falls man überhaupt etwas vermisst, sind das kritische Kommentare zu den Schwachstellen des Systems der Stiftungsaufsicht. Mehrere Autorenwechsel haben der Neuauflage ebenso wenig geschadet wie die Erweiterung des Herausgebergremiums um Christian Fischer, dem wie bisher Olaf Werner und Ingo Saenger angehören. Und auch der um ein Drittel auf 1200 Seiten gewachsene Umfang bekommt dem Handbuch gut.

Rupert Graf Strachwitz | Eckhard Priller | Benjamin Triebe: Handbuch Zivilgesellschaft (= Maecenata Schriften 18). De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2020. 360 Seiten, 49,95 Euro. 978-3-11-055129-7.

„Alle reden von Zivilgesellschaft, aber keiner weiß, was es ist.“ Das könnte ein Spontispruch aus dem West-Berlin der Mauerzeiten gewesen sein, nur dass der Begriff Zivilgesellschaft im politischen Diskurs erst nach Mauerfall überhaupt Gestalt annahm. Bis heute besteht keineswegs Konsens darüber, was die Zivilgesellschaft bezeichnet, welchen Organisationsgrad sie haben muss, wie stark sie sich von Wirtschaft und Staat abgrenzen muss – und schon folgen wir einer von immer noch vielen Arten der Definition. Etliche Norweger waren noch vor zehn Jahren davon überzeugt, Zivilgesellschaft bezeichne alles, was nicht militärisch sei, andere gehen von mehr als drei Bereichen aus und betrachten neben Wirtschaft, Staat, Zivilgesellschaft noch das Private (oder die Familie) und das Kriminelle. Je nach politischer Verortung werden Bedeutung und Beschränkung zivilgesellschaftlicher Akteure formuliert. So verwundert es nicht, dass der Staat keinen Widerspruch darin sieht, zu bestimmen, was bürgerschaftliches Engagement ist, um dann das entsprechende „Bundesweite Netzwerk“ zu koordinieren. Somit gab es bislang keinen verlässlichen Überblick zum Begriff und zum Phänomen der Zivilgesellschaft. Ob es so etwas in diesem Sinne jemals geben wird, geben kann, ist fraglich; auch die Wissenschaft ist sich bis heute keineswegs einig, etwa inwieweit Stiftungen öffentlichen Rechts Teil der Zivilgesellschaft sind, wenn sie im Gegenteil öffentlicher Kontrolle durch gewählte Repräsentanten entzogen sind. Fängt man mit einem Beispiel an, fallen gleich viele weitere ein. Dennoch ist das Handbuch Zivilgesellschaft, wie es jetzt in der Reihe Maecenata Schriften vorliegt, als großer Fortschritt zu werten. Hier sind nicht nur die Grundlagen und Traditionslinien aufgezeigt, die sich von zivilgesellschaftlichen Organisationen zurückverfolgen lassen – soziale, kirchliche, ökologische Bewegungen. Viele politische Denkerinnen und Denker haben sich zu dem geäußert, was wir heute als Zivilgesellschaft bezeichnen würden, auch wenn das allenfalls als „bürgerliche Gesellschaft“, als „offene Gesellschaft“ oder als „handelndes“ Subjekt auftaucht. In welchen Rechtsformen organisiert sich die Zivilgesellschaft zu welchem Zweck? Hier ist der Antwortenkatalog umfassend, wenn auch nicht abschließend. Von der Makroebene, die das Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft beschreibt, geht es über die Mesoebene, eine Zustandsbeschreibung der aktiven Institutionen der Zivilgesellschaft, bis zur Mikroebene mit dem Thema Ehrenamt. Auch die aktuellen Debatten, zumindest die lautesten, nennt die Zusammenstellung, die damit zu Recht den Titel eines Handbuchs führt.

Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hg.): European Community Foundation Initiative. A Guide to Community Foundations in Romania. Bundesverband Deutscher Stiftungen, Berlin 2018. 43 Seiten. 978-3-941368-93-4.

Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hg.): European Community Foundation Initiative. A Guide to Community Foundations in Italy. Bundesverband Deutscher Stiftungen, Berlin 2018. 51 Seiten. 978-3-941368-92-7.

