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14. Nov 2018

Kurzkritik: Schmidt-Glintzer | Kästner

von broemmling

Ausgelesen! Die beiden Bücher standen eigentlich im Mittelpunkt des Interesses, als Peter Burschel vor zwei Jahren Helwig Schmidt-Glintzer als Direktor der Herzog August Bibliothek nachfolgte. Auch jetzt noch weiten sie den Horizont. Zum Verständnis sei hier noch einmal die Reihe der jüngsten vier Direktoren genannte: Peter Burschel (seit 2016), Helwig Schmidt-Glintzer (1993-2015), Paul Raabe (1968-1992), Erhard Kästner (1950-1968). Es ist übrigens nicht der schlechtesten Listen eine: Gotthold Ephraim Lessing leitete die Bibliothek von 1770 bis 1781, Goffried Wilhelm Leibnitz vor ihm von 1691 bis 1716. Beider Dienstende fällt mit dem jeweiligen Todesjahr zusammen. Vermächtnistexte An deren Nachfolger liegen nicht vor.

Einen sagenumwobenen Text brachte die HAB zum Abschied von Helwig Schmidt-Glintzer heraus: Bislang viel zitiert, aber nie erschienen war das schriftliche Vermächtnis von Bibliotheksdirektor Erhard Kästner an seinen Nachfolger Paul Raabe aus dem Jahr 1968. Raabe leitete die HAB dann 24 Jahre von 1968 bis 1992, Schmidt-Glintzer von 1993 bis 2015. In der Einleitung kommentiert Raabes Nachfolger Kästners Anmerkungen. Mit ihm staunt der Leser darüber, welche Anregungen heute noch gute Ideen sind, obgleich sie vor einem halben Jahrhundert geäußert wurden.

Das zweite ist ein persönliches Album voller Erinnerungen und Fotos, Aufsätze und Kooperationen. Was wäre zum Abschied des Direktors der HAB passender gewesen als ein Buch? Ganz ohne ISBN erschien das Werk, die alten Bestände von Herzog August trugen schließlich auch keine Standard-Buchnummer.

Helwig Schmidt-Glintzer: Einführung. In: Erhart Kästner: An meinen Nachfolger: Erhart Kästners Vermächtnis als Direktor der Herzog August Bibliothek (= Wolfenbütteler Hefte Band 34). Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2015. 120 Seiten, 16,80 Euro.

Die Bibliothek als kulturelles Gedächtnis. Die Herzog August Bibliothek unter der Leitung von Helwig Schmidt-Glintzer. Herausgegeben als Festschrift von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 2015. 95 Seiten.

 

28. Okt 2018

Kurzkritik Graves: Der Schrei

von broemmling

Ausgelesen! Robert Graves, eigentlich Robert von Ranke-Graves, ist für mich eine Neuentdeckung. Der in Wimbledon 1895 geborene Schriftsteller ist 90 Jahre alt geworden, und ich habe erst heute den ersten Text von ihm gelesen, die Erzählung Der Schrei, geschrieben 1926, die ich mir flapsigerweise als Buch zum Bild zu Gemüte führen wollte. Aber ganz so flapsig gedacht war das dann doch nicht: Denn der Schrei, den Graves beschreibt, transportiert tatsächlich viel von der Angst und dem Unbehagen, das auch aus Munchs Werk spricht (oder schreit). Die gesamte Stimmung der Erzählung zieht in den Bann – und das, obgleich die Rahmenhandlung zunächst zum Cricket-Spiel führt, das muss ein Autor erst einmal schaffen… Der Text mutet lyrisch an; demnächst werde ich mir wohl ein paar der vielen Gedichte vornehmen, die Robert Graves geschrieben hat.

Robert Graves: Der Schrei. Erzählung. Aus dem Englischen von Wolfgang Held (= Bibliothek Suhrkamp Band 1292). Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. 56 Seiten, 19,80 DM. 3-518-22292-9. Gefunden in der Siegburger Buchhandlung R2 im Modernen Antiquariat.

