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27. Mrz 2017

Kurzkritik Pavese: “Der Mond und die Feuer”

von broemmling

Ausgelesen! Blaue Blume, blaue Stunde, blaue Grotte, blaue Elise, blaue Lagune: Blau steht längst nicht mehr nur für das Zeitalter des Rokoko in der Kunst oder die Literaturepoche der Romantik: Kinder verbinden die Farbe mit einer Ameisenbärin, mit Krümelmonster oder Loriots Blauem Klaus; für Sehnsucht nach dem Unbekannten, nach der Ferne steht sie überall. Mit der Edition Blau verlegt der Rotpunktverlag Belletristik seit kurzem in einer neuen Reihe. Literatur der Gegenwart und der klassischen Moderne erscheint in lesefreundlichen, schön gestalteten Ausgaben. Der Einband des ersten Titels, Der Mond und die Feuer des Piemontesers Cesare Pavese in neuer Übersetzung, ist passend zur Reihe in tiefem Blau gehalten, und die neue Übersetzung des Romans aus dem Jahr 1950 macht so viel Freude, dass man Lust auf die ganze Reihe bekommt. Da ist es gut, dass nur drei Titel pro Saison erscheinen. Der Mond und die Feuer (Original: La luna e i falò) ist ein Heimkehrerroman, ein Text voller Sehnsucht nach Anerkennung, voller unerfüllter Wünsche, voller Traurigkeit über vertane Chancen. Aber bei aller gedrückten Stimmung entsteht durch des Erzählers Bericht von der Heimkehr aus Amerika in das Dorf der Kindheit im Piemont, das er Jahrzehnte zuvor als Findelkind, von allen Bastard gerufen, und Tagelöhner verlassen hatte, ein Bild vom Wunder des Lebens.

Cesare Pavese: Der Mond und die Feuer. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Nachwort von Paola Traverso. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2016. 211 Seiten, 24 Euro. ISBN 978-3-85869-715-8.

20. Mrz 2017

Kurzkritik Suter: “Elefant”

von broemmling

Ausgelesen! Diesmal also Glowing Animals, mikrozephaler, osteodysplastischer primordinaler Zwergwuchs, Elefantologie, Myanmar und Obdachlosenidyll. Martin Suter ist für seine hervorragend recherchierten, wissenschaftlich stark belastbaren Romanstoffe bekannt, die zumeist bislang keine Stoffe der Weltliteratur waren. Zeitreisen ließ er in früheren Romanen möglich werden, er entführte die Leser in die Welt der Kunstfälschung, schickte Manager auf Trips mit halluzinogenen Pilzen und ließ investigative Journalisten gleich mehrere Mordanschläge überleben. Ist in Zeiten der alternativen Fakten, wie sie so schwachsinnig heißen, jetzt auch der gut recherchierte Roman nichts mehr wert, oder woran liegt es, dass Suters neuer Roman Elefant von eher kleinwüchsiger Bedeutung ist? Der Autor hat diesmal über aller genauen Recherche die Spannung vergessen. Ein rosa leuchtender Elefant gelangt von A nach B nach C nach D, und eine engagierte Tierärztin (mit Stiftungshintergrund!) verliebt sich in einen Obdachlosen. Ganz hübsch, aber leider war es das schon. Vielleicht ist es auch die Fallhöhe, die Elefant zu einer kleinen Enttäuschung macht: Wer schon so viele gute Plots ersonnen und Fakten und Fiktion mit Spannung kombiniert hat, dem merkt man ein Missgeschick viel leichter an als einem Durchschnittsromancier. Es ist keine qualvolle Lektüre, das dann doch nicht. Aber als ich durch die 80 Kapitel und 350 Seiten durch war, fragte ich mich immer noch, wann es eigentlich richtig los gehen würde.

Martin Suter: Elefant. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2017. 352 Seiten, 24 Euro. ISBN 978-3-257-06970-9.