Sind die Bürgerstiftungen eine Idee, die aus Europa kommt, weil hier die stifterische Tat auf die Idee der Bürgergesellschaft trifft; zwei Faktoren, die sich tatsächlich auf europäische Wurzeln zurückführen lassen? Oder ist die Bürgerstiftungsbewegung in Deutschland darauf zurückzuführen, dass Reinhard Mohn einmal in Amerika von den Community Foundations hörte und die Idee mit nach Europa nahm? Seit gut zwei Jahrzehnten gibt es glühende Anhänger der einen wie der anderen Theorie. Es wird wohl eine Mischung aus beidem gewesen sein; in jedem Fall aber hat sich im Europa der Gegenwart der Bürgerstiftungsgedanke nirgendwo so rasant und so effektiv verbreitet wie in Deutschland. Hier sitzen die alten Häsinnen und Hasen, die, oft unterstützt von der Bertelsmann Stiftung und TCFN, dem Transatlantic Community Foundation Network, von gemeinsamen Aktivitäten mit Vertretern der Community Foundations Spezialwissen erworben haben. Dieses Wissen wollen sie teilen und weitergeben an andere Akteure, die in anderen Staaten Europas Bürgerstiftungen aufbauen oder aufbauen wollen. Die European Community Foundation Initiative (ECPI) bringt zur Flankierung einzelner Aktionen eine Reihe von Ratgebern, jeweils auf ein Land ausgerichtet, kostenlos an Interessenten. Die Länderstudien, von denen hier exemplarisch „A Guide to Community Foundations in Romania“ und „A Guide to Community Foundations in Italia“ erwähnt seien, sind in Herausgeberschaft des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen erschienen. Anders als vielleicht anzunehmen, handelt es sich dabei um keine Ratgeber, die aus Textbausteinen bestehen, wo ein paar Seiten für die einzelnen Länder nur ausgetauscht oder gar überall „rumänisch“ nur durch „italienisch“ ersetzt ist. Beide Leitfäden sind vollständig eigene Publikationen, die sich auf die besonderen Gegebenheiten vor Ort beziehen. Denn gerade zwischen der Situation der rumänischen und jener der italienischen Community Foundations (und nicht nur dort) liegen Welten. Für Rumänien etwa gibt es keinerlei steuerliche Abzugsmöglichkeit für Privatpersonen, das Sponsoringgesetz, das Entsprechendes für Unternehmen erlaubt, ist allerdings noch nicht hinreichend bekannt. Vielsagend, wenn nicht zu viel sagend sind im Rumänien-Band allerdings Information wie die folgende: „Die Bürgerstiftungsbewegung in Rumänien würde nicht das beeindruckende Wachstum haben, wenn sie nicht eng mit internationalen Netzwerken verknüpft wäre.“ „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.“ Das Zitat aus Goethes „Torquato Tasso fällt einem überall dort ein, wo hinter vermeintlich hehrem Tun persönliche Interessen oder dickes Eigenlob stehen. Italien braucht diese Netzwerke offenbar nicht. Die italienischen Bürgerstiftungen haben sich bereits eigene Grundsätze gegeben. Sie enthalten Ähnlichkeiten mit den „Merkmalen deutscher Bürgerstiftungen“, sind aber keineswegs identisch. Genau an solchen Stellen sind die Hefte auch für deutsche Bürgerstiftungen interessant. Denn auch Unterschiede können zum Nachdenken anregen und Verbesserungen bewirken.

Bernd Helmig | Silke Boenigk: Nonprofit Management (= Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften). Verlag Franz Vahlen, München, 2., komplett überarbeitete Auflage 2020. 246 Seiten, 34,90 Euro. 978-3-8006-5179-5.

Über Jahrzehnte blieb professionell geführten Nonprofit-Organisationen nichts anderes übrig, als bei der Aus- und Weiterbildung auf gängige Theorien aus der Betriebswirtschaftslehre zurückzugreifen. Stiftungskommunikation folgte anfangs den Leitlinien der Unternehmenskommunikation, Stiftungsführung jenen der Unternehmensführung. Dabei bestehen zwischen profitorientierten Unternehmen und Nonprofit-Organisationen so gravierende Unterschiede, dass sich Managementmethoden der Wirtschaft allenfalls modifiziert in der Zivilgesellschaft anwenden lassen. Der StiftungsManager, einst als „Rechtshandbuch für Stiftungen“ gegründet, ist ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft und Praxis auf die Forderung nach stiftungsadäquaten Managementkonzepten reagieren. Ein zweites Beispiel ist das Weiterbildungsangebot zu zertifizierten Stiftungsmanagerinnen und -managern der Deutschen Stiftungsakademie. Eine dritte

