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21. Jun 2017

Kurzkritik “Harz und Arkadien”

von broemmling

Ausgelesen! Mit der umfangreichen Ausstellung von Werken des Landschaftsmalers Pascha Johann Friedrich Weitsch hat sich das Gleimhaus in Halberstadt in die erste Reihe kultureller Orte in Deutschland gestellt. Weitsch ist für seine Gemälde der braunschweigischen Eichenwälder bekannt – nicht so bekannt, wie er es verdient hat, aber schon VIERVIERTELKULT hat dem Künstler der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Artikel gewidmet, passenderweise im Sommerheft 2014, das Wald zum Schwerpunkt machte. Der wunderbare Beitrag von Reinhold Wex auf den Seiten 54-56 des Sommerheftes von VIERVIERTELKULT liest sich auch heute als gute Einführung in die Aufsatzsammlung des Begleitbandes zur Ausstellung im Gleimhaus. Weitsch malte nicht nur in Öl, er war auch Porzellanmaler und Lackmaler. Alle drei Kunstrichtungen sind in der Ausstellung versammelt, deren Katalog auch jenen zu empfehlen ist, die es nicht bis zum 17. September 2017 nach Halberstadt schaffen. Die Großformate der Eichenwälder sind weiterhin Weitschs Meisterwerke, die hier friedlich weidenden Rinder erinnern nicht nur an arkadischen Frieden, sondern auch an paradiesische Urzustände aus Haydns Schöpfung. Doch auch jenseits der Meisterwälder haben Ausstellung und Katalog wahre Schätze gehoben.

Reimar F. Lacher (Hg.): Harz und Arkadien. Pascha Johann Friedrich Weitsch (1723-1803). Landschaftsmaler der Aufklärung. Katalog zur Ausstellung im Gleimhaus Halberstadt. Gedruckt mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt, der Richard Borek Stiftung ,Dirk Grollmann und Martin Rohr. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2017. 152 Seiten, 19,95 Euro. 978-3-95462-903-9.

19. Jun 2017

Kurzkritik “Gebaute Geschichte”

von broemmling

Ausgelesen! Das Frühlingsheft von VIERVIERTELKULT widmete seinen Schwerpunkt dem Thema “Rekonstruktionen”. Für die Buchempfehlungen auf den Serviceseiten kommt das Buch aus dem Wallstein-Verlag über gebaute Geschichte leider zu spät. Aber der neue Sammelband über historische Authentizität im Stadtraum, erschienen als Publikation des gleichnamigen Leibnitz-Forschungsverbundes, passt zum Thema wie kaum ein zweiter. Daher sei er hier im Blog als Nachtrag zum aktuellen VIERVIERTELKULT zur Lektüre empfohlen. Er zeigt, wie wenig sensibel zum Teil bei der Rekonstruktion alter Bauten vorgegangen wird und wie vorhandene Originalsubstanz Besuchern wie Bewohnern der Städte vermittelt wird. Besonders empfehlenswert drei Beiträge: Kathrin Zöllers Artikel „Das ist kein Schloss!“ über die Debatte um den Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses (wer die aktuelle VIERVIERTELKULT zur Hand hat, vergleiche mit meiner Einleitung auf Seite 4, da gibt es doch deutliche Parallelen in Formulierungen und Gedanken), Olaf Gisbertz’ Betrachtungen zur Aktualität des Zeitgeistes – vor allem dargelegt am Modell Braunschweig – und Hanno Hochmuths Beschreibung verschiedener Konzepte des Berliner Geschichtstourismus von StattReisen über die Dampferfahrten der Berliner Geschichtswerkstatt bis hin zu den Zeitreisen mit ihren Videobustouren. Aber auch die übrigen 13 Beiträge vermitteln einen guten Eindruck davon, dass der Streit um das Kreuz auf der neuen alten Schlosskuppel längst nicht der letzte Streit (und längst nicht der größte) gewesen sein wird, dem das Berliner Stadtschloss – oder sagen wir Humboldt-Forum – ausgesetzt ist. Auf dem Titel des neuen Bandes, sehr passend, ein sehr aktuelles Foto der Berliner Kuppel im Rohbau. Da brauchte man sich nicht für oder wider das Kreuz zu positionieren.

