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30. Apr 2018

Kurzkritik Hanna Jansen: Und wenn nur einer dich erkennt

von broemmling

Ausgelesen! Für ihren Roman Und wenn nur einer dich erkennt hat sich Hanna Jansen von einer historischen Gestalt inspirieren lassen, die mehr Bekanntheit verdient, als man gemeinhin denken mag. Denn beim Siegburger Lottchen, das von 1912 bis 1971 in der Stadt an der Sieg lebte, handelte es sich nicht nur um eine lokale Sensation, sondern um einen außergewöhnlichen Menschen, der als Zwitter zur Welt kam und nicht, wie es viele andere erfahren mussten, in die eine oder andere Richtung umoperiert wurde. Nicht dass das historische Lottchen keine Würde besessen hätte; es hatte in der Gesellschaft durchaus seinen Platz. Hanna Jansen bringt uns diese Würde aber kunstvoll in unsere Vorstellung; sie macht aus dem Lottchen ein Friedchen und begleitet es von seiner Geburt 1912 bis zum Ende des nationalsozialistischen Regimes. Dabei webt sie viel Lokalhistorie und Gesellschaftsgeschichte mit in den Roman, für meinen Geschmack ein bisschen zu viel, doch tut das dem Leseerlebnis keinen Abbruch. Es ist erstaunlicherweise gleichzeitig ein Werk, das sensibilisiert für die Zukunft, nachdem die Existenz eines dritten Geschlechtes höchstrichterlich anerkannt worden ist. Das aber wusste schon Platon: „Nämlich unsere ehemalige Natur war nicht dieselbe wie jetzt, sondern eine andere. Denn erstlich gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht nur zwei, männliches und weibliches, sondern es gab noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden.“ Ziemlich klug. Und geschrieben 400 v. Chr. Mit Hanna Jansens Roman ist dem Bernstein-Verlag ein weiterer Glücksgriff gelungen. Unbedingte Leseempfehlung.

Hanna Jansen: Und wenn nur einer dich erkennt. Roman. Bernstein-Verlag, Siegburg 2017. 199 Seiten, 16,80 Euro. 978-3-945426-33-3.

14. Apr 2018

Kurzkritik DBC Pierre: Vernon God Little (Jesus von Texas)

von broemmling

Ausgelesen! „Der Tod macht eine fulminante Montage aus unserem Leben.“ Pasolinis Sinnspruch bewahrheitet sich gleich dreifach in D.B.C. Pierres Roman Vernon God Little – der deutsche Titel Jesus von Texas ist so dämlich, dass er hier nur genannt ist, um das Buch in der Buchhandlung des Vertrauens zu finden. Dreifach also: Der Autor selbst war quasi schon einmal tot und nennt sich in seinem neuen Leben dirty but clean Peter, DBC Pierre. Der Roman beginnt mit einem Massaker an einer Schule, 16 Schüler sterben, und Jesus, bester Freund des Ich-Erzählers Vernon, ist der Schütze. Da die Gesellschaft ihre Wut und Rache aber gern an einem Lebenden auslassen würde, trifft es Vern. Ein quasi Todgeweihter. So viel zum groben Rahmen. Der Rest ist großartige Komposition. Vor dem Auge des Lesers entsteht ein treffendes Abbild der amerikanischen Gesellschaft, die – mit Ausnahme der Waffenvernarrtheit – auch unsere heutige europäische ist. Mit bösem Witz und harter Sprache beschreibt der Autor Bestellwut, Werbemacht, Mediengewalt und Engstirnigkeit, die atemlos macht. Dass die Sprache sehr arsch- und tittenlastig ist, stört in diesem Fall überhaupt nicht. Es gehört dazu – und nimmt gut begründet zum Ende hin ab … aber mehr sei nicht verraten. Neulich fand ich den Deutschen Buchpreis falsch vergeben; Vernon God Little hat 2003 den Man Booker Prize zu Recht erhalten. Wer das Buch, das 2004 in deutscher Übersetzung herauskam, noch nicht kennt, sollte es unbedingt noch lesen.

D.B.C. Pierre: Jesus von Texas. Roman. Aus dem Englischen von Karsten Kredel. Aufbau-Verlag, 2. Auflage Berlin 2004. 383 Seiten, 19,90 Euro. 3-351-02996-9. Im Aufbau-Verlag auch als Taschenbuch für 8,95 Euro. ISBN: 978-3-7466-2150-0.