gute Reaktion auf den gestiegenen Bedarf passender Managementgrundsätze ist das Handbuch zum Nonprofit Management von Bernd Helmig (Universität Mannheim) und Silke Boenigk (Universität Hamburg), das jetzt in 2. Auflage vorliegt. In den seit der 1. Auflage vergangenen Jahren hat sich einiges getan im Nonprofit-Sektor. Das Handbuch besticht durch Gliederung und Übersichtlichkeit. Allerdings ist es weiterhin stark am ökonomischen Denken ausgerichtet, was sich vor allem im Kapitel über Nonprofit-Marketing niederschlägt. Das Wort „Öffentlichkeitsarbeit“ existiert nicht. Nach dem Verständnis der Autoren lässt sich offenbar alles in Marketing, Markenstrategien und Markenpersönlichkeiten auflösen. Wo stets der Wettbewerber gesehen wird, bleibt ein schiefes Bild zurück. Doch letztlich ist es besser, die Manager von Stiftungen und anderen Nonprofit-Organisationen lernen die Arbeit anhand von Beispielen von zwei konkurrierenden gemeinnützigen Vereinen kennen als anhand des Kampfes Coca-Cola gegen Pepsi.

Anja Hirsch: Gemeinwohlorientiert und innovativ? Die Förderung politischer Jugendbildung durch unternehmensnahe Stiftungen. Transcript (= Edition Politik Band 87), Bielefeld 2019. 203 Seiten, 49,99 Euro. 978-3-8376-4984-0.

Dieses Buch hat Sprengkraft. Anja Hirsch hat die Aktivitäten unternehmensverbundener Stiftungen im Bereich der Jugendbildung untersucht und kommt zu einem Ergebnis, das Skeptiker schon länger angemerkt haben. Auch dort, wo die Verbindung von Unternehmen und Stiftung nicht augenfällig ist (wie etwa durch Personenidentität in den jeweiligen Leitungsebenen), ist der Einfluss der Unternehmen noch stärker als von vielen befürchtet und von vielen anderen beschwichtigt. Die Autorin nennt viele Beispiele. Die eigentliche Fallstudie ist anonymisiert veröffentlicht. Dazu musste sie leicht verändert werden. Es ist kaum anzunehmen, dass die Doktormutter hier Verzerrungen gestattet hätte, die auf die Schlussfolgerungen abfärben. Wenn es sich aber genauso verhält wie dargestellt, wird der Ton zwischen mancher unternehmensverbundenen Stiftung und dem zuständigen Finanzamt für Körperschaften rauer werden. Oder Attac bekommt im Gegenzug doch wieder die Gemeinnützigkeit zurück.

Janina Salden: Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband zur Zeit des Nationalsozialismus (VSWG-Beiheft 246). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2019. 388 Seiten, 64 Euro. 978-3-515-12340-2.

75 Jahre sind seit Kriegsende vergangen, 75 Jahre seit der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur. Niemand, der heute als Angestellter noch in Lohn und Brot steht, hat die Zeit vor 1945 miterlebt, niemand hat persönliche Schuld auf sich geladen. Aber manches Unternehmen, manche Institution, manche Stiftung hat damals bereits existiert, manche Vorgänge- rin in anderer Rechtsform. Auch wenn sich keine Frage der persönlichen Schuld stellt, erwächst aus dem Verhalten in der Vergangenheit eine Verantwortung für die Zukunft, und zumindest dafür ist es ganz gleich, ob man sich heldenhaft oder im Stillen gegen Unrecht zur Wehr gesetzt hat oder unmenschliches Han- deln hingenommen oder begünstigt hat. Nur eines ist nicht mehr zulässig: Dass man kein Wort über die Rolle des eigenen Unternehmens in den zwölf Jahren des „Tausendjährigen Reiches“ verliert. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband ist bis heute der Verband von Sparkassen geblieben, die teilweise selbst in Stiftungsform existieren, die mit ihren zugehörigen Sparkassenstiftungen aber heute die größte Gruppe in der Stiftungsfamilie bilden. Kein Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen spricht für so viele Stiftungen wie der DSGV. Allein vor diesem Hintergrund ist die ehrliche Aufarbeitung lesenswert. Der DSGV, der bei der „Machtergreifung“ 1933 bereits sieben Jahre bestand, hat es den neuen Machthabern aus Sicht der Nachgeborenen in vorauseilendem Gehorsam allzu leicht gemacht, eine Gleichschaltung auch im Sparkassenwesen zu vollziehen. Aber es steht niemandem der heute Lebenden an zu richten oder zu verurteilen.