Christoph Bernhardt | Martin Sabrow | Achim Saupe: Gebaute Geschichte. Historische Authentizität im Stadtraum. Eine Publikation des Leibnitz-Forschungsverbundes Historische Authentizität. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 328 Seiten, 29,90 Euro. 978-3-8353-3013-9.

17. Jun 2017

Kurzkritik Hogan: Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

von broemmling

Ausgelesen! Mit Ruth Hogans Roman Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge war ich schon vor dessen Erscheinen in Deutschland Mitte Mai durch. Aber ich war skeptisch, ob ich etwas dazu schreiben sollte. Ich schreibe so ungern Verrisse. Und es ist nicht mal ein richtiger Verriss, eher ein Fall, bei dem man ein ungutes Gefühl hätte, wenn Denis Scheck in seiner Literatursendung das Buch in die Tonne werfen würde. Denn das würde er. Hogans Geschichte ist nicht dumm konstruiert, es ist eine nette Idee, verlorene Dinge zu sammeln und sie zu archivieren, um sie einst ihren früheren Besitzern zurückzugeben und diesen so eine Freude zu machen. Aber es ist ein bisschen viel Freude hier und Freude da im Buch. Die Autorin hat Verständnis für alle, schreibt von niedlichen Hunden, von einem sympathischen, klugen Downie, von heilenden Wunden, vergehendem Liebeskummer, von Freundschaft, schønen Teestunden und vielen Glücksmomenten. Sogar für Menschen mit Blasenproblemen bringt die Autorin Verständnis auf, jede Leserin und jeder Leser findet hier Trost und Bestätigung. Und so ist der Roman, der viel versprechend beginnt – die erste zwischengeschaltete Kurzgeschichte über ein verlorenes Puzzleteil ist wirklich fein ausgedacht und durchaus kunstvoll erzählt – und dann nach und nach enttäuscht, nicht viel mehr geworden als ein Witwen- und Waisentrösterbuch. Schade eigentlich, denn so unbegabt ist die Autorin gar nicht.

Ruth Hogan: Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge. Aus dem Englischen von Marion Balkenhol. List bei Ullstein Buchverlage, Berlin 2017. 317 Seiten, 18 Euro. 978-3-471-35147-5.

21. Mai 2017

23 neue Titel für den “StiftungsManager” – hier die Kurzkritik zu Theilers Bosch-Biographie

von broemmling

Es ist ein feines Jubiläum: Bald liefert der Verlag Dashöfer die 50. Nachlieferung zu seinem Loseblattwerk StiftungsManager aus. Seit vielen Jahren bespreche ich für die drei bis vier Nachlieferungen jährlich die Neuerscheinungen zum Stiftungswesen, zu Zivilgesellschaft, Gemeinnützigkeitsrecht, Vereinswesen, Mäzenatentum. Gerade bin ich mit den 23 Titeln fertiggeworden, die ich für die 50. Nachlieferung zusammengestellt habe. Als Teaser hier ausgewählt meine Kurzrezension zu Peter Theilers neuer Biographie über Robert Bosch.