2. Apr 2018

Kurzkritik Lange: Gefühle schwarz auf weiß

von broemmling

Ausgelesen! Wer schreibt eigentlich heute noch Briefe? Ich zum Beispiel – und doch sind meine Briefe weniger emotionsgeladen, als es die Briefe und erst recht die Briefromane des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert sind. Stella Langes Untersuchung der Relation von empfindsamem Briefroman zu Affekt und Gefühl ist vor allem eine Neuausrichtung des europäischen Emotionskonzeptes als Zusammenspiel zwischen subjektiver Bewusstwerdung und Reflexion. Die Autorin tut dies anhand der bekanntesten Briefromane Julie oder Die neue Heloise von Rousseau, Die Leiden des jungen Werther von Goethe und Letzte Briefe des Jacopo Ortis von Ugo Foscolo. Der Leser erfährt bei Lange gar nicht unbedingt Neues zu den drei Briefromanen an sich; aber es erschließt sich eine umfassende neue Sicht des Emotionsbegriff. Was bewirkt Emotion in der Literatur? Wie bricht sie sich Bahn? Mit der Verhaltenstheorie des Behavioristen John Dewey etwa, – hier bewirkt die Unterbrechung gewohnter Handlungsabläufe Emotion – hatte ich zuletzt im Studium zu tun, spannend, davon, von Patrick Hogans Weiterführung des Begriffes und von vielem mehr zu lesen. Und doch: Ein zuweilen etwas sperriges Buch, nach dessen Lektüre ich lieber wieder das Original zur Hand nehme. Wie froh bin ich, dass ich durch bin!

Stella Lange: Gefühle schwarz auf weiß. Implizieren, Beschreiben und Benennen von Emotionen im empfindsamen Briefroman um 1800 (= GRM Beiheft 77). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016. 425 Seiten, 66 Euro. 978-3-8253-6659-9.

30. Mrz 2018

Kurzkritik Menasse: Die Hauptstadt

von broemmling

Ausgelesen! Robert Menasses Roman Die Hauptstadt ist ein mäßiges, wenn nicht ärgerliches Stück Literatur. Wer hätte das gedacht? Robert Menasse wirkte auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2017 (da habe ich das Foto gemacht) wie ein Mensch mit gutem Humor. Doch was auf den ersten Blick als Roman eines Europaliebhabers daherkommt, entpuppt sich schnell als engstirniges, vor allem oberflächliches Werk, belehrend, polternd, mit seichtem Witz, vollgepackt mit unausgegorenen Ideen. Da bemüht der Autor das Hauptmotiv aus Kafkas Verwandlung, weil eine Romanfigur sich nach einem Autounfall wie ein Käfer auf dem Rücken fühlt. Da muss Auschwitz für billigste Witze herhalten, wenn einer anderen Figur vor ihrem Besuch der Gedenkstätte der Kauf warmer deutscher Unterwäsche empfohlen wird (es ist bei weitem nicht der einzige Schenkelklopfer über Auschwitz). Menasses europäische Hauptstadt scheint Wien zu sein, nicht Brüssel – man schreibt eben über das, was man kennt. Der Tscheche ist eigentlich Wiener, zwei Brüder kommen aus Österreich, und ein Professor erinnert sich seiner Kindheit im sechsten Wiener Bezirk.

Wirklich lästig ist der Wortwitz des Autors, der gerade noch erträglich wäre, wenn er nicht immer besonders darauf hinweisen würde nach dem Motto: „Achtung, jetzt kommt ein lustiger Wortwitz!“ Der Beispiele sind viele, ich mag gar nicht alle nennen: Der katholische Andachtsraum war von einer unglaublichen Hässlichkeit. Unglaublich – das war schon wieder grotesk an einem Ort des Glaubens. Oder Dieser Widerspruch hatte Fenia als Kind sehr beunruhigt: unsterblich bis in den Tod. Oder Blödes Wortspiel, dachte Erhart, Ungewissen – Gewissen, und entschuldigte sich bei sich selbst. Oder Sitzenlassen – aber wie denn? Émile Brunfaut konnte ja kaum sitzen. Das Steißbein tat unerträglich weh. Oder Er fand sie stimmig. Stimmung, stimmig, ja, es stimmte. Oder – und jetzt wird es besonders blöd, weil der Autor nicht nur mitteilt, dass er lustig sei, sondern auch des Französischen mächtig – Jedenfalls, in diesem Brief schrieb mit eine Person, die sich selbst tatsächlich „Personne“ nannte. In einem Arbeitszeugnis hätte vermutlich gestanden, der Autor sei stets bemüht gewesen. Dass es für den Deutschen Buchpreis im letzten Herbst gereicht hat, wundert mich schon.