 

 

9. Jun 2021

Neun Neuerscheinungen zur Kartografie

von broemmling

Neuerscheinungen zur Kartografie

Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt sind ein guter Indikator für jene Themen, die  die Gesellschaft bewegen. Förderungen und Buchpreisbindung sind Garanten für ein vielfältiges Angebot, in dem auch in Nischen Bücher erscheinen, die sich nicht rechnen und nie gedruckt würden, setzte man allein auf wirtschaftliche Kriterien. Landkarten und Atlanten erscheinen mit schöner Kontinuität, ganz gleich ob gefördert oder nicht. Gewachsen indes ist das Interesse an der Kartografie selbst, der Wissenschaft von der redaktionellen, gestalterischen und technischen Erstellung von Landkarten, stark gewachsen. Ursprünglich auf Erde und Weltraum beschränkt und harte Fakten fordernd, weichte der Begriff auf. Jeder Grundriss kann heute eine Karte sein, jede selbsterdachte Schatzkarte, so ist auch der Atlas nicht mehr nur eine Sammlung von Landkarten. Schon 1973 erschien The Atlas of World Wildlife, ein Jahr später die deutsche Übersetzung Weltatlas des Tierlebens, wie das Original im Verlag Mitchell Beazley. Da fügt sich der hier ebenfalls besprochene Atlas der Säugetiere nahezu nahtlos ein – nur dass eben deutlich mehr solcher Publikationen erscheinen als vor 50 Jahren. Erst sind alle besprochenen Titel versammelt, dann folgen die einzelnen Besprechungen. 

Passepartout (Hg.): Weltnetzwerke – Weltspiele. Ein Buch und ein Spiel zu Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt. konstanz university press, Göttingen 2021. 349 Seiten, 41,90 EUR.

Thomas Reinertsen Berg: Auf einem Blatt die ganze Welt. Die Geschichte der Landkarten, Globen und ihrer Erfinder. Aus dem Norwegischen von Frank Zuber und Günther Frauenlob. dtv, München 2020, 351 Seiten, 35 EUR.

Atlas der Säugetiere. Schweiz und Liechtenstein. Hg. von der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie. Haupt Verlag, Bern 2020. 478 Seiten, 99 EUR.

Lukas de Blois | Robartus J. van der Spek: Einführung in die Alte Welt. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2019. 419 Seiten, 39 EUR.

Oliver Kann: Karten des Krieges. Deutsche Kartographie und Raumwissen im Ersten Weltkrieg. Brill|Ferdinand Schöningh, Paderborn 2020. 346 Seiten, 98 EUR.

Jan Schwochow: Die Welt verstehen mit 264 Infografiken. Prestel Verlag, München 2020. 568 Seiten, 59 EUR.

Sandra Rendgen: History of Information Graphics. Taschen Verlag, Köln 2019. 462 Seiten, 70 EUR.

Sabine Graf | Gudrun Fiedler | Michael Hermann (Hg.): 75 Jahre Niedersachsen. Einblicke in seine Geschichte anhand von 75 Dokumenten. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 407 Seiten, 29,90 EUR.

Beatrix Flatt: Grenzenlos. Begegnungen am Grünen Band. Verlag Andreas Reiffer, Meine 2020. 224 Seiten, 20 EUR.

 

Hier die Besprechungen

 

Passepartout (Hg.): Weltnetzwerke – Weltspiele. Ein Buch und ein Spiel zu Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt. konstanz university press, Göttingen 2021. 349 Seiten, 41,90 EUR.

Beginnen wir spielend. „Schach zählt als Sport.“ Der lustigste Satz aus der Abgabenordnung zur Regelung von Gemeinnützigkeit könnte sich nicht nur auf die Turniere und Zweikämpfe beziehen, die es bei Schachmeisterschaften gibt. Das Schachbrett ist die abstrahierte Karte eines Schlachtfeldes. Wer spielt, taucht ein in eine andere Welt, und das Spielbrett ist Karte, die hilft, sich in der unbekanntene Welt zurechtzufinden. Manchmal ist die Karte der Phantasie entsprungen, beim Spiel Sagaland zum Beispiel, oft genug ist es unsere Erde, wie bei Weltreise oder Deutschlandreise. Verspielt um die ganze Welt kommt man nicht allein mit Risiko, einem Spiel, das nicht unbedingt Spielfreude und Intellekt schult, sondern aus jedem Spieler einen Angriffskrieger macht. In einem auf Jules Vernes Roman In 80 Tagen um die Welt aufbauenden Spiel haben vier Mitspielende  besondere Rollen mit jeweils speziellem Expeditionsziel: Phileas Fogg will alles pünktlich erledigen, Passepartout kann es nicht schnell genug gehen, Detektiv Fix sabotiert, um die Gruppe aufzuhalten, auch Jules Verne ist dabei: Die Wette, die hier gerade läuft, betrifft die Reisegesellschaft, und Jules Vernes will einen möglichst genauen Ausgang der Wette erreichen. Der Begleitband zieht Verbindungslinien von der Physik zum Spiel und vom Spielplan zur Karte. Was hätte wohl der tatsächliche Jules Verne gesagt, hätte man ihn zu Lebzeiten ans Spielbrett gelassen? Vermutlich hätte auch er noch einiges gelernt in diesem klugen, aber nicht neunmalklugen Spiel. Bildung und gute Unterhaltung widersprechen sich nicht. Der Lernfortschritt ist immens, ach was, „Lernfortschritt“: Man sollte fairerweise von einem Erkenntnisgewinn sprechen. So braucht man keineswegs Jules Verne gelesen zu haben, um den Spieleabend mit Vergnügen zu erleben. Aber es schadet eben auch nicht, denn in den Einzelheiten der Reise, auf die sich die Spieler begeben, sind viele Einzelheiten und Projekte liebevoll versteckt.