Wie viele Biographien über ein und denselben Stifter braucht man? Über Robert Bosch gibt es bereits zahlreiche Publikationen, darunter bahnbrechende Standardwerke wie Joachim Scholtysecks Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen Hitler 1933-1945 aus dem Jahr 1999 und die bemerkenswerte Biographie, die der spätere Bundespräsident Theodor Heuss 1946 über Robert Bosch veröffentlichte. Nun hat Peter Theiner, über viele Jahrzehnte führender Mitarbeiter der Robert Bosch Stiftung, eine weitere Biographie über den Unternehmer und Stifter vorgelegt, die zeigt, dass über Vorbilder nie genug gesagt und geschrieben ist. Peter Theiner zitiert in seiner Biographie des Sozialdemokraten Wilhelm Keils bewundernde Einschätzung von Robert Bosch: „Er blieb ein besonderer Unternehmertyp mit großem sozialen Verständnis und weitem politischen Blick, der sich von der allgemeinen Unternehmenspolitik weit distanzierte.“ Hier wie an vielen anderen Stellen gelingt es Theiner, das Einzigartige Robert Boschs herauszuarbeiten. Und er zeigt auf kluge Weise Kontinuitäten auch nach Boschs Tod. So ist der Umgang des Unternehmens mit jüdischen Mitbürgern und Mitarbeitern auch nach Boschs Tod 1942 logische Folge der nachwirkenden eindrücklichen Persönlichkeit des Firmengründers. Auch die Gründung der Stiftung in den Sechzigerjahren erscheint so als das unmittelbare Werk Robert Boschs; es mag ein seltener Fall sein, dass ein Stifter zwei Jahrzehnte nach seinem Tod aktiv eine Stiftung errichtet. Aber Theiners gute Biographie lässt diesen Eindruck stimmig entstehen.

Peter Theiner: Robert Bosch. Unternehmer im Zeitalter der Extreme. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2017. 504 Seiten,  29,95 Euro. 978-3-406-70553-3.

8. Mai 2017

Kurzkritik Mai: “Gutenberg”

von broemmling

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern trug entscheidend zur Verbreitung von Bildung bei. Klaus-Rüdiger Mai nähert sich in einer neue Biographien dem Erfinder und erzählt das Leben des Unternehmers Gutenberg mit Erfolgen und Misserfolgen versiert und packend. Interessant ist der Blickwinkel des Autors: Nicht aus der Sicht der Nachgeborenen erschließt sich das Leben des Henne Gensfleisch alias Johannes Gutenberg, der um 1400 in Mainz geboren wurde. Nicht einmal aus der Perspektive des Bibeldruckers, die man zum Todeszeitpunkt Gutenbergs 1468 einnehmen könnte, erzählt uns Klaus-Rüdiger Mai Werk und Ideen des Erfinders. Der Leser geht Fußstapfen für Fußstapfen, erfährt Beweisbares und Geratenes, wobei der Autor stets plausibel erklärt, warum er zu dieser oder jener Mutmaßung kommt. Wie wenig weiß man doch über Gutenberg! Und wie viel meint der Leser zu wissen, wenn er die neue lesenswerte Gutenberg-Biographie aus der Hand legt. Wir lernen Gutenberg nicht als Humanisten kennen, dabei haben die Humanisten der Nachwelt ihm so viel zu verdanken. Er war knallhart kalkulierender Unternehmer (der sich zuweilen verrechnete, der zuweilen prozessieren musste, der Verrat erlitt und dem Erfolg immer auch zu Misserfolg geriet). Und der Leser blickt anders auf die Stadtkultur des ausgehenden Mittelalters: Mai beschreibt Ständestreit in Mainz, Eltville und Straßburg im 15. Jahrhundert dem Leser so, als sei er mittendrin. Gegen eine Persönlichkeit wie Gutenberg stapelt der Zusatz des Titel „Der Mann, der die Welt veränderte“ allerdings seltsam tief. Wer verändert schon nicht die Welt – irgendwie? Und ein „Steve Jobs der Renaissance“ war Gutenberg auch nicht, wie der Buchrücken behauptet. Welche tumben Leser will man da eigentlich ködern? Hoffentlich schreckt es nicht ab. Denn es ist ein wirklich gutes Buch geworden. Und für ein Publikumsbuch bei diesem Preis ist das Buch schøn gestaltet – wie es dem Thema angemessen ist.

Klaus-Rüdiger Mai: Gutenberg. Der Mann, der die Welt veränderte. Propyläen bei Ullstein Buchverlage, Berlin 2016. 383 Seiten, 28 Euro. ISBN 978-3-549-07467-1.