Allerdings gibt es auch einige – wenige – wirklich schöne Stellen im Buch, die zeigen, dass Robert Menasse durchaus einen Einblick in Brüsseler Prozesse hat. Da schreibt er über die Lobbyisten in Expertengruppen: Sie waren in solchen Advisory Groups nicht Vertreter von Konzernen, sie waren Vertreter der Stiftungen von Konzernen. Der ganze folgende Passus ist eine erstaunlich gute Analyse der Rolle und Argumentation von Think Tanks oder von Institutionen, die sich dafür halten. Und gefallen hat mir auch ein kurzer Dialog zweier Antiroyalisten, die dem belgischen König zugute hielten, dass er in der Zeit des belgischen EU-Ratsvorsitzes keine Regierung ernannt hatte: Nie, sagte Philippe, hatte Belgien besser funktioniert als in dieser Zeit ohne Regierung. Das kennen wir doch irgendwoher? Dabei hat Menasse sein Buch vor der Bundestagswahl 2017 veröffentlicht. Muss man deshalb das ganze Buch lesen? „Ich stelle anheim“, würde man in Brüssel vielleicht sagen.

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 459 Seiten, 24 Euro. 978-3-518-42758-3.

27. Mrz 2018

Thema des Monats: Die Reihe Staatsverständnisse im Nomos-Verlag. Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Die Reihe Staatsverständnisse ist eine der schönsten und aufschlussreichsten Reihen des Nomos-Verlages (natürlich nach der Schriftenreihe zum Stiftungswesen, muss ich, aus meiner Rezensentenrolle heraustretend, hinzufügen, schließlich ist dort als Band 44 meine Dissertation Zwischen Wohlfahrtsstaat und Zivilgesellschaft. Stiftungen in Norwegen erschienen). Viele Buchreihen erleben bei Verlagen, sei es mangels Interesse, Themenvielfalt oder Finanzierung, kaum den dritten Band. Das ist bei den Staatsverständnissen anders, was nicht nur am Preis liegt, der sich zwischen 29 und 49 Euro pro Band bewegt: Das Nachdenken über die Verfassung der Welt gehört seit Menschengedenken zu den Grundfragen der Philosophie. Wer Platons Höhlengleichnis nicht verinnerlicht hat, sollte in unserer Welt kein Amt bekleiden dürfen. Unsere Erkenntnis ist begrenzt, unser Erfahrungshorizont von den Koordinaten der Welt eingeschränkt. Es ist unmöglich, die Wahrheit zu kennen. Dass man sich gleichwohl über das Zusammenleben der Menschen in welcher Form auch immer (es muss nicht immer Staat sein, wie die Anarchisten zeigen) Gedanken machen muss, steht außer Frage.

Die Reihe Staatsverständnisse versammelt Monographien und Sammelbände zum Denken einzelner Philosophien wie ganzer philosophischer Schulen. Inzwischen hat der Nomos-Verlag den 100. Band seiner Staatsverständnisse herausgebracht. Ein schøner Anlass, auf einige der jüngsten Bände zu verweisen, die ich mir in der Fastenzeit zu Gemüt geführt habe. Mein Politologie-Studium am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin liegt ein Vierteljahrhundert zurück, aber immer noch präsent in mir der Kurs über Platons Staat mit meinem Referat übers Höhlengleichnis, das ich schon aus meinem Griechisch-Unterricht kannte.