 

Thomas Reinertsen Berg: Auf einem Blatt die ganze Welt. Die Geschichte der Landkarten, Globen und ihrer Erfinder. Aus dem Norwegischen von Frank Zuber und Günther Frauenlob. dtv, München 2020, 351 Seiten, 35 EUR.

Manchmal kommt wirklich Gutes aus Norwegen, Thomas Reinertsen Berg jedenfalls hat schon 2018 das ultimative Buch zum Thema Kartografie geschrieben, zunächst nur für jene, die des Norwegischen mächtig waren. Ende 2020 brachte es dann dtv in deutscher Übersetzung heraus. Der Norweger berichtet einleitend von seiner Faszination für Karten, Globen und Atlanten, um dann gleich in die Geschichte einzusteigen. Er erklärt die ersten Weltbilder, nennt die Namen der Gelehrten und Reisenden (meist sind es reisende Gelehrte), die Neues entdeckten und Beiträge zur Kartografie leisteten. Auch die Skepsis begleitet er, den Zweifel der anderen, kunstvoll zum Ausdruck gebracht schon im 5. vorchristlichen Jahrhundert durch Aristophanes in seiner Komödie Die Wolken. Früh setzt die Propaganda ein: Der Autor zitiert Eusebius, der seinen Schülern 290 n. Chr. freudig eine Karte des Römischen Reiches vorlegte mit dem Kommentar, es sei ein Genuss draufzuschauen, weil man nichts sehe, was nicht einem selbst gehört. Da ist es schon nicht mehr weit zu Augustinus und Isidor von Sevilla. Schließlich bekommt der große Gerhard Mercator seinen Auftritt, wenn auch in der deutschen Übersetzung zuweilen ein bisschen stolpernd: Kurz nachdem Europa fertig war, erlitt Mercator einen Schlaganfall, in dessen Folge er linksseitig gelähmt wurde. Aber Thomas Reinertsen Berg mag die Menschen des 15. und 16. Jahrhunderts, das ist ihm anzumerken. So ausführlich, dabei an keiner Stelle langweilig erzählt er sonst nur, wenn er zu norwegischen Helden zurückkehrt, zu Roald Amundsen oder zu Fritjof Nansen. Wunderschön mit vielen Karten – womit sonst – gestaltet, lädt das Buch zum entspannten Lesen und Betrachten.

 

Atlas der Säugetiere. Schweiz und Liechtenstein. Hg. von der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie. Haupt Verlag, Bern 2020. 478 Seiten, 99 EUR.

Seit Gerhard Mercator bezeichnet der Begriff ein Sammelwerk von Karten. Der Atlas der Säugetiere (Schweiz und Liechtenstein) ist neu im Haupt Verlag und soll als weiteres Beispiel zeigen, was Kartografie alles leistet. Hier ist das Vorkommen aller Säugetiere der Region kartografiert. Neben der in eine Karte eingezeichnete Verbreitung sind zu jeder Art Informationen zu Aussehen, Biologie, Lebensraum und Schutz versammelt. Ein feiner Seitenarm der Kartoografie, die hier dem Tier- und Naturschutz dient.

 

Lukas de Blois | Robartus J. van der Spek: Einführung in die Alte Welt. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2019. 419 Seiten, 39 EUR.