6. Mai 2017

Thema des Monats: Von flanierenden Dandys, von bürgerlicher Vergesellschaftung und sozialem Aufstieg. Vier Kurzkritiken

von broemmling


Ausgelesen! Wenn wir an den Dandy klassischen Typs denken, kommen uns Oscar Wilde und Harry Graf Keßler in den Sinn, vielleicht noch Edward Herzog von Windsor, der Onkel der Queen, der auf den Thron verzichtet hatte, um ein bürgerliches, aber mondänes Leben zu führen. Was aber ist ein moderner Dandy, wo leben die Dandys der Gegenwart? Der Kulturwissenschaftler Günter Erbe hat ein gut lesbares Buch geschrieben, in dem er die Eigenschaften eines Dandys mithilfe früherer Vertreter herausarbeitet. Neben einem modernen Dandytum in durchaus zeitgemäßer und gewandelter Form, wie es David Bowie, Quentin Crisp und Hans Werner Henze verkörpern, zeigt Günter Erbes Argumentation aber auch gescheiterte Dandyentwürfe: Karl Lagerfeld mag ein Dandy sein, nur im seidenen Smoking von Lagerfeld herumzulaufen wie es Jaques de Bascher tat, reicht aber offensichtlich nicht. Ein wissenschaftlich fundiertes und besonders unterhaltsames Buch, zur Lektüre empfohlen.

Das Flanieren und seine Qualitäten nur dem Dandy zuzuordnen, der seine Zeit mit dem verbringt, worauf er gerade Lust hat, wird dem Phänomen des Flanierens nur unzureichend gerecht. Selbstverständlich hatte unter allen Spaziergängern der Geschichte der Dandy wohl am meisten Zeit und Muße fürs Wandeln durch die Stadt. Aber Karsten Michael Dohsel hat in seinem Band über das Erbe des Flanierens einen gang anderen Aspekt herausgearbeitet: Den Wert des aufmerksamen Gehens für das lokale Erinnern. Dohsel verbindet individuelles und kollektives Erinnern in den bekannten Gedächtnisdiskurs ein. Die Fülle des Materials, das der Autor in seine Argumentation einbringt, beeindruckt und scheint doch keineswegs überfrachtet. So sind Erinnerungsorte der einen Person niemals identische Erinnerungsorte der anderen Person – und doch trägt jeder, der beobachtet, erinnert, vergleicht, interpretiert und darüber spricht, zum Verständnis eines Ortes und seiner historischen Erinnerungsmasse bei. Cees Nooteboom hat dem Flaneur die wohl schönste Ehrerbietung gezeigt, wenn er sie als Künstler bezeichnet, die Erinnerung instandhalten, Unheil zuerst erkennen und die Stadt erst Stadt werden lassen.

Führt man sich die absolute Eigenständigkeit des Dandys vor Augen, scheinen Intellektuellennetzwerke beinahe als gesellschaftlicher Gegenentwurf. Sie lebten und leben schließlich gerade vom oft stillen Einvernehmen in politischen und gesellschaftlichen Fragen. In einem von Frank-Miachael Kuhlemann und Michael Schäfer herausgegebenen Band sind viele dieser Kreise und Bünde untersucht, die in der Schweiz, in Österreich und Deutschland vor allem am Anfang des 20. Jahrhunderts Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung nahmen. Aber wer die Intellektuellenkreise, Salons und andere Zusammenschlüsse auf diesen Zeitraum begrenzt, denkt zu eng, ist vielleicht zu stark dem Kreis um Stefan George verhaftet, der sicher der bekannteste seiner Art ist. Der Sammelband erzählt viel mehr, berichtet vom Patmoskreis, vom Euckenbund und geht bis in die Nachkriegszeit zum Kreis um Georg Picht, dessen Warnung vor der Bildungskatastrophe heute viel geläufiger ist als seine Arbeit in der Kommission zur politischen und gesellschaftlichen Situation der Bundeswehr, die der Historiker Hagen Stöckmann von der Universität Göttingen im vorliegenden Band beleuchtet. Auch wenn der Kreis um Georg Picht zuweilen als „protestantische Mafia“ verunglimpft wurde: Wir sehnen uns heute nach Ursula von der Leyens Art des Umgangs mit den Missständen in der Bundeswehr (und den undifferenzierten Reaktionen darauf) nach dem differenzierten Diskurs der 1960er Jahre zurück.