11. Mrz 2017

Kurzkritik Yanagihara: “Ein wenig Leben”

von broemmling

Ausgelesen! Ich könnte auch vorsichtig “Ausgeweint!” schreiben, aber das wäre nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn die Tränen kamen erst auf den letzten fünf Seiten – von 958 – dafür aber üppig. Hanya Yanagihara hat mit Ein wenig Leben einen herausragenden Roman geschrieben, der vier Freunde – oder zwei oder einen oder fünf, je nach Perspektive – durch drei Jahrzehnte ihres Lebens begleitet. Das tut sie stilsicher, auch wenn die Erzählperspektive zuweilen unvermittelt und unbegründet wechselt und manches Bild dann doch ein bisschen misslingt (“Wie oft sollte er sich denn wiederholen müssen, wo er doch jedes Mal, wenn er die Geschichte erzählte, die Kleider von seiner Haut abstreifte und das Fleisch von seinen Knochen, bis er so verletzlich war wie eine kleine rosa Maus?” – wo kommt da bloß die rosa Maus auf einmal her? Aber das sind Ausnahmen). Wenn dem Leser langsam die Geschichte des einen Freundes immer klarer vor Augen tritt, geschieht dies durch eine bislang ungekannte Subtilität und faszinierende Beobachtungsgabe Yanagiharas: Immer wieder fragt man sich, wie der Autorin so wunderbare Kleinigkeiten in Gedanken, Gefühlen und Gesten egal bei wem ihrer Akteure so passend einfallen konnten. Die hawaiianische Autorin spitzt Situationen so kunstfertig zu wie Bleistifte, immer weiter, und immer hofft man weiter, dass die Mine nicht brechen möge – bis es zu spät ist. Denn natürlich hat A Little Life kein Happy End – das ist nicht zu viel verraten (aber jede weitere Bemerkung zu Konstellationen oder Ereignissen wäre es). Bei aller Begeisterung störte doch zweierlei die Lektüre: Alle Akteure sind supererfolgreich, gleich ob Künstler, Architekt, Schauspieler, Anwalt. Und zuweilen vermisst man bei allem subtilen Erzählen doch die Nuancen. Die Menschen sind hier entweder besonders böse oder besonders gut. Irgendeine graue Maus (anstelle der rosafarbenen) hätte auch mal gut getan. Aber ungeachtet dessen: ein großer, großer Roman.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin, Berlin 2016. 958 Seiten, 28 Euro. 978-3-446-25471-8.

6. Mrz 2017

Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau: Kurzkritiken in der Frühlings-DHIVA

von broemmling

Ausgelesen! Wie in jeder Ausgabe gebe ich auch im gerade erschienenen Frühlingsheft der DHIVA, einer Zeitschrift für Frauen, Sexualität und Gesundheit, Literaturtipps. Diesmal lade ich zum Aufbruch aus der androzentrischen Welt ein:

Fragezeichen in Buchtiteln sind des Teufels – oder gerne der Teufelin. Ein Buch über Kaiserinnen in der Frühen Neuzeit schätzt seine eigene Bedeutung gering, wenn der Titel relativierend Nur die Frau des Kaisers? fragt. Ein Band, der herausragende Frauengestalten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrunderts versammelt, schmälert seinen Inhalt, wenn diese Größen der Geisteswelt – darunter Rahel Varnhagen, George Eliot und Madame de Staël– als Frauen der Heine-Zeit klassifiziert werden. Vollends zu Objekten geraten die Frauen im Buch über Arthur Schnitzler und seine süßen Wiener Mädel, was in diesem Fall vermutlich so gewollt ist, denn es geht ja um den Wiener Künstler, der alle diese Frauen haben will. Aber warum heißt Kerstin Deckers neue Biographie über Elisabeth Förster-Nietzsche Die Schwester? Lässt sie sich wirklich nur verkaufen, wenn schon der Titel auf den Bruder, den Philosophen verweist? Mehr Mut!

Die Titel ärgern vor allem deswegen, weil sich dahinter fabelhafte Bücher über große Gestalten aus Politik, Kultur und Gesellschaft verbergen, die des Verweises auf einen Mann gar nicht bedürfen. Nach ihrer Biographie über Frieda von Bülow (vgl. DHIVA September 2015) hat Kerstin Decker wieder den Charakter einer Persönlichkeit so gut herausgearbeitet, dass man mitleidet, mitfiebert und mitlacht, wenn Elisabeth Förster-Nietzsche etwa Harry Graf Kessler bittet, mit der Umsetzung eines Plans wenigstens zehn Jahre zu warten, denn „da werde ich ja hoffentlich tot sein.“ Und die Kaiserinnen der Frühen Neuzeit stehen gut auch ohne ihre Kaisergatten da.