2. Sep 2018

Brömmlings Kurzkritiken im DHIVA-Doppelheft 1-2/2018

von broemmling

Rezensiert! Bei der DHIVA und VIERVIERTELKULT handelt es sich um zwei Zeitschriften, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch zwei Gemeinsamkeiten haben sie stets: Es sind beides Stiftungsperiodika: Die DHIVA, Zeitschrift für Frauen, Sexualität und Gesundheit, wird von der GSSG – Gemeinnützige Stiftung für Sexualität und Gesundheit herausgegeben, VIERVIERTELKULT ist die Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Und für beide schreibt Brömmling: für die DHIVA nur die Rezensionen, für VIERVIERTELKULT viel, viel mehr. In diesem Jahr gibt es eine weitere Gemeinsamkeit: Von beiden Heften ist im Sommer jeweils ein Doppelheft erschienen, das Frühlings- und Sommerausgabe vereint. Und von beiden Zeitschriften werden die noch fehlenden Ausgaben des Jahres innerhalb der nächsten vier Monate erscheinen. Gestern war die neue DHIVA im Briefkasten. Folgende Titel hat Brömmling dort diesmal rezensiert:

Phillip M. Ayoub: Das Coming-Out der Staaten. Europas sexuelle Minderheiten und die Politik der Sichtbarkeit (= Transcript Queer Studies). Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 313 Seiten, 29,99 Euro. 978-3-8376-3797-7.

Beate Küpper | Ulrich Klocke | Lena-Carlotta Hoffmann: Einstellungen gegenüber lesbischen Menschen in Deutschland. Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Herausgegeben von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 198 Seiten, 59 Euro. 978-3-8487-4473-2.

Sebastian Zilles: Die Schulen der Männlichkeit. Männerbünde in Wissenschaft und Literatur um 1900 (= Literatur Kultur Geschlecht Band 71). Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung. Böhlau Verlag, Köln 2018. 378 Seiten, 60 Euro. 978-3-412-50920-0.

Melanie Grütter: „Verworfene Frauenzimmer“. Geschlecht als Kategorie des Wissens vor dem Strafgericht (= Transcript GenderStudies). Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 282 Seiten, 32,99 Euro. 978-3-8376-4058-8.

Susan Signe Morrison: Frauen des Mittelalters. Künstlerinnen – Herrscherinnen – Denkerinnen. Berlin University Press, Wiesbaden 2017. 347 Seiten, 28 Euro. 978-3-7374-1328-2.

Beatrix Borchard: Pauline Viardot-Garcia. Fülle des Lebens (= Europäische Komponistinnen 9) Böhlau Verlag, Köln 2016. 439 Seiten, 29,90 Euro. 978-3-412-50143-3.

Torsten Unger: Auf den Spuren von Faust. Besichtigung von 13 historischen und 27 literarischen Orten. Weimarer Verlagsanstalt bei Verlagshaus Römerweg, Wiesbaden 2017. 128 Seiten, 16,90 Euro. 978-3-7374-0252-1.

Niklas Maak | Leanne Shapton: Durch Manhatten. Carl Hanser Verlag, München 2017. 220 Seiten, 25 Euro. 978-3-446-25666-8.

30. Apr 2018

Kurzkritik Hanna Jansen: Und wenn nur einer dich erkennt

von broemmling

Ausgelesen! Für ihren Roman Und wenn nur einer dich erkennt hat sich Hanna Jansen von einer historischen Gestalt inspirieren lassen, die mehr Bekanntheit verdient, als man gemeinhin denken mag. Denn beim Siegburger Lottchen, das von 1912 bis 1971 in der Stadt an der Sieg lebte, handelte es sich nicht nur um eine lokale Sensation, sondern um einen außergewöhnlichen Menschen, der als Zwitter zur Welt kam und nicht, wie es viele andere erfahren mussten, in die eine oder andere Richtung umoperiert wurde. Nicht dass das historische Lottchen keine Würde besessen hätte; es hatte in der Gesellschaft durchaus seinen Platz. Hanna Jansen bringt uns diese Würde aber kunstvoll in unsere Vorstellung; sie macht aus dem Lottchen ein Friedchen und begleitet es von seiner Geburt 1912 bis zum Ende des nationalsozialistischen Regimes. Dabei webt sie viel Lokalhistorie und Gesellschaftsgeschichte mit in den Roman, für meinen Geschmack ein bisschen zu viel, doch tut das dem Leseerlebnis keinen Abbruch. Es ist erstaunlicherweise gleichzeitig ein Werk, das sensibilisiert für die Zukunft, nachdem die Existenz eines dritten Geschlechtes höchstrichterlich anerkannt worden ist. Das aber wusste schon Platon: „Nämlich unsere ehemalige Natur war nicht dieselbe wie jetzt, sondern eine andere. Denn erstlich gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht nur zwei, männliches und weibliches, sondern es gab noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden.“ Ziemlich klug. Und geschrieben 400 v. Chr. Mit Hanna Jansens Roman ist dem Bernstein-Verlag ein weiterer Glücksgriff gelungen. Unbedingte Leseempfehlung.