Dandy, Flaneur oder Intellektueller: Gemein ist den meisten der gelungene soziale Aufstieg (abgesehen von jenen, bei denen es gilt, einen sozialen Abstieg zu verhindern). Ein neues Buch von Almut Goldhahn entführt uns ins Italien des 17. und 18. Jahrhunderts und zeigt uns anhand der Person des Aurelio Rezzonico, wie der Aufstieg einer ganzen Familie erst wirtschaftlich, dann in Patriziat hinein gelang und Bestand hatte. Der Band greift interessante Aspekte heraus und zeigt dem Leser zum Beispiel, wie die Kunstsammlung quasi als Eintrittskarte in die Adelsgesellschaft gelang. Im Lauf von 150 Jahren wurde aus der venezianischen Kaufmannsfamilie Rezzonico eine römische Papstfamilie: 1758 wurde Carlo Rezzonico zum Papst Clemens XIII. gewählt. Er wurde nicht gerade ein Dandy der modernen Art. Aber sein jesuitenfreundliches Handeln war durchaus eigenwillig und eigenständig. Leider ging er letztlich als Gegenaufklärer in die Geschichte ein. Einfluss auf den Nachruhm haben weder Päpste noch Dandys.

Günter Erbe: Der moderne Dandy. Böhlau Verlag, Köln 2017. 351 Seiten, 29,99 Euro. 978-3-412-50715-2.

Karsten Michael Drohsel: Das Erbe des Flanierens. Der Souveneur – ein handlungsbezogenes Konzept für urbane Erinnerungsdiskurse (= Urban Studies). Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 289 Seiten, 29,99 Euro. 978-3-8376-3030-5.

Frank-Michael Kuhlemann | Michael Schäfer (Hg.): Kreise, Bünde, Intellektuellennetzwerke. Formen bürgerlicher Vergesellschaftung und politischer Kommunikation 1890-1960. (= Transcript Historie). Gefördert mit Mitteln der DFG. Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 276 Seiten, 34,99 Euro. 978-3-8376-3557-7.

Almut Goldhahn: Von der Kunst des sozialen Aufstiegs. Statusaffirmation und Kunstpatronage der venezianischen Papstfamilie Rezzonico (= Studien zur Kunst 37). Geedruckt mit Unterstützung der DFG und der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften. Böhlau Verlag, Köln 2017. 416 Seiten, 80 Euro. 978-3-412-50352-9.

23. Apr 2017

In die Geschichte Österreichs hineingelesen. Vier Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Alle reden von Frankreich, ich nicht. Am Wochenende der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen habe ich mich tief in die Geschichte Österreichs hineingelesen und empfehle jenen, die es mir gleichtun wollen, vier Neuerscheinungen. Ein gutes Gechichtsbuch hat immer auch mit der Gegenwart zu tun, und die vorgestellten vier Titel spiegeln Vergangenheit und Gegenwart auf vielfache Weise wider.

Wir wissen viel zu wenig über unsere Nachbarn im Süden und sind mit Vorurteilen über die Österreicher behaftet. Eine der großen geschichtlichen Gestalten aber kennen wir alle – oder glauben sie zu kennen: Kaiserin Maria Theresia, die vier Jahrzehnte lang die Geschicke ihres Landes – und Europas – lenkte. Ganz fehlt der Bezug zu Frankreich übrigens nicht, denn die herausragende neue Biographie der Kaiserin hat eine Französin geschrieben. Leider ist das bei Zscholnay erschienene Buch in den Hintergrund des Interesses geraten, weil eine andere Biographie über Maria Theresia den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, Barbara Stollberg-Rillingers Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit, bei Beck verlegt. Ich will hier nicht beide Biographien miteinander vergleichen oder gar gegeneinander aufrechnen, wie es quer durch die deutschen Feuilletons geschehen ist. Das Buch der französischen Philosophie Élisabeth Badinter über Maria Theresia ist von einer besonderen Begeisterung für die Protagonistin getragen, die allerdings jeder Peinlichkeit entbehrt, wie so sonst oft entsteht, wenn ein Autor zu eingenommen von der Person ist, über die er schreibt (unvergessen: Emanuel Eckardts Biographie über Herbert List, die mit den Worten Was für ein Mann! beginnt). Die Autorin hat die historische Person und ihre Bedeutung erst über die Briefe der Mutter an Marie Antoinette entdeckt. Während Élisabeth Badinter die verschiedenen Rollen Maria Theresias prägnant schildert, wird die Besonderheit dieser Persönlichkeit deutlich. Es geht nicht nur darum, dass sie eine besondere Frau war. Sie war vor allem ein besonderer König (wer hier die Bezeichnung „Königin“ oder „Kaiserin“ erwartet, lese Badinter oder Kantorowicz). Nur manchmal lassen einige Formulierungen den Leser (auch die Leserin) doch schmunzeln: Dass Mutter von 16 Kindern zu sein eine Herausforderung sei, mit der kein männlicher Herrscher je konfrontiert war, ist zweifellos richtig, aber gleichwohl sehr lustig formuliert.