Dass es auch anders geht, zeigt Regula Winkelmanns und Peter Watchorns Biographie über Isolde Ahlgrimm. Die Cembalistin veranstaltete in ihrer Geburtsstadt Wien zwischen 1937 und 1957 die „Concerte für Kenner und Liebhaber“ auf historischen Instrumenten. Isolde Ahlgrimm muss eine faszinierende Künstlerin gewesen sein, die ihre Virtuosität in den Konzerten erst öffentlich, dann im privaten Kreis unter Beweis stellte. Auch wenn sie die „Concerte“ gemeinsam mit ihrem Mann Erich Fiala gab, der gerne als Künstlerischer Leiter fungierte, auch wenn sie aus Rücksicht auf ihn zeitweise auf größeren Ruhm verzichtete, ist sie nie nur die Ehefrau oder Partnerin. Isolde Ahlgrimm tritt als ganz eigenständige Künstlerin vor das Auge der Leser. Bedeutung erlangen große Frauengestalten wie sie eben nicht erst durch ihre Beziehung zum Mann oder Bruder oder Zeitgenossen.

Dass Frauen es lange Zeit deutlich schwerer hatten, ihr Talent der Öffentlichkeit bekannt zu machen, steht außer Zweifel. Formale Vereinigungen und informelle Netzwerke konnten zuweilen solche Nachteile mit konkreter Hilfe und Förderung ausgleichen. Marianne Baumgartner stellt kurzweilig den Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien vor, der von 1885 bis 1938 als Plattform zum Erfahrungsaustausch diente. Und wenn hier Männernamen auftauchen, sind es nicht selten nur Pseudonyme; im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die Frauen.

Bettina Braun | Katrin Keller | Matthias Schnettger (Hg.): Nur die Frau des Kaisers? Kaiserinnen in der Frühen Neuzeit. Böhlau Verlag, Wien 2016. 978-3-205-20085-7. 272 Seiten, 60 Euro.

Beate Borowka-Clausberg (Hg.): Salonfähig. Frauen in der Heine-Zeit. Morio Verlag, Heidelberg 2016. 978-3-945424-31-5. 151 Seiten, 19,95 Euro.

Johannes Sachslehner: Alle, alle will ich. Arthur Schnitzler und seine süßen Wiener Mädel. Styria Verlag, Wien 2015. 978-3-222-13505-7. 239 Seiten, 26,90 Euro.

Kerstin Decker: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche: Berlin Verlag, Berlin 2016. 978-3-8270-1277-7. 652 Seiten, 24 Euro.

Regula Winkelman | Peter Watchorn: Die Cembalistin Isolde Ahlgrimm (1914-1995). Eine Wegbereiterin der historischen Aufführungspraxis. Böhlau Verlag, Wien 2016. 978-3-205-79679-4. 288 Seiten, 29,99 Euro.

Marianne Baumgartner: Der Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien (1885 – 1938). Böhlau Verlag, Wien 2015. 978-3-205-79702-9. 443 Seiten, 49 Euro.

DHIVA 2017-1 Broemmling

19. Feb 2017

Kurzkritik “Leben im Denkmal” und viele andere

von broemmling

Ausgelesen! Zu meinem Lesepensum der vergangenen Woche zählten auch zahlreiche Titel, die weiterführende Informationen über das Schwerpunktthema des Frühlingsheftes von VIERVIERTELKULT bieten. Im nächsten VIERVIERTELKULT wird es um Rekonstruktionen gehen. Inzwischen bin ich durch alle Titel durch, wobei ich durchaus zugebe, dass ich weder die 750 Seiten von Ulrike Sbresnys Sammlungen des Adels noch die 1.025 Seiten von Sabine von Schorlemers Opus Magnum Kulturgutzerstörung in Krisenländern als Herausforderung für die Vereinten Nationen Seite für Seite gelesen habe; die Serviceseiten sollen schließlich nur einen Überblick über neue Titel zum Thema bieten.

Seite für Seite gelesen habe ich wie die Mehrzahl der anderen vorgestellten Titel den Katalog zur Ausstellung Schloss.Stadt.Berlin. Schon die Ausstellung im Ephraim-Palais, die sehr empfohlen sei, hat gezeigt, wie das Schloss erst nach und nach vom Rand der Stadt in deren Zentrum rückte – und selbst die Stadt wurde. Und auch wenn ich – wenn überhaupt eine Schlossrekonstruktion – das Renaissanceschloss dem Barockriesen vorgezogen hätte, hat mir bislang keine Publikation die Bedeutung des Gebäudes so plausibel vor Augen geführt wie diese.