Irgendwann in den achtziger Nummern der Reihe hat der Verlag übrigens angefangen zu sparen. Die Druckqualität der Einzelbände ist merklich schlechter geworden. Das merkt, wer die ersten 80 Bände kennt; der Qualität des Inhalts tut die neue Gestaltung keinen Abbruch. Einer der letzten Bände in besserer Ausstattung befasst sich mit Staatsverständnissen im Existenzialismus – zu Recht ist auch hier der Plural von Verständnis gewählt, denn keine philosophische Denkrichtung lässt sich zu einem Staatsverständnis eindampfen. Wer hätte gedacht, dass der individualistische Ansatz der Existenzialisten – der von einem Primat des Individuums vor dem Staat ausgeht – in unserer Zeit wieder Gültigkeit erlangt? Die Nachwirkungen des verfemten Existenzialismus sind jedenfalls politischer und aktueller, als es die magere Rezeption bisher behauptet.

Ernst Bloch ist uns durch seine Werke Geist der Utopie und Das Prinzip Hoffnung bekannt. Aber was dachte Bloch vom Staat? Ein Sammelband befasst sich mit Blochs Staatsverständnis. Kaum ein marxistischer Philosoph hat den Staat so klar als Hindernis gesehen auf dem Weg zu einer besseren Welt. Bloch untersucht im Prinzip Hoffnung die unterschiedlichen Utopien, deren Erscheinen bzw. Behandlung in der Geschichte er als logische Abfolge betrachtet. Die Beiträge des Bandes 91 der Staatsverständnisse wagen zuweilen nicht nur mutige, sondern übermütige Thesen: Da ist Bloch letztlich Vordenker oder Mitdenker einer neoliberalen Gesellschaft, und Christoph Türcke entkräftet Blochs Festlegung auf Bestimmung mit Foucault und Derrida.

Wie übermütig das Zusammenbringen der Philosophie Ernst Blochs mit dem Neoliberalismus auch sein mag; der nächste Band der Reihe befasst sich mit dem Staat des Neoliberalismus. Während die aktuellen Debatten in wirtschaftlichem wie politischen Umfeld eher nahelegen, Staat und Neoliberalismus seien ziemlich beste Feinde, belegen die Beiträge des Sammelbandes, dass es durchaus modifizierte und differenzierte Vorstellungen unter den Neoliberalisten gibt, was Staat leisten soll und leisten kann. Welche Bedeutung dem Staat in der neoliberalen Praxis zukommt, zeigt der Beitrag von Mark Bevir und Kim McKee über die Rolle des Staates ein Großbritannien. Der Staat mag Hürde sein, bleibt aber doch notwendiges Korrektiv.

Nicht in jeder Denkschule, in jeder Philosophie steht die Haltung zum Staat zentral. In Walter Benjamins Werk etwa stoßen wir eher mittelbar auf den Staat als politische Kategorie, etwa über Begriffe wie Souveränität und Gewalt, Produktionsverhältnisse und Warenform. Der Sammelband 93 aus der Reihe Staatsverständnisse arbeitet diese Bezüge heraus. Eine so direkte Forderung wie Benjamins „Der Staat soll verschwinden“ ist eher selten.

Ein anderer Sammelband nimmt sich der Rolle der Öffentlichkeit in der Demokratie an. Was ist überhaupt Öffentlichkeit? Und wie funktioniert politische Willensbildung? Lässt sich die Schwächung der Öffentlichkeit durch die Macht der Medien noch aufhalten? Dass der Band die Untersuchung der Rolle der Öffentlichkeit auf eine Staatsform beschränkt, zeigt die Vielseitigkeit der Reihe, die in weiteren Bänden die Staatstheorien von Eric Voegelin und Karl Jaspers untersucht.

Platon ist für Politologen, für alle Lehren vom Staat und vom Verhältnis von Staat und Gesellschaft oder Staat und Bürger, Maßstab geblieben. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass sich der 100. Band der interessanten Reihe ausgerechnet mit Platon befasst. Zwar ist nicht Platons Staat Gegenstand der Untersuchung, sondern sein Werk Die Gesetze. Und auch wenn der Klappentext es anders vermitteln möchte: Platons Nomoi reichen nicht an die Politeia heran. Und doch gibt der Band ungewohnt leichten Zugang zu dem über weite Teile schwer zu interpretierenden Text. Ein politisches System, gebaut auf der Herrschaft von Vernunft und Gesetz, mit Leben gefüllt von freien, mündigen Bürgern und verantwortungsbewussten Regierenden – vielleicht kann ja doch Platon unsere nächste Bundeskanzlerin sein.