Ein vermeintlich bekanntes Thema hat sich der Historiker Konrad Canis in seinem Buch über die Außenpolitik Österreich-Ungarns vorgenommen. Jedem ist die Doppelmonarchie ein Begriff. Aber wer weiß wirklich, wie es zur Bildung von Österreich-Ungarn kam, einem Vielvölkerstaat, der nur ein halbes Jahrhundert existierte Konrad Canis erzählt faktenreich, wie am Beginn und am Ende dieses Staates ein verlorener Krieg stand, welche Erwägungen dazu führten, Österreich-Ungarn als Gegenentwurf zum deutschen Nationalstaat entstand. „Bedrängt“ ist ein milder Ausdruck für den Druck und Gegenwind, für Intrigen und Ränke, denen sich Österreich-Ungarn gegenüber sah, ganz gleich, ob es sich dabei um Freund oder Feind handelte. Viele Einzelheiten, etwa die Hoffnungen an eine Annäherung an Russland, das Wien gegenüber freundlicher agierte als gegenüber Berlin, werden den meisten Lesern neu sein, und Konrad Canis überrascht den Leser damit, dass er zwar quellenkundig schreibt, aber nur ganz selten ins Kleinteilige abdriftet. Schließlich liefert er, wo es um das Ende von Österreich-Ungarn geht, noch eine schlüssige Analyse des Beginns des Ersten Weltkrieges mit.

Mit dem Ende Österreich-Ungarns hatte auch die Regierungsgeschichte der Habsburger ihr Ende gefunden. Der Einfluss des Hauses und der Komponenten habsburgischer Politik auf die österreichische Gesellschaft dauerte fort. Wo frühere Gesetze die Grundlage für spätere bildeten, wie zusätzlich Habsburg-Nostalgie und Erinnerungskultur ihre Spuren in Österreich hinterließen, vor allem in der Ersten Republik zwischen 1918 und 1933, zeigt der Schweizer Historiker Carlo Moos (* 1944) in seinem Werk Habsburg post mortem. Es ist neben dem schon besprochenen Band von Konrad Canis (* 1938) ein weiterer Beleg für den großen Erkenntnisgewinn, den Forscher bereiten, die sich schon viele Jahrzehnte mit einer Epoche beschäftigen und nicht von Thema zu Thema hüpfen, um jedes Jahr ein neues Buch herauszubringen. Die Spuren der Habsburgermonarchie entdeckt Carlo Moos nicht nur in der Politik und im politischen System, sondern ebenso in Literatur, Kunst und Musik. Dabei nimmt er sich nicht nur solcher Werke an, die erst nach 1918 die Habsburgerzeit rezipieren. Erstaunlich, wie schlüssig er etwa auch Adalbert Stifters Nachsommer (1857), den Ulrich Greiner den bedeutendsten Roman der österreichischen Literatur nennt und dessen Langweiligkeit Thomas Mann enorm und faszinierend fand, relevant für die Nachwirkung Habsburgs in Österreich anführt. Und sinnigerweise weist der Autor darauf hin, dass auch in uns Deutschen Habsburgerglanz aufleuchten lassen jedes Mal, wenn wir die von Haydn komponierte deutsche Nationalhymne singen. Schließlich hat auch ein Norweger die schwedische Nationalhymne komponiert, es sind späte Rachen des kleinen Bruders.