Die Randthemen eines jeden Schwerpunktes aber sind die schønsten. Leben im Denkmal zeigt anhand von 80 Denkmälern , wo sich Denkmalpflege und Rekonstruktion auf der anderen Seite der Extreme wiedertreffen: Denkmal wie Rekonstruktion leben vom Leben in ihrem Innern. Ein unbewohntes Haus, eine ungenutzte Kirche, eine leer stehende Brauerei ließen eine Stadt zum Museum werden. Das hat die Rekonstruktion dem Denkmal voraus: Sie wird idealiter von Anfang an mit Leben gefüllt. Wie Berliner Denkmäler heute genutzt werden, wie manche verrotten, weil sie derzeit keine Nutzung finden, erzählt Dietrich Worbs mit Fotos von Wolfgang Reuss. Man liest sich fest und legt das Werk erst aus der Hand, wenn man durch alle Gebäude durch ist. Darunter so wunderbare Orte wie die Buchhandlung im Haus Hardenberg (erst Kiepert, dann J. F. Lehmanns, dann gar nichts mehr), die Villa Wuttke in Frohnau und die Wohnung des Stalinallee-Architekten Richard Paulinck in derselben. Für mich war die größte Entdeckung eine in der Nachbarschaft: Schon immer wusste ich, dass das Haus auf dem Innenhof der Potsdamer Straße 81, die Nr. 81C, etwas Besonderes war, aber ich kam bislang nicht hinein. Hinweistafeln fehlen. Jetzt weiß ich: Hier, im 1873/74 eigens für ihn gebauten Haus, malte Anton von Werner, Präsident der Akademie der Künste und des Berliner Künstlervereins, nicht gerade als besonders fortschrittlich bekannt, die Wände voll. Wie es drinnen aussieht, sehe ich zum ersten Mal in diesem Buch – in dem jeder seine eigenen Entdeckungen machen wird.

Wolfgang Reuss | Dietrich Worbs: Leben im Denkmal. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2016. 186 Seiten, 29 Euro.

Paul Spies | Peter Schwirkmann | Dominik Bartmann: Schloss.Stadt.Berlin. Die Residenz rückt in die Mitte (1650-1800). Holy Verlag, Berlin 2016. 223 Seiten, 29,90 Euro.

17. Feb 2017

21 neue Titel für den “StiftungsManager” – hier die Kurzkritik zu zwei Bänden zum Erbrecht

von broemmling

Ausgelesen! Das waren leseintensive Tage, in denen ich mich für die nächste Nachlieferung des StiftungsManagers wieder durch gut 20 neue Titel zu Stiftungswesen, Gemeinnützigkeitsrecht, Mäzenatentum und Zivilgesellschaft gelesen und zuweilen auch gekämpft oder gebissen habe. Die Besprechungen sind den Abonnenten des StiftungsManagers vorbehalten und können zum Teil auf Wunsch einzeln bei mir abgerufen werden. Ausgewählt für meinen Blog habe ich zwei Titel zum Erbrecht.

Es waren die ersten Neuerscheinungen des Jahres, und auch wenn es sich um die vierte bzw. dritte Auflage handelt, sei auf die beiden Grundlagenwerke zum Erbrecht hingewiesen. Dabei ist für die Stiftungsmanager vornehmlich Matthias Schmoeckels Lehrbuch relevant. Im von Elmar Uricher herausgegebenen ausführlichen Formularbuch zur Testaments- und Vertragsgestaltung und zur Prozessführung sucht man erstaunlicherweise die Möglichkeit des Erbschaftsteuererlasses durch Errichtung einer gemeinnützigen Stiftung oder überhaupt das Stichwort „Stiftung“ vergebens. Die Autoren gehen in ihrer Beratungsperspektive von einer Geltendmachung maximaler Erberträge für Mandanten aus. Da hat die gemeinnützige Stiftung keinen Platz. Beim Aufnahmebogen/Checkliste/Sachverhaltserfassung fragt erst der letzte Spiegelstrich, quasi unter fernerliefen, nach „Regelungszielen und Wünschen der Erblasser“. Vielleicht erklärt dieses Handbuch, warum es doch immer noch vergleichsweise wenige neue Stiftungserrichtungen im Jahr gibt. Wünschenswert wäre für die Folgeauflage, zumindest einen ergänzenden Hinweis hinzuzufügen. Der Einwand, die Errichtung einer gemeinnützigen Stiftung von Todes wegen oder die Errichtung durch einen Erben wird streng genommen durch das klassische Erbrecht nicht berührt, verfängt nicht: Matthias Schmoeckel zeigt, dass es anders geht. In seinem Erbrecht-Lehrbuch zeigt er Alternativen zum Erbrecht auf, behandelt die stifterischen Möglichkeiten außerdem in seinen Kapiteln zur gewillkürten Erbfolge. Und in Schmoeckels Kapitel zur Testamentsgestaltung haben rechtsfähige wie nicht rechtsfähige Stiftungen und auch Zustiftungen ihren selbstverständlichen Platz – auch wenn der Begriff der Familienstiftung bei Schmoeckel unklar gefasst ist.