Zurück zu den eigentlichen Orten. Ort vor Zeit. Das ist so eine der Formeln, die ich aus dem Lateinunterricht behalten habe. Im Englischen ist es nicht anders. Die Zeit lässt sich recht konkret abbilden. Orte sind da schwieriger zu beschreiben. Wir brauchen gar nicht erst mit der Heisenbergschen Unschärferelation von 1926 zu kommen, nach der man nicht Ort und Geschwindigkeit eines Gegenstandes gleichzeitig bestimmen kann. Geografisches, historisches und politisches Verständnis war kaum möglich ohne Kartenmaterial. Schwer vorstellbar für viele, dass es heute keinen Kartenraum in den Schulen mehr gibt. Hier lagerten seit Jahrzehnten alte Karten, die in den Fächern Geschichte und Erdkunde an so genannten Kartenständern hingen. Dass auch heute Karten unverzichtbar für die Vermittlung von Geschichte sind, zeigt die Einführung in die Alte Welt von Kukas de Blois und Robartus J. van der Spek. Das Standardwerk ist nun in erweiterter Fassung erschienen. Der Vertiefung oder Erläuterung dienen 20 Übersichten, 92 Abbildungen (zumeist Fotos), 6 Schemata und 33 Karten. Was hier Schema heißt, ist für andere eine Infografik, im weitesten Sinne also eine Karte. Aber auch die 33 Karten und ihr Verhältnis zu den Abbildungen zeigen den Nutzen von Karten für das Verständnis von Geschichte. Die Verweildauer bei einer kartografischen Abbildung liegt um ein Vielfaches höher als die Betrachtungsdauer eines Fotos. Karten sprechen an und haben einen ästhetischen Wert, sonst hätte man wohl eher das Foto eines Tempels für den Titel gewählt. Den schmückt aber die Karte des Römischen Reiches von Julius Perthes aus dem Jahr 1772. Und lesenswert ist das Buch obendrein.

 

Oliver Kann: Karten des Krieges. Deutsche Kartographie und Raumwissen im Ersten Weltkrieg. Brill|Ferdinand Schöningh, Paderborn 2020. 346 Seiten, 98 EUR.

Will man die Bedeutung der Kartografie im Lauf der Geschichte beschreiben, kommt man auch in einer Kurzfassung an Krieg und Frieden nicht vorbei. Verlässliche Karten erhielten den Frieden, schlechte konnten Kriege auslösen. Wer Grenzen verletzte, mochte sich vielleicht mit dem Hinweis auf eine ungenaue Karte herausreden – zuweilen war es dafür schon zu spät. Nicht minder bedeutend war die Kartografie bei der Kriegsführung. Ein genauer Frontverlauf ließ sich eben nur auf einer Karte abbilden, für epische Erläuterungen ist abgesehen von der Gefahr von Missverständnissen keine Zeit. In seinem Buch über Karten des Krieges beschäftigt sich Oliver Kann mit dem Beitrag der Deutschen Kartografie zum Ersten Weltkrieg. Die Geschichtswissenschaft beschränkt sich dafür nicht auf die unmittelbare militärische Nutzung. Karten waren immer auch ein Mittel der Politik – ihrer schönen Seiten Information und Transparenz genauso wie ihrer hässlichen Manipulation und Propaganda. Die Geschichte der Kartografie ist daher immer auch Wissensgeschichte. Oliver Kann zeigt, wie in Deutschland die Verantwortung für Kartografie bei jenen lag, die militärische Interesse verfolgten; später waren Karten auch von wirtschaftlichen Interessen geprägt. Der Krieg an der Westfront im Ersten Weltkrieg offenbarte die Unzulänglichkeit der bisherigen Karten. Das Vermessungswesen band nun auch den einzelnen Soldaten als Lieferanten von Information ein. Besonders lesenswert, nicht zuletzt weil wir unsere eigenen Erfahrungen aus der Gegenwart damit vergleichen können, ist Kanns Schilderung des tendenziösen Einsatzes von Karten und die Vermittlung von Raumwissen, Kartenkunde und Orientierungsfertigkeiten an der „Heimatfront“. Heute müssten wir im Kriegsfall, der hoffentlich nie eintritt, bei der Zeitungslektüre auf Überschriften gefasst sein wie Gebietsverluste durch WLAN-Ausfall.  Aber auch heute wirken die alten Karten noch, zur Information wie zu ihrem Gegenteil. Ist eigentlich eine Generation, die keine Karte mehr lesen kann, leichter zu manipulieren als eine, die es konnte? Das muss offen bleiben. Hier sei der letzte Satz aus Oliver Kanns Untersuchung zitiert: Am Ende sind die Karten des Krieges doch langlebiger als es ihre Erschaffer damals vermutet hätten.

 

Jan Schwochow: Die Welt verstehen mit 264 Infografiken. Prestel Verlag, München 2020. 568 Seiten, 59 EUR.