Reihe Staatsverständnisse des Nomos-Verlages:

77: Hans-Martin Schönherr-Mann: Gewalt, Macht, individueller Widerstand. Staatsverständnisse im Existentialismus. Nomos Verlag, Baden-Baden 2015. 300 Seiten, 39 Euro. 978-3-8487-1900-6.

91: Hans-Ernst Schiller (Hg.): Staat und Politik bei Ernst Bloch. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 214 Seiten,  39 Euro. 978-3-8487-3365-1.

92: Thomas Biebricher (Hg.): Der Staat des Neoliberalismus. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 285 Seiten, 49 Euro. 978-3-8487-3256-2.

93: Christine Blättler | Christian Voller (Hg.): Walter Benjamin. Politisches Denken. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 307 Seiten, 49 Euro. 978-3-8487-3425-2.

94: Henning Ottmann | Pavo Barišić (Hg.): Demokratie und Öffentlichkeit. Geschichte. Wandel. Bedeutung. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 156 Seiten, 29 Euro. 978-3-8487-3303-3.

95: Hans-Jörg Sigwart (Hg.): Staaten und Ordnungen. Die politische und Staatstheorie von Eric Voegelin. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 257 Seiten, 39 Euro. 978-3-8487-3312-3.

99: Karl-Heinz Breier | Alexander Gantschow (Hg.): Vom Ethos der Freiheit zur Ordnung der Freiheit. Staatlichkeit bei Karl Jaspers. Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 205 Seiten, 39,90 Euro. 978-3-8487-0827-7.

100: Manuel Knoll | Francisco L. Lisi (Hg.): Platons Nomoi. Die politische Herrschaft von Vernunft und Gesetz. Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 290 Seiten, 29 Euro. 978-3-8487-1899-3.

4. Feb 2018

Kurzkritik Bachleitner: Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848

von broemmling

Ausgelesen! Um Österreich mag es derzeit nicht so gut bestellt sein (wenn es erlaubt ist, sich vom Nachbarland aus einzumischen). Doch das die Pressefreiheit bedroht ist, so weit scheint man noch nicht zu sein. Da hat unser südlicher Nachbar schon härtere Zeiten erlebt. Norbert Bachleitner, Leiter der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien, liefert eine umfassende Analyse der Zensur der Habsburgermonarchie in den hundert Jahren bis 1848. Am 13. März 1848 brach in Wien die Revolution aus, und mit der Absetzung des Staatskanzlers Metternich kam die Pressefreiheit zu neuer Blüte. Bis dahin aber sorgte ein System von Verordnungen, Zensoren, Maßnahmen dafür, dass von freier Meinungsäußerung keine Rede sein konnte. Autoren, Verleger, Buchhändler: Alle mussten auf der Hut sein. Das Buch beschreibt nicht nur die institutionellen Grundlagen und die Arbeitsweise der Zensoren. Vor allem die zehn Fallstudien von Zensur unterschiedlicher Gattung und Zeitabschnitte machen das neue Werk zu einer spannenden Lektüre.

Was zunächst überrascht: Zensur war keinesfalls immer gleichbedeutend mit böser Absicht. Anfangs stand die Zensur auch in Österreich durchaus im Dienst der Aufklärung. So achteten die Zensoren bei Theateraufführungen etwa darauf, daß auf dem Theater nichts extemporirt werde, keine Prügeleien stattfünden, auch keine schmutzigen Possen und Grobheiten passirt, sondern der Residenzstadt würdige Stücke aufgeführt werden. Doch nach und nach griff die Zensur immer tiefer in die Inhalte ein. Auch die Warnung vor Goethes Werther jedenfalls dürfte noch kaum aus Angst vor Taten wider die Obrigkeit gesteuert sein. Durchschaubarer arbeitete die Zensur da schon beim Vorgehen gegen Hermann Kunibert Neumanns Erz und Marmor. Drei vaterländische Dichtungen von 1737, die den Jürgen Wullenweber positiv beschreibt, der 1533-35 Lübecker Bürgermeister war und in dieser Zeit gegen die Vorherrschaft von Papst und Patrizier kämpfte. Österreich hatte einst mit versucht, Wullenweber zu beseitigen. Dass das Stück den Zensoren nicht gefiel, war offenbar. Das ist nur einer von zehn spannenden Fällen, der die Lektüre des ganzen Buches lohnt.