Hanna Jansen: Und wenn nur einer dich erkennt. Roman. Bernstein-Verlag, Siegburg 2017. 199 Seiten, 16,80 Euro. 978-3-945426-33-3.

14. Apr 2018

Kurzkritik DBC Pierre: Vernon God Little (Jesus von Texas)

von broemmling

Ausgelesen! „Der Tod macht eine fulminante Montage aus unserem Leben.“ Pasolinis Sinnspruch bewahrheitet sich gleich dreifach in D.B.C. Pierres Roman Vernon God Little – der deutsche Titel Jesus von Texas ist so dämlich, dass er hier nur genannt ist, um das Buch in der Buchhandlung des Vertrauens zu finden. Dreifach also: Der Autor selbst war quasi schon einmal tot und nennt sich in seinem neuen Leben dirty but clean Peter, DBC Pierre. Der Roman beginnt mit einem Massaker an einer Schule, 16 Schüler sterben, und Jesus, bester Freund des Ich-Erzählers Vernon, ist der Schütze. Da die Gesellschaft ihre Wut und Rache aber gern an einem Lebenden auslassen würde, trifft es Vern. Ein quasi Todgeweihter. So viel zum groben Rahmen. Der Rest ist großartige Komposition. Vor dem Auge des Lesers entsteht ein treffendes Abbild der amerikanischen Gesellschaft, die – mit Ausnahme der Waffenvernarrtheit – auch unsere heutige europäische ist. Mit bösem Witz und harter Sprache beschreibt der Autor Bestellwut, Werbemacht, Mediengewalt und Engstirnigkeit, die atemlos macht. Dass die Sprache sehr arsch- und tittenlastig ist, stört in diesem Fall überhaupt nicht. Es gehört dazu – und nimmt gut begründet zum Ende hin ab … aber mehr sei nicht verraten. Neulich fand ich den Deutschen Buchpreis falsch vergeben; Vernon God Little hat 2003 den Man Booker Prize zu Recht erhalten. Wer das Buch, das 2004 in deutscher Übersetzung herauskam, noch nicht kennt, sollte es unbedingt noch lesen.

D.B.C. Pierre: Jesus von Texas. Roman. Aus dem Englischen von Karsten Kredel. Aufbau-Verlag, 2. Auflage Berlin 2004. 383 Seiten, 19,90 Euro. 3-351-02996-9. Im Aufbau-Verlag auch als Taschenbuch für 8,95 Euro. ISBN: 978-3-7466-2150-0.

2. Apr 2018

Kurzkritik Lange: Gefühle schwarz auf weiß

von broemmling

Ausgelesen! Wer schreibt eigentlich heute noch Briefe? Ich zum Beispiel – und doch sind meine Briefe weniger emotionsgeladen, als es die Briefe und erst recht die Briefromane des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert sind. Stella Langes Untersuchung der Relation von empfindsamem Briefroman zu Affekt und Gefühl ist vor allem eine Neuausrichtung des europäischen Emotionskonzeptes als Zusammenspiel zwischen subjektiver Bewusstwerdung und Reflexion. Die Autorin tut dies anhand der bekanntesten Briefromane Julie oder Die neue Heloise von Rousseau, Die Leiden des jungen Werther von Goethe und Letzte Briefe des Jacopo Ortis von Ugo Foscolo. Der Leser erfährt bei Lange gar nicht unbedingt Neues zu den drei Briefromanen an sich; aber es erschließt sich eine umfassende neue Sicht des Emotionsbegriff. Was bewirkt Emotion in der Literatur? Wie bricht sie sich Bahn? Mit der Verhaltenstheorie des Behavioristen John Dewey etwa, – hier bewirkt die Unterbrechung gewohnter Handlungsabläufe Emotion – hatte ich zuletzt im Studium zu tun, spannend, davon, von Patrick Hogans Weiterführung des Begriffes und von vielem mehr zu lesen. Und doch: Ein zuweilen etwas sperriges Buch, nach dessen Lektüre ich lieber wieder das Original zur Hand nehme. Wie froh bin ich, dass ich durch bin!