Mathias Schmoeckel: Erbrecht (= NomosLehrbuch). Nomos Verlag, Baden-Baden, 4. Auflage 2017. 304 Seiten, 26 Euro. 978-3-8487-2878-7.

Elmar Uricher (Hg.): Erbrecht. Testamentsgestaltung, Vertragsgestaltung, Prozessführung (= NomosFormulare). Nomos Verlag, Baden-Baden, 3. Auflage 2017. 1188 Seiten, 118 Euro. 978-3-8487-2575-5.

7. Feb 2017

Kurzkritik Institut für Zeitungsforschung und frühe Schriften für und wider die Zeitung

von broemmling

Ausgelesen! Harten Zeiten sieht sich der Qualitätsjournalismus entgegen. Schon vor einem Jahr gründeten mehrere Stiftungen eine Initiative für die Förderung des Qualitätsjournalismus – da war an einen trumpeligen US-Präsidenten und an alternative Fakten noch gar nicht zu denken. Aber der Schmähruf von der Lügenpresse war bereits in der Welt. Viel ausrichten konnten die Stiftungen bislang nicht; aber das sollte man nicht den Stiftungen anlasten. Wo das Bewusstsein für Qualität und Unabhängigkeit fehlt, kämpfen auch wohlmeinende Stiftungen auf verlorenem Posten. Vielleicht wird dereinst eine Forscherin in den Archiven des Instituts für Zeitungsforschung den Ursachen für die Lügenpresse-Vorwürfe und den Reaktionen der geschmähten Blätter wissenschaftlich auf den Grund gehen. Wir können nur hoffen, dass es das Institut für Zeitungsgeschichte zu diesem Zeitpunkt noch geben wird. Das Institut, das 1926 als Niederrheinisch-Westfälisches Institut für Zeitungsforschung der Stadtbibliothek Dortmund gegründet wurde, feierte im vergangenen Jahr sein 90-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass ist ein schmaler Band mit „Rückblicken und Ausblicken“ erschienen, der die Entwicklung des Instituts von einer Zeitungssammlung zum Forschungsinstitut beschreibt. Dass schwierige Episoden der Institutsgeschichte, etwa das angespannte Verhältnis zur Stadt Dortmund, nicht ausgespart werden, macht die Lektüre des Bandes zusätzlich angenehm. So kann die Festschrift glaubhaft versichern, dass allein durch die Existenz von Forschungseinrichtungen wie diesem Druckerzeugnisse auch in Zukunft ein bedeutender Teil der Publizistik bleiben werden, auch wenn die Zeitung schon heute viele Leser ans Netz verloren hat und diese Entwicklung anhält.