Wie sagt mein türkischer Friseur so schön: „Warum schreiben denn eure Journalisten zwar alles mögliche Falsche über Erdoğan, aber nicht über deutsche Politiker? Kann ich dir sagen: Weil sie nicht dürfen!“ Hoffen wir, dass wir von diesen Zeiten weit entfernt sind.

Norbert Bachleitner: Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848 (= Literaturgeschichte in Studien und Quellen Band 28). Böhlau Verlag, Wien 2017. 528 Seiten, 60 Euro. 978-3-205-20502-9.

3. Feb 2018

Kurzkritik Schenkel: Tannöd

von broemmling

Ausgelesen! Tannöd hatte 2007 den 1. Platz beim Deutschen Krimipreis belegt und war auch noch in den Folgejahren Gegenstand des Feuilletons. Irgendwie hatte ich damals keine Lust drauf und dachte, ich hole das jetzt mal nach. Was für eine Enttäuschung (ich sollte mich einfach mehr auf mein Lustgefühl verlassen)! Offenbar sind die Deutschen tatsächlich keine großen Krimischriftsteller, wenn es Tannöd wann auch immer auf den 1. Platz schafft. Ein bisschen Dialekt gemischt mit der brutalen, aber simplen Abschlachtung einer ganzen Hofgemeinschaft, gespickt mit katholischen Gebeten und Heiligenlitaneien, die nur dem unterhaltsam vorkommen mögen, der sie nicht aus der Kindheit kennt: Das ist alles. Der Plot ist mau, die Charaktere schlicht angelegt (nichts gegen einfältige, schlichte Gemüter), ein roter Faden fehlt. Hoffentlich hat Anna Maria Schenkel aufgehört zu schreiben.

Anna Maria Schenkel: Tannöd. Krimi. Nautilus Verlag, Hamburg 2006. 125 Seiten, 12,90 Euro. 978-3-89401-479-7.

4. Jan 2018

Kurzkritik Pellegrino: Atlas Hotel

von broemmling

Ausgelesen! Bruno Pellegrino hat vermutlich eigentlich eine Beziehungsgeschichte schreiben wollen, aber ihm ist mit Atlas Hotel viel mehr gelungen: Ein rasanter Bericht einer Reise von Moskau mit der Transsib nach Peking und dann weiter mit dem Flugzeug nach Tokio. Nichts ist aufgesetzt, alle Bilder stimmen: So wie sie den Zug genommen haben, um sich zu einem Kontinent vorzutasten, ziehen sie jetzt zu Fuß los, um sich mit Tokio vertraut zu machen. Das stimmt milde beim Urteil über Anglizismen wie Einmal mehr, die schließlich auch der Übersetzerin geschuldet sein könnten.

Noch gelungener als die Reiseerzählung aber ist der erste Teil, in dem die Hauptfigur Entwicklungshelfer auf Madagaskar ist oder zumindest als solcher beginnt. Wer schon mehrmals mehrere Wochen in Afrika unterwegs war wie ich (und um wieviel mehr jene, die dort Jahre verbrachten wie mein guter Freund Lars), wird erstaunt feststellen, wie genau Bruno Pellegrino die Lebensumstände beschreibt: die nutzlosen Tage, weil entweder die Technik nicht funktioniert oder die Aufgaben nicht klar formuliert sind, die Schilderungen von Vieh und kriechendem Gewürm (okay, das ist jetzt nicht aus Pellegrinos Roman, sondern aus Haydns Schöpfung zitiert, aber genau das findet sich dort alles) und vor allem von den Busreisen: unerklärliche Zwischenstopps mitten im Nirgendwo, als wäre Zeit verlieren obligatorisch, … Proviant, um die Zeit totzuschlagen, … der Kopf im Schraubstock der feuchten Luft, die man sich gegenseitig in die Fresse haucht …: Pellegrino muss schon mehrmals im Buschtaxi in Afrika unterwegs gewesen sein, das bekommt man so treffend sonst einfach nicht hin.