Stella Lange: Gefühle schwarz auf weiß. Implizieren, Beschreiben und Benennen von Emotionen im empfindsamen Briefroman um 1800 (= GRM Beiheft 77). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016. 425 Seiten, 66 Euro. 978-3-8253-6659-9.

30. Mrz 2018

Kurzkritik Menasse: Die Hauptstadt

von broemmling

Ausgelesen! Robert Menasses Roman Die Hauptstadt ist ein mäßiges, wenn nicht ärgerliches Stück Literatur. Wer hätte das gedacht? Robert Menasse wirkte auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2017 (da habe ich das Foto gemacht) wie ein Mensch mit gutem Humor. Doch was auf den ersten Blick als Roman eines Europaliebhabers daherkommt, entpuppt sich schnell als engstirniges, vor allem oberflächliches Werk, belehrend, polternd, mit seichtem Witz, vollgepackt mit unausgegorenen Ideen. Da bemüht der Autor das Hauptmotiv aus Kafkas Verwandlung, weil eine Romanfigur sich nach einem Autounfall wie ein Käfer auf dem Rücken fühlt. Da muss Auschwitz für billigste Witze herhalten, wenn einer anderen Figur vor ihrem Besuch der Gedenkstätte der Kauf warmer deutscher Unterwäsche empfohlen wird (es ist bei weitem nicht der einzige Schenkelklopfer über Auschwitz). Menasses europäische Hauptstadt scheint Wien zu sein, nicht Brüssel – man schreibt eben über das, was man kennt. Der Tscheche ist eigentlich Wiener, zwei Brüder kommen aus Österreich, und ein Professor erinnert sich seiner Kindheit im sechsten Wiener Bezirk.

Wirklich lästig ist der Wortwitz des Autors, der gerade noch erträglich wäre, wenn er nicht immer besonders darauf hinweisen würde nach dem Motto: „Achtung, jetzt kommt ein lustiger Wortwitz!“ Der Beispiele sind viele, ich mag gar nicht alle nennen: Der katholische Andachtsraum war von einer unglaublichen Hässlichkeit. Unglaublich – das war schon wieder grotesk an einem Ort des Glaubens. Oder Dieser Widerspruch hatte Fenia als Kind sehr beunruhigt: unsterblich bis in den Tod. Oder Blödes Wortspiel, dachte Erhart, Ungewissen – Gewissen, und entschuldigte sich bei sich selbst. Oder Sitzenlassen – aber wie denn? Émile Brunfaut konnte ja kaum sitzen. Das Steißbein tat unerträglich weh. Oder Er fand sie stimmig. Stimmung, stimmig, ja, es stimmte. Oder – und jetzt wird es besonders blöd, weil der Autor nicht nur mitteilt, dass er lustig sei, sondern auch des Französischen mächtig – Jedenfalls, in diesem Brief schrieb mit eine Person, die sich selbst tatsächlich „Personne“ nannte. In einem Arbeitszeugnis hätte vermutlich gestanden, der Autor sei stets bemüht gewesen. Dass es für den Deutschen Buchpreis im letzten Herbst gereicht hat, wundert mich schon.

Allerdings gibt es auch einige – wenige – wirklich schöne Stellen im Buch, die zeigen, dass Robert Menasse durchaus einen Einblick in Brüsseler Prozesse hat. Da schreibt er über die Lobbyisten in Expertengruppen: Sie waren in solchen Advisory Groups nicht Vertreter von Konzernen, sie waren Vertreter der Stiftungen von Konzernen. Der ganze folgende Passus ist eine erstaunlich gute Analyse der Rolle und Argumentation von Think Tanks oder von Institutionen, die sich dafür halten. Und gefallen hat mir auch ein kurzer Dialog zweier Antiroyalisten, die dem belgischen König zugute hielten, dass er in der Zeit des belgischen EU-Ratsvorsitzes keine Regierung ernannt hatte: Nie, sagte Philippe, hatte Belgien besser funktioniert als in dieser Zeit ohne Regierung. Das kennen wir doch irgendwoher? Dabei hat Menasse sein Buch vor der Bundestagswahl 2017 veröffentlicht. Muss man deshalb das ganze Buch lesen? „Ich stelle anheim“, würde man in Brüssel vielleicht sagen.