Das Aussterben der Zeitungskultur ist übrigens schon prophezeit worden, als es noch gar keine Online-Medien gab, auch keine Computer. Damals gab es noch nicht einmal Strom. Jürgen Wilke hat sechs Texte vom Ende des 17. Jahrhunderts kommentiert herausgegeben, die sich mit dem neuen Medium Zeitung befassen. Es ist wirklich ein Genuss, die ganz frühen Texte im Original zu lesen. Dass die einen im Medium Zeitung dem moralischen Verfall und vor allem der Neugierde Tür und Tor aufgetan sahen, während die anderen Zeitungen als bildungsfördernd lobten, ahnt der Leser schon vor der Lektüre. Die Argumente im Einzelnen überraschen aber. Und wenn Tobias Peucer in seiner Dissertation an der Universität Leipzig 1690 Über Zeitungsberichte spricht, dann amüsiert es zu lesen, dass der Autor das Zeitungswesen zwar befürwortet, aber keineswegs damit behaupten will, dass der Nutzen der Neuen Zeitungen so groß sei wie der aus klug abgefasster Geschichte, … da ihre Verfasser so ziemlich alles dessen entbehren, was für eine richtige Geschichtsschreibung notwendig ist: wie Gescchichtskenntnisse, Klugheit, geschulte Urteilskraft, Belege, die aus ganz unverdächtigen Archiven geholt sind, und schließlich die angemessene Ausdrucksfähigkeit und der Stil der Geschichtsdarstellung. So ganz überzeugt von den Fähigkeiten der Journalisten waren ihre Unterstützer auch in früheren Jahren nicht. Da müssen Stiftungen noch viele Fördergelder einsetzen, um heute wirklichen Qualitätsjournalismus zu ermöglichen.

Und nebenbei: Woran denken Sie eigentlich, wenn Sie Bouillon lesen? An die Brühe? Da liegen Sie, wenn es um die frühen Schriften zum Zeitungswesen geht, einigermaßen falsch. Bouillon ist ein altes Herzogtum in den Ardennen. Gottfried von Bouillon, der Führer des ersten Kreuzzuges, stammt von dort. Das und viel mehr lehrt uns die Lektüre dieser sechs außergewöhnlichen Texte, vier davon eher für, zwei von davon eher wider die Zeitung.

Astrid Blome (Hg.): 90 Jahre Institut für Zeitungsforschung. Rückblicke und Ausblick. Klartext Verlag, Essen 2016. 103 Seiten, 9,95 Euro. 978-3-8375-1695-1.

Jürgen Wilke (Hg.): Die frühesten Schriften für und wider die Zeitung. Christophorus Besold (1629), Ahasver Fritsch (1676), Christian Weise (1676), Tobias Peucer (1690), Johan Ludwig Hartmann (1679), Daniel Hartnack (1688). Mit einer Einführung von Jürgen Wilke (= ex libris kommunikation neue Folge Band 17). Nomos Verlag, Baden-Baden 2015. 208 Seiten, 39 Euro. 978-3-8487-2141-2.

7. Feb 2017

Kurzkritik “Texte und Tabu”

von broemmling

Ausgelesen! Ein Band aus der Reihe Mainzer Historische Kulturwissenschaften beim Transcript Verlag befasst sich mit Tabu und Tabubruch in literarischen Texten von der Spätantike bis in die Gegenwart. Wenn man schonungslos gegen sich selbst ist, fragt man sich, wann man selbst eigentlich zuletzt ein Tabu gebrochen hat. Wenn man weniger schonungslos ist, fragt man sich vielleicht, wann man zuletzt Tabu gespielt hat, ein eigentlich harmloses Gesellschaftsspiel, bei dem es allerdings schnell zu Störungen des Spielfriedens kommen kann. Literarische Texte aber leben vom Tabubruch; oft hat das Tabu eine narrative Funktion. Wir können vom Verbot und Tabu im Märchen lesen (Uta Miersch), wo sich in Grimms Allerleirauh des Königs Tochter dem Wunsch ihres Vaters entzieht, sie zu heiraten. Der arme Parzifal hat, lesen wir bei Nicole Otte, gleich mehrere Verbote zu befolgen (gegen die das „Nie sollst du mich befragen“-Gebot von Lohengrin einfach scheint). Und ganz wunderbar ist Dominik Schuhs Aufsatz über weinende Ritter – oder besser natürlich: über nicht-weinende Ritter. Warum der Schoß der Königin tabu ist (Philipp Giller) und viele weitere Erkenntnisse aus der Tabuforschung unterhalten den Leser, ganz gleich, ob er mit wissenschaftlichem Anspruch an die Texte geht oder aus schlichter Neugierde. Auch wenn sich die meisten Aufsätze mit Texten aus dem Mittelalter befassen, zeigt ein Beitrag zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Geschwisterinzest (Claudius Geisler) die Aktualität des Themas Tabu.

Alexander Dingeldein | Matthias Emrich (Hg.): Texte und Tabu : zur Kultur von Verbot und Übertretung von der Spätantike bis zur Gegenwart (= Mainzer historische Kulturwissenschaften Band 21). Transcript Verlag, Bielefeld 2015. 212 Seiten, 29,99 Euro. 978-3-8376-2670-4.