Jan Schwochow berichtet in der Frühlingsausgabe von VIERVIERTELKULT, wie er Infografiker wurde, was Infografik und Kartografie gemeinsam ist und was sie trennt. Der Infografiker zählt meist noch eine zusätzliche Geschichte mit seiner Grafik; aber weniger genau als eine Karte sollte auch eine Infografik nicht sein. 264 Infografiken hat der Autor in seinem beim Prestel-Verlag erschienenen großen Buch versammelt, fünf davon sind in VIERVIERTELKULT abgedruckt, darunter auch jene über die Berliner Mauer, auf der Jan Schwochow die zahlreichen Fehler der offiziellen Karten korrigierte oder besser: sie nicht übernahm. Natürlich fällt die Auswahl schwer: Was wird die Leserin besonders interessant finden? Welche Infografiken würde der Leser womöglich überblättern? Viele Infografiken haben Landkarten als Grundlage, Geteilte Inseln zum Beispiel, Islam und Entdeckung Südpol. Wer sich den Band genau anschaut, entdeckt noch einen Leckerbissen zum Thema: Über gleich zwei Doppelseiten erstreckt sich, kein Scherz, die Infografik Kartografie – Projektionen. Hier schließt sich der Kreis. Wer sich das Buch besorgt, schaue gleich auf die Seiten 476-479. Es lohnt sich. Es lohnte sich auch sonst.

 

Sandra Rendgen: History of Information Graphics. Taschen Verlag, Köln 2019. 462 Seiten, 70 EUR.

246 Infografiken selbst zu erstellen, ist keine geringe Leistung. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn wir zum Standardwerk zur Infografik greifen, das auch eine Geschichte der Infografik ist. Den Band von Sandra Rendgen hatte ich schon im Winterheft 2019 von VIERVIERTELKULT besprochen. Aber zur Übersicht über aktuelle Literatur zum Thema gehört er zwingend, daher sei mein Text hier zitiert: Die Welt um 1800 mochte weniger komplex gewesen sein als unsere. Doch zu Erklärbildern greift man, seit man zeichnen kann. Auch Goethes Zeichnung des von ihm entdeckten Zwischenkieferknochens ist in gewisser Art eine Infografik. In einem großformatigen Buch erzählt Sandra Rendgen die Geschichte der Infografik. Die Lektüre wird zur vielfältigen Reise, unter anderem in die eigene Kindheit, und das nicht, weil die Dreisprachigkeit immer an den schlecht gebundenen Reiseführer der Akropolis erinnert, den man vor Ort gekauft hatte. In diesem hochwertigen Band sind viele Bilder versammelt, die man zum ersten Mal in der Schule sah und die nun einen logischen Zusammenhang erhalten: Dürers Nashorn von 1515, der katalanische Weltatlas von 1375, Emma Willards Tempel der Zeit aus dem Jahr 1846, vereint mit neuesten Infographiken. Die klugen Texte sind aus US-amerikanischer Perspektive geschrieben. Das ist kein Nachteil, sondern erweitert den Horizont zusätzlich.

 

Sabine Graf | Gudrun Fiedler | Michael Hermann (Hg.): 75 Jahre Niedersachsen. Einblicke in seine Geschichte anhand von 75 Dokumenten. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 407 Seiten, 29,90 EUR.

Sechs Bilder sind auf dem vorderen Cover jenes Buches auszumachen, das 75 Jahre Niedersachsen feiern soll. Bei drei der sechs Illustrationen handelt es sich um Karten, und im Vorsatz ist gleich noch einmal eine Karte des Landes Niedersachsen von 1947 Regierungs- und Verwaltungsbezirke gab es im jungen Niedersachsen noch, auch das ist schon wieder Geschichte. Der Titel ist geschummelt, denn bei weitem nicht alle Beiträge kommem mit einem Dokument aus. Eine handkolorierte Karte der Kreisverwaltung Osnabrück fällt ins Auge. Auch für den Küstenschutz vor und nach der Sturmflut dient eine Karte als Illustration, der Generalplan für den Deichschutz des Deichverbandes Südkehdingen im Raum Stade/Bützfleth bis zur Sturmflut vom Februar 1962. Interessant schließlich auch die Industrie-Entwicklungspläne vom Dezember 1946. Die beste Karte kommt gleich im 1. Kapitel: eine Karteenskizze, mit der die Nähe Schaumburg-Lippes zu Hannover deutlich gemacht werden sollte.

 

Beatrix Flatt: Grenzenlos. Begegnungen am Grünen Band. Verlag Andreas Reiffer, Meine 2020. 224 Seiten, 20 EUR.