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 459 Seiten, 24 Euro. 978-3-518-42758-3.

27. Mrz 2018

Thema des Monats: Die Reihe Staatsverständnisse im Nomos-Verlag. Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Die Reihe Staatsverständnisse ist eine der schönsten und aufschlussreichsten Reihen des Nomos-Verlages (natürlich nach der Schriftenreihe zum Stiftungswesen, muss ich, aus meiner Rezensentenrolle heraustretend, hinzufügen, schließlich ist dort als Band 44 meine Dissertation Zwischen Wohlfahrtsstaat und Zivilgesellschaft. Stiftungen in Norwegen erschienen). Viele Buchreihen erleben bei Verlagen, sei es mangels Interesse, Themenvielfalt oder Finanzierung, kaum den dritten Band. Das ist bei den Staatsverständnissen anders, was nicht nur am Preis liegt, der sich zwischen 29 und 49 Euro pro Band bewegt: Das Nachdenken über die Verfassung der Welt gehört seit Menschengedenken zu den Grundfragen der Philosophie. Wer Platons Höhlengleichnis nicht verinnerlicht hat, sollte in unserer Welt kein Amt bekleiden dürfen. Unsere Erkenntnis ist begrenzt, unser Erfahrungshorizont von den Koordinaten der Welt eingeschränkt. Es ist unmöglich, die Wahrheit zu kennen. Dass man sich gleichwohl über das Zusammenleben der Menschen in welcher Form auch immer (es muss nicht immer Staat sein, wie die Anarchisten zeigen) Gedanken machen muss, steht außer Frage.

Die Reihe Staatsverständnisse versammelt Monographien und Sammelbände zum Denken einzelner Philosophien wie ganzer philosophischer Schulen. Inzwischen hat der Nomos-Verlag den 100. Band seiner Staatsverständnisse herausgebracht. Ein schøner Anlass, auf einige der jüngsten Bände zu verweisen, die ich mir in der Fastenzeit zu Gemüt geführt habe. Mein Politologie-Studium am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin liegt ein Vierteljahrhundert zurück, aber immer noch präsent in mir der Kurs über Platons Staat mit meinem Referat übers Höhlengleichnis, das ich schon aus meinem Griechisch-Unterricht kannte.

Irgendwann in den achtziger Nummern der Reihe hat der Verlag übrigens angefangen zu sparen. Die Druckqualität der Einzelbände ist merklich schlechter geworden. Das merkt, wer die ersten 80 Bände kennt; der Qualität des Inhalts tut die neue Gestaltung keinen Abbruch. Einer der letzten Bände in besserer Ausstattung befasst sich mit Staatsverständnissen im Existenzialismus – zu Recht ist auch hier der Plural von Verständnis gewählt, denn keine philosophische Denkrichtung lässt sich zu einem Staatsverständnis eindampfen. Wer hätte gedacht, dass der individualistische Ansatz der Existenzialisten – der von einem Primat des Individuums vor dem Staat ausgeht – in unserer Zeit wieder Gültigkeit erlangt? Die Nachwirkungen des verfemten Existenzialismus sind jedenfalls politischer und aktueller, als es die magere Rezeption bisher behauptet.

Ernst Bloch ist uns durch seine Werke Geist der Utopie und Das Prinzip Hoffnung bekannt. Aber was dachte Bloch vom Staat? Ein Sammelband befasst sich mit Blochs Staatsverständnis. Kaum ein marxistischer Philosoph hat den Staat so klar als Hindernis gesehen auf dem Weg zu einer besseren Welt. Bloch untersucht im Prinzip Hoffnung die unterschiedlichen Utopien, deren Erscheinen bzw. Behandlung in der Geschichte er als logische Abfolge betrachtet. Die Beiträge des Bandes 91 der Staatsverständnisse wagen zuweilen nicht nur mutige, sondern übermütige Thesen: Da ist Bloch letztlich Vordenker oder Mitdenker einer neoliberalen Gesellschaft, und Christoph Türcke entkräftet Blochs Festlegung auf Bestimmung mit Foucault und Derrida.