3. Feb 2017

Kurzkritik Hüllen und Enthüllungen & Hinter dem Vorhang

von broemmling

Angeschaut und ausgelesen! Gerade ist die Ausstellung Hinter dem Vorhang im Düsseldorfer Museum Kunst Palast zu Ende gegangen. Was haben die Ausstellungsmacher nicht alles an Vorhängen, Hüllen, Verpackungen aufgegraben – oder besser: ausgepackt. Christo und Jean-Claude, das ist schon fasst ein bisschen zu plakativ fürs Plakat (der verpackte VW-Käfer war aber leider eines der Motive für die Werbeplakate). Der Besucher der Ausstellung behält ganz andere Kunstwerke in Erinnerung: Tizian, Richter, Feldmann – das Schlichteste war meist das Raffinierteste. Hüllen und Enthüllungen ist gerade unabhängig von der Ausstellung erschienen. Und doch scheint der Sammelband mit Aufsätzen zum Thema Verhüllen und Enthüllen die kulturwissenschaftliche Überhöhung der sich auf Kunst beschränkenden Düsseldorfer Ausstellung zu sein. Viel mehr noch: Der Band, der die Vorträge einer Tagung der Isa Lohmann-Siems Stiftung versammelt, spart gerade den Bereich der bildenden Kunst aus. Zur Maske in der darstellenden Kunst finden wir einen Beitrag (Miriam Dreysse) – ansonsten finden wir uns in der Geschichte oder mitten im Leben wieder. Besonders lesenswert: Sichtbar- und Unsichtbarmachen in der Hochstapelei (Inga Klein). Hier entwickelt die Autorin eine ganze Kulturgeschichte der Hochstapelei vor dem Auge des Lesers. Inga Klein überrascht mit einer Warnung vor dem eigenen Ich: Denn, das ist allerdings, räumt sie ein, keine Erkenntnis des 21. Jahrhunderts: Eine Begabung, ein Talent zum Hochstapler steckt in uns allen. Das hätte manch Leser vielleicht lieber für sich behalten. Eine schöne Enthüllung.

Inga Klein | Nadine Mai | Rotislav Tumanov (Hg.): Hüllen und Enthüllungen. (Un-)Sichtbarkeit aus kulturwissenschaftlicher Perspektive (= Schriftenreihe der Isa Lohmann-Siems Stiftung Band 10). Reimer Verlag, Berlin 2017. 271 Seiten, 29,90 Euro.

Claudia Blümle | Beat Wismer (Hg.): Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance – von Tizian bis Christo. Hirmer Verlag, München 2016. 340 Seiten, 49,90 Euro.

In der gleichen Reihe der Isa Lohmann-Siems Stiftung ist im vergangenen Jahr ein lesenswerter Sammelband über Kommunikation, Konstruktion und Kultur von Klängen erschienen. Es ist typisch für die gute Arbeit der Hamburger Stiftung, dass sie in diesem Band zwei so unterschiedliche Themen wie die Musik- (aber eben nicht die Klang-)Überlieferung des Klosters St. Michael in Bamberg und das Wummern der Bässe aus den Boxen, das wir im Körper spüren, wenn wir die Musikanlage aufdrehen, sinnverwandt unter einem Thema vereinigt hat – und viele andere mehr. Bislang haben Klänge nur schwer wissenschaftliche Beweiskraft – auch dazu findet sich ein interessanter Aufsatz im Band Klang – Kontakte.

Anna Symanczyk | Daniela Wagner | Miriam Wendling (Hg.): Klang – Kontakte. Kommunikation, Konstruktion und Kultur von Klängen (= Schriftenreihe der Isa Lohmann-Siems Stiftung Band 9). Reimer Verlag, Berlin 2016. 234 Seiten, 29,90 Euro.