Wie sich die Zeiten ändern! Wanderungen auf dem Todesstreifen hätte ein Buch vor 30 Jahren geheißen, das jetzt den Titel Grenzenlos – Begegnungen am Grünen Band trägt. Beatrix Flatt ist den ehemaligen Todesstreifen vom Dreiländereck bei Hof bis zur Ostsee entlanggegangen und erzählt von besonderen Bauwerken und sonderlichen Geschichten, die sich links und rechts dieser Wegmarke nacherzählt oder beschreibt. Für jede Einzelne ist etwas Neues dabei, meist sogar in der eigenen Umgebung – vorausgesetzt, man wohnt in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze. Kennen Sie zum Beispiel das Diakonissen-Mutterhaus in Elbingerode im Harz? Kannte ich zumindest nicht. Man wird schwerlich wissen, was vor fast 100 Jahren unter den Kirchsaal gebaut wurde, um überschüssigen Dampf zu nutzen: Ein Schwimmbad! Es sind viele solcher Geschichten im Buch zu entdecken. Für VIERVIERTELKULT hat die Autorin schon im Winterheft 2013 über Christopher Nimz, Anne Heinemann und jung klasse KLASSIK geschrieben. Auch ihr neues Buch ist sauber recherchiert. Allerdings müsste man das ganze Grüne Band abgeschritten haben, wolle man Ungenauigkeiten in der Darstellung völlig ausschließen.

31. Mai 2021

Kurzkritik Schubenz: Der Wald in der Literatur

von broemmling

Klara Schubenz: Der Wald in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Geschichte einer romantisch-realistischen Ressource. konstanz university press, Göttingen 2020. 505 Seiten, 39,00 EUR.

Mit den Grimm‘schen Kinder- und Hausmärchen beginnt Klara Schubenz ihr Buch über den deutschen Wald. Der Wald ist nicht nur als Ressource für die Holzwirtschaft zu sehen, der wir den Begriff der Nachhaltigkeit verdanken. Er dient auch als Rohstoff, als Bodenschatz für abertausende von literarischen Texten. Zumindest was die großen Werke des 19. Jahrhunderts betrifft, hat die Autorin nachhaltig im anderen Sinne gehandelt: Bei der Lektüre hat man den Eindruck, über dieses Thema sei man nun dauerhaft informiert, hier bleiben keine Fragen offen. Der Wald als Erinnerungsort der Vorzeit, die Märchen als Erzählungen aus der Kindheit des Menschseins und gleichzeitig als Wirtschaftsfaktor. Dass beides nebeneinander existieren kann, zeigt Schubenz an Stifters Waldbrunnen und vielen weiteren Texten. Wer ihr Buch von Anfang bis Ende liest, und der flüssige Stil macht die Lektüre leicht, hat den Wald verstanden. Wir brauchen nur den Dichtern und Denkerinnen zuzuhören, um der Natur die nötige Achtung entgegenzubringen.

20. Mai 2021

Kurzkritik Herbarium Blackwellianum

von broemmling

Dominic Olariu: Das Herbarium Blackwellianum. Das meisterhafte Pflanzenbuch der außergewöhnlichen Elizabeth Blackwell. wbg Edition, Darmstadt 2020. 460 Seiten, 120 EUR.

Meisterhaft und außergewöhnlich. Wenn Verlage ihre Publikationen bewerben, kommen wir uns zuweilen vor wie auf dem Jahrmarkt. Die Adjektive spannend und wichtig haben einen ähnlichen Aussagewert wie ständige Superlative und Konstruktionen mit sehr. Da sind wir versucht, auch meisterhaft und außergewöhnlich für übertrieben und marktschreierisch zu halten. Die Lektüre bereits der ersten Seiten zeigt uns: Wir haben uns geirrt. Der Kunsthistoriker Dominic Olariu erzählt einführend Die Geschichte hinter dem Buch. Ein unglaubliches Abenteuer. Und auch hier werden wir bald sehen, dass der Autor den Mund nicht zu voll genommen hat. Die ganze Geschichte möge jeder selbst lesen, nur so viel: Ab 1737 gab die Schottin Elizabeth Blackwell eine Reihe von Publikationen heraus, die zusammengenommen ein umfassendes illustriertes Heilkräuterhandbuch bildeten. Kupferstiche der Textseiten verfasste die Schottin dabei ebenso wie die Zeichnungen der Pflanzen. Das Werk erfreute sich einer solchen Nachfrage, dass es in kurzer Zeit in mehreren Auflagen gedruckt wurde. Elizabeth Blackwell konnte mit den Gewinnen ihren Mann aus dem Schuldenturm erlösen. Wer Herbarien und andere Pflanzenbücher schätzt, kommt an diesem Faksimile nicht vorbei. Eines der ersten Pflanzenbücher, die je von einer Frau verfasst worden sind, ist bis heute eines der prachtvollsten geblieben.