Wie nah der Autor der Hauptfigur kommt, zeigt sich beim besonderen Leseerlebnis: Pellegrino hat sich für die personale Erzählperspektive entschieden, aber sie ist so dicht am Empfinden der Hauptfigur, dass ich mehrmals dachte, bislang einen Ich-Erzähler zu erleben, und mich bei einem neuen Absatz oder Kapitel wunderte, warum es “er” und nicht “ich” heißt. Aber die Perspektive ist durchgängig personal, nur eben intensiv personal.

Und die Beziehung? Die schildert Pellegrino auch klug und sensibel, auch da dürfte er also, noch keine 30, schon einiges erlebt haben. Ein sympathisches Buch, unbedingt lesenswert, auch wenn es eigentlich zwei Erzählungen sind, die für sich stehen können.

Bruno Pellegrino: Atlas Hotel. Roman. Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow. Übersetzung gefördert von Pro Helvetia. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2016. 163 Seiten, 22 Euro. 978-3-85869-713-4.

2. Jan 2018

Das neue Jahr beginnt mit: Rezensionen (was sonst?)

von broemmling

Gleich am ersten Werktag des neuen Jahres erschienen: die 52. Nachlieferung des Loseblattwerkes StiftungsManager im Erich Schmidt Verlag. Darin wie gewohnt meine Besprechungen der Neuerscheinungen zu Zivilgesellschaft, Stiftungswesen, Corporate Social Responsability, Vereinsrecht, Stiftungsgeschichte und Mäzenatentum. Die Rezensionen sind für die Abonnenten des StiftungsManagers geschrieben, aber mein Urteil zu einzelnen Titeln gebe ich auf Nachfrage selbstverständlich auch gesondert ab. In der 52. Nachlieferung habe ich folgende Titel besprochen:

Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hg.): Verzeichnis Deutscher Stiftungen. 9. Auflage. Bundesverband Deutscher Stiftungen, Berlin 2017. 4049+815 Seiten, 199 Euro (für Mitglieder des Bundesverbandes 139 Euro). 978-3-941368-91-0.

Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hg.): Zahlen, Daten, Fakten zum deutschen Stiftungswesen. Bundesverband Deutscher Stiftungen, Berlin 2017 145 Seiten, 19,80 Euro (für Mitglieder des Bundesverbandes 16,80 Euro). 978-3-941368-90-3.

Helmut K. Anheier | Sarah Förster | Janina Mangold | Clemens Striebing: Stiftungen in Deutschland 1: Eine Verortung. Springer VS, Wiesbaden 2017. 268 Seiten, 29,99 Euro. 978-3-658-13368-9.

Helmut K. Anheier | Sarah Förster | Janina Mangold | Clemens Striebing (Hg.): Stiftungen in Deutschland 2: Wirkungsfelder. Springer VS, Wiesbaden 2017. 401 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-658-11750-4.

Dominique Jakob | Lukas Brugger | Simon Gubler | Claude Humbel | Caroline von Götz: Verein – Stiftung – Trust. Entwicklungen 2016 (= njus.ch). Stämpfli Verlag, Bern 2017. XXXIII+101 Seiten, 66 Euro. 978-3-7272-8182-2.

Dominique Jakob (Hg.): Universum Stiftung (= Schriften zum Stiftungsrecht Band 9). Helbing Lichtenhahn Verlag, Basel 2017. 119 Seiten, 64 Euro. 978-3-7190-3971-4.

Joachim Mogck: Mobilität gemeinnütziger Stiftungen in Europa durch Wandlung (= Deutsches Europäisches und Vergleichendes Wirtschaftsrecht 102). Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 449 Seiten, 116 Euro. 978-3-8487-3807-6.

Ralph Jürgen Bährle: Vereinsrecht schnell erfasst. 2. Auflage. Springer Verlag, Berlin 2017. 145 Seiten, 19,99 Euro. 978-3-662-53756-5.

Janine Katins-Riha: Nachlassbewusstsein Nachlasspolitik und Nachlassverwaltung bei Gerhart Hauptmann (= Veröffentlichungen der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e. V. 16). 135 Seiten, 39,95 Euro. 978-3-503-17499-7.

Berrit Roth-Mingram: Corporate Social Responsibility in der Sozialen Marktwirtschaft. Mit system- und rechtsvergleichenden Impulsen aus den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China (= Heidelberger Schriften zum Wirtschaftsrecht und Europarecht 79). Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 355 Seiten, 93 Euro. 978-3-8487-3758-1.