26. Jan 2017

Kurzkritik Eduard Engel: “Deutsche Stilkunst”

von broemmling

Ausgelesen! Es ist das ultimative Buch für jeden Germanisten, für jeden Sprachliebhaber, für jeden, der deutsch spricht. “Ultimativ” hätte ich besser nicht geschrieben, schon spüre ich des Autors tadelnden Blick im Nacken. Fremdwörter mochte Engel nicht, und Thomas Mann musste es ausbaden: Für Engel war der Nobelpreisträger keines reinen Deutschen Satzes fähig. Engels Deutsche Stilkunst erschien ab 1910 in vielen Auflagen mit jeweils vielen tausend Exemplaren. Es war ein Standardwerk (und auch Thomas Mann dürfte es gekannt haben). Aber mit Engel ging es, wie es so oft gegangen ist mit großen Geistern, deren Herkunft, Glauben oder Wesen den Nationalsozialisten nicht in den Kram passten. Das Buch wurde kassiert, 1938 starb Engel, der die Welt nicht mehr verstand, und ab 1943 kam, in Folgeauflagen bis heute, die Deutsche Stilkunst von Ludwig Reiners. Nicht nur der Titel war gleich. Der Inhalt war es zu großen Teilen auch. In einem kenntnisreichen Vorwort zum wiederaufgelegten Ursprungstext von Eduard Engel sind alle diese Zusammenhänge wunderbar vermittelt. Engels Text ist ein Genuss. Er urteilt scharf, und scheint doch manches Mal selbst über die Schärfe seines Urteils verwundert. Und wo Engel den Humor verliert, kann der Leser heute schmunzeln. Die Unfähigkeit, “wie” und “als” richtig zu verwenden, ist kein Phänomen erst der Gegenwart. Als Stilmittel erlaubt Engel die falsche Verwendung allenfalls Schiller und Goethe: Wer weder einen Faust noch einen Wallenstein geschrieben, möge wenigstens seine Alltagsprosa ohne diesen groben Fehler verfertigen. Den beiden also lässt er einiges durchgehen, sonst ist er selten milde (und findet einen unsicheren Gebrauch von “wie” und “als” bei den großen Dichtern sonst nur noch bei Hebbel). Hart geht er mit dem Fremdwort ins Gericht, spricht von der Pücklerei, so genannt nach dem lächerlichsten Sprachgecken unsers ältern Schrifttums, dem Fürsten Hermann zu Pückler-Muskau. Und wieder einmal – zack! – saust das Fallbeil auf den armen großen Thomas Mann mit seiner Mengselsprache nieder. Von der notwendigen Nüankße ist an anderer Stelle die Rede; Engel macht sich offensichtlich mit übertriebener Verdeutschung über jene lustig, die immer nur für die eigene Sprache das Maß der Fremdwörter samt ihrer eingedeutschten Schreibweisen als das richtige reklamieren. Ja, zuweilen nervt die Behäbigkeit, mit der Engels jedes Spiel und jede Leichtigkeit im Keim erstickt. Und dennoch überwiegen die heiteren Leseerlebnisse die Verstörungen bei Weitem, etwa wo es über die Notwendigkeit einer Einleitung zu einem längeren Text heißt: Wenn Hegel zu seiner Phänomenologie des Geistes auf eine Vorrede von 56 Seiten noch eine Einleitung von 13 Seiten folgen läßt, so beweist dies Hegels Unklarheit und schriftstellerisches Ungeschick. Bismarck hat mit dem Anfang seiner Gedanken und Erinnerungen bei Engel dagegen bestanden. Und schon holt man sich Bismarcks Biographie aus der eigenen Bibliothek wieder hervor … Es ist ein langes Stöbern, es sind Lesestunden voller Entdeckungen. Aber keiner wird die 900 Seiten in einem Zug durchlesen. Dafür sind die beiden Bände auch viel zu schade. Ich habe acht Wochen dafür gebraucht, immer mal wieder ein Kapitel, das später von Engel in “Abschnitt” umbenannt wurde, “Kapitel” schien ihm dann irgendwie zu welsch. Wer die Bände dann aus der Hand legt, fühlt sich gestärkt und geschwächt zugleich; der Zweifel wird einen noch häufiger packen: Und man schlägt nach der letzten Seite noch einmal die erste auf: Eduard Engel: Deutsche Stilkunst. Nach der 31. Auflage von 1931. Mit einem Vorwort bereichert von Stefan Stirnemann. Sollte es in diesem Fall nicht besser heißen: Um ein Vorwort bereichert? Und schon fängt man gleich wieder von vorne an zu lesen.

Eduard Engel: Deutsche Stilkunst Band 1-2 (= Die Andere Bibliothek Band 379/380). Die Andere Bibliothek, Berlin 2016. 933 Seiten, 78 Euro.