Wie übermütig das Zusammenbringen der Philosophie Ernst Blochs mit dem Neoliberalismus auch sein mag; der nächste Band der Reihe befasst sich mit dem Staat des Neoliberalismus. Während die aktuellen Debatten in wirtschaftlichem wie politischen Umfeld eher nahelegen, Staat und Neoliberalismus seien ziemlich beste Feinde, belegen die Beiträge des Sammelbandes, dass es durchaus modifizierte und differenzierte Vorstellungen unter den Neoliberalisten gibt, was Staat leisten soll und leisten kann. Welche Bedeutung dem Staat in der neoliberalen Praxis zukommt, zeigt der Beitrag von Mark Bevir und Kim McKee über die Rolle des Staates ein Großbritannien. Der Staat mag Hürde sein, bleibt aber doch notwendiges Korrektiv.

Nicht in jeder Denkschule, in jeder Philosophie steht die Haltung zum Staat zentral. In Walter Benjamins Werk etwa stoßen wir eher mittelbar auf den Staat als politische Kategorie, etwa über Begriffe wie Souveränität und Gewalt, Produktionsverhältnisse und Warenform. Der Sammelband 93 aus der Reihe Staatsverständnisse arbeitet diese Bezüge heraus. Eine so direkte Forderung wie Benjamins „Der Staat soll verschwinden“ ist eher selten.

Ein anderer Sammelband nimmt sich der Rolle der Öffentlichkeit in der Demokratie an. Was ist überhaupt Öffentlichkeit? Und wie funktioniert politische Willensbildung? Lässt sich die Schwächung der Öffentlichkeit durch die Macht der Medien noch aufhalten? Dass der Band die Untersuchung der Rolle der Öffentlichkeit auf eine Staatsform beschränkt, zeigt die Vielseitigkeit der Reihe, die in weiteren Bänden die Staatstheorien von Eric Voegelin und Karl Jaspers untersucht.

Platon ist für Politologen, für alle Lehren vom Staat und vom Verhältnis von Staat und Gesellschaft oder Staat und Bürger, Maßstab geblieben. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass sich der 100. Band der interessanten Reihe ausgerechnet mit Platon befasst. Zwar ist nicht Platons Staat Gegenstand der Untersuchung, sondern sein Werk Die Gesetze. Und auch wenn der Klappentext es anders vermitteln möchte: Platons Nomoi reichen nicht an die Politeia heran. Und doch gibt der Band ungewohnt leichten Zugang zu dem über weite Teile schwer zu interpretierenden Text. Ein politisches System, gebaut auf der Herrschaft von Vernunft und Gesetz, mit Leben gefüllt von freien, mündigen Bürgern und verantwortungsbewussten Regierenden – vielleicht kann ja doch Platon unsere nächste Bundeskanzlerin sein.

Reihe Staatsverständnisse des Nomos-Verlages:

77: Hans-Martin Schönherr-Mann: Gewalt, Macht, individueller Widerstand. Staatsverständnisse im Existentialismus. Nomos Verlag, Baden-Baden 2015. 300 Seiten, 39 Euro. 978-3-8487-1900-6.

91: Hans-Ernst Schiller (Hg.): Staat und Politik bei Ernst Bloch. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 214 Seiten,  39 Euro. 978-3-8487-3365-1.

92: Thomas Biebricher (Hg.): Der Staat des Neoliberalismus. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 285 Seiten, 49 Euro. 978-3-8487-3256-2.

93: Christine Blättler | Christian Voller (Hg.): Walter Benjamin. Politisches Denken. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 307 Seiten, 49 Euro. 978-3-8487-3425-2.

94: Henning Ottmann | Pavo Barišić (Hg.): Demokratie und Öffentlichkeit. Geschichte. Wandel. Bedeutung. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 156 Seiten, 29 Euro. 978-3-8487-3303-3.

95: Hans-Jörg Sigwart (Hg.): Staaten und Ordnungen. Die politische und Staatstheorie von Eric Voegelin. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 257 Seiten, 39 Euro. 978-3-8487-3312-3.

99: Karl-Heinz Breier | Alexander Gantschow (Hg.): Vom Ethos der Freiheit zur Ordnung der Freiheit. Staatlichkeit bei Karl Jaspers. Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 205 Seiten, 39,90 Euro. 978-3-8487-0827-7.

100: Manuel Knoll | Francisco L. Lisi (Hg.): Platons Nomoi. Die politische Herrschaft von Vernunft und Gesetz. Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 290 Seiten, 29 Euro. 978-3-8487-1899-3.