Markus Freitag | Anita Manatschal | Kathrin Ackermann | Maya Ackermann: Freiwilligenmonitor Schweiz 2016 (= Reihe Freiwilligkeit). Seismo Verlag, Zürich 2016. 284 Seiten, 34 Euro. 978-3-03777-166-2.

Hans Hesse: Stolpersteine. Idee. Künstler. Geschichte. Wirkung. Klartext Verlag, Essen 2017. 511 Seiten, 34,95 Euro. 978-3-8375-1547-3.

Anika Oettler (Hg.): Das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Entstehung, Verortung, Wirkung (= Edition Kulturwissenschaft). Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 180 Seiten, 29,99 Euro. 978-3-8376-3953-7.

Sandra Anusiewicz-Baer: Die jüdische Oberschule in Berlin. Identität und jüdische Schulbildung seit 1993 (= Transcript Pädagogik). Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 407 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-4019-9.

Stephan Freund | Thomas Labusiak (Hg.): Das dritte Stift. Forschungen zum Quedlinburger Frauenstift (= Essener Forschungen zum Frauenstift Band 14). Klartext Verlag, Essen 2017. 218 Seiten, 29,95 Euro. 978-3-8375-1798-9.

29. Dez 2017

Kurzkritik Righetto: Das Fell des Bären

von broemmling

Ausgelesen! Die Aufarbeitung von Vater-Sohn-Geschichten (zumeist durch den Sohn) sind für den Blessing Verlag keine Seltenheit. Dies gilt für Sachbuchliteratur wie für Fiktion. Besonders hervorzuheben ist Andreas Wenderoths Ein halber Held, in dem sich der Autor mit der Demenz seines Vaters auseinandersetzt. Eine wunderbare Vater-Sohn-Geschichte hat Matteo Righetto erzählt. Denn die Jagd auf das Fell des Bären, die Jagd auf den großen fürchterlichen Bären, der einen ganzen Landstrich in Angst und Schrecken versetzt, ist Handlung, die zur Nebensache wird. Einfühlsam beschreibt der Autor die Entfremdung zwischen dem Sohn, dem die Mutter starb, und seinem wortkargen Vater und die Schritte der beiden aufeinander zu. Der Bär wird erlegt, so viel sei verraten, und doch ist nicht alles gut. Der kleine Roman liest sich gut in einem Atemzug durch. Matteo Righetto schreibt flüssig genug, und doch stößt man immer wieder auf unpassende Vergleiche – wo es eines Vergleichs gar nicht bedarf. Ein „als würde“ folgt da einem „als wolle“ gleich zwei Sätze später. Die Formulierungen lassen dann doch eine große Stadtnähe des Autors durchscheinen. Vater und Sohn bewunderten die flammenden Oktoberfarben, die überall hervorleuchteten, unter ihren Füßen, um sie herum und über ihnen? Das ginge sicher mir als Stadtmensch so (ein Familienmitglied würde jetzt noch darauf hinweisen, wie gut buntes Laub für die Augen sei). Aber Vater und Sohn, die gerade auf der Jagd nach dem Bären sind? Wohl kaum. Unerreicht ist als Schilderer von Natureindrücken der Bewohner vom Lande Pinio Martini: Wir waren zu sehr daran gewähnt, uns mit Händen und Füßen an Felsen und Ginstersträuchern festzuklammern, als dass wir uns Flüge der Phantasie erlaubten; und wenn wir zum Gipfel des Basodino hinaufschauten, dann gewiss nicht, um zu sagen „Wie schön!“, sondern um zu erfahren wie das Wetter am nächsten Tag sein würde. Aber nicht jeder kann Martini sein, und dem Lesegenuss tun diese kleinen Ausreißer keinen Abbruch.

Matteo Righetto: Das Fell des Bären. Roman. Aus dem Italienischen von Bruno Genzler. Karl Blessing Verlag, München 2017. 160 Seiten, 19,99 Euro. 978-3-89667-599-6.

Andreas Wenderoth: Ein halber Held. Mein Vater und das Vergessen. Karl Blessing Verlag, München 2016. 301 Seiten, 19,99 Euro. 978-3-89667-558-3.