4. Feb 2018

Kurzkritik Bachleitner: Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848

von broemmling

Ausgelesen! Um Österreich mag es derzeit nicht so gut bestellt sein (wenn es erlaubt ist, sich vom Nachbarland aus einzumischen). Doch das die Pressefreiheit bedroht ist, so weit scheint man noch nicht zu sein. Da hat unser südlicher Nachbar schon härtere Zeiten erlebt. Norbert Bachleitner, Leiter der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien, liefert eine umfassende Analyse der Zensur der Habsburgermonarchie in den hundert Jahren bis 1848. Am 13. März 1848 brach in Wien die Revolution aus, und mit der Absetzung des Staatskanzlers Metternich kam die Pressefreiheit zu neuer Blüte. Bis dahin aber sorgte ein System von Verordnungen, Zensoren, Maßnahmen dafür, dass von freier Meinungsäußerung keine Rede sein konnte. Autoren, Verleger, Buchhändler: Alle mussten auf der Hut sein. Das Buch beschreibt nicht nur die institutionellen Grundlagen und die Arbeitsweise der Zensoren. Vor allem die zehn Fallstudien von Zensur unterschiedlicher Gattung und Zeitabschnitte machen das neue Werk zu einer spannenden Lektüre.

Was zunächst überrascht: Zensur war keinesfalls immer gleichbedeutend mit böser Absicht. Anfangs stand die Zensur auch in Österreich durchaus im Dienst der Aufklärung. So achteten die Zensoren bei Theateraufführungen etwa darauf, daß auf dem Theater nichts extemporirt werde, keine Prügeleien stattfünden, auch keine schmutzigen Possen und Grobheiten passirt, sondern der Residenzstadt würdige Stücke aufgeführt werden. Doch nach und nach griff die Zensur immer tiefer in die Inhalte ein. Auch die Warnung vor Goethes Werther jedenfalls dürfte noch kaum aus Angst vor Taten wider die Obrigkeit gesteuert sein. Durchschaubarer arbeitete die Zensur da schon beim Vorgehen gegen Hermann Kunibert Neumanns Erz und Marmor. Drei vaterländische Dichtungen von 1737, die den Jürgen Wullenweber positiv beschreibt, der 1533-35 Lübecker Bürgermeister war und in dieser Zeit gegen die Vorherrschaft von Papst und Patrizier kämpfte. Österreich hatte einst mit versucht, Wullenweber zu beseitigen. Dass das Stück den Zensoren nicht gefiel, war offenbar. Das ist nur einer von zehn spannenden Fällen, der die Lektüre des ganzen Buches lohnt.

Wie sagt mein türkischer Friseur so schön: „Warum schreiben denn eure Journalisten zwar alles mögliche Falsche über Erdoğan, aber nicht über deutsche Politiker? Kann ich dir sagen: Weil sie nicht dürfen!“ Hoffen wir, dass wir von diesen Zeiten weit entfernt sind.

Norbert Bachleitner: Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848 (= Literaturgeschichte in Studien und Quellen Band 28). Böhlau Verlag, Wien 2017. 528 Seiten, 60 Euro. 978-3-205-20502-9.

3. Feb 2018

Kurzkritik Schenkel: Tannöd

von broemmling

Ausgelesen! Tannöd hatte 2007 den 1. Platz beim Deutschen Krimipreis belegt und war auch noch in den Folgejahren Gegenstand des Feuilletons. Irgendwie hatte ich damals keine Lust drauf und dachte, ich hole das jetzt mal nach. Was für eine Enttäuschung (ich sollte mich einfach mehr auf mein Lustgefühl verlassen)! Offenbar sind die Deutschen tatsächlich keine großen Krimischriftsteller, wenn es Tannöd wann auch immer auf den 1. Platz schafft. Ein bisschen Dialekt gemischt mit der brutalen, aber simplen Abschlachtung einer ganzen Hofgemeinschaft, gespickt mit katholischen Gebeten und Heiligenlitaneien, die nur dem unterhaltsam vorkommen mögen, der sie nicht aus der Kindheit kennt: Das ist alles. Der Plot ist mau, die Charaktere schlicht angelegt (nichts gegen einfältige, schlichte Gemüter), ein roter Faden fehlt. Hoffentlich hat Anna Maria Schenkel aufgehört zu schreiben.

Anna Maria Schenkel: Tannöd. Krimi. Nautilus Verlag, Hamburg 2006. 125 Seiten, 12,90 Euro. 978-3-89401-479-7.