Wer sich durch so viel historisches Material gelesen, manchmal auch gekämpft hat, der ruhe aus mit einem schönen Band, der uns 600 Jahre Wiener Gartenkunst nahebringt. Da VIERVIERTELKULT, die Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, für deren Konzeption und Schriftleitung ich stehe, sich im Sommer 2017 den Schwerpunkt Garten gesetzt hat, gibt mir Anlass, schon heute auf das Thema hinzuweisen wie auf den bei Böhlau erschienenen Band, in dem Eva Berger von wunderbaren Gärten erzählt, angefangen von den Gärten der Hofburg, besungen 1547 als Ein jrrgarten zu lust geziert, bis zum Garten der Villa Tugendhat aus den 1920er Jahren. Das Buch ist, wie sollte es bei Gartenkunst anders sein, reich bebildert. Aber es besticht auch durch schönen Text, nicht nur den von Eva Berger: Hugo von Hofmannsthals Artikel Gärten in Wien, erschienen in der Wiener Zeit vom 17. Juni 1906, ist ebenfalls abgedruckt.

Élisabeth Badinter: Maria Theresia. Die Macht der Frau. Aus dem Französichen von Horst Brühmann und Petra Willim. Paul Zscholnay Verlag, Wien 2017. 301 Seiten, 24 Euro. 978-3-552-05822-4.

Konrad Canis: Die bedrängte Großmacht. Österreich-Ungarn und das europäische Mächtesystem 1866/67-1914. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2016. 567 Seiten, 68 Euro. 978-3-506-78564-0

Carlo Moos: Habsburg post mortem. Betrachtungen zum Weiterleben der Habsburgermonarchie. Böhlau Verlag, Wien 2016. 414 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-205-20393-3.

Eva Berger: “Viel herrlich und schöne Gärten”. 600 Jahre Wiener Gartenkunst (= Österreichische Gartengeschichte). Böhlau Verlag, Wien 2016. 388 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-205-20332-2.

7. Apr 2017

Kurzkritiken bei VIERVIERTELKULT

von broemmling

13 gute Titel habe ich fürs Frühlingsheft von VIERVIERTELKULT auf die Doppelseite der Neuerscheinungen geholt. Jetzt sind die Kurzkritiken auch hier im Blog nachzulesen.

VVK-1-2017-Neuerscheinungen

6. Apr 2017

Wagner und Hitler. Kunst, Ästhetik und Geschichte. Und ein absoluter Lesetipp. Drei Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Wer immer sich mit Richard Wagner befasst, kommt an des Komponisten Antisemitismus nicht vorbei. Die Musik mag groß sein und ist es, musikalisch mag Wagner ein Genie gewesen sein und war es. Menschlich und ideologisch war er ein armer Wicht, ein gefährlicher Mensch. Dieses Jahr fahre ich wieder nach Bayreuth, und noch einmal habe ich mir Wagners Aufsatz Das Judentum in der Musik vorgenommen, kopfschüttelnd ob der erbärmlichen Argumentation. Man merkt die Absicht und ist verstimmt, hätte Hildesheimer geschrieben. Und ist es nicht ein schönes Zeichen, dass in der einzigen Ausgabe, die ich von diesem Aufsatz habe, nicht einmal mehr die Bindung halten will? Das Foto belegt den Zustand.

Meine Lektürebeobachtung am Zustand eines hässlichen Taschenbuches festzumachen, ist weder literaturwissenschaftlich noch historisch noch soziologisch sonderlich tiefschürfend. In etwa auf diesem Niveau ist die Auseinandersetzung auch die letzten 150 Jahre geführt worden, wenn es um die Frage ging, ob Wagner durch seine antisemitischen Äußerungen eigentlich Nationalsozialist war. Weder eine brüske Ablehnung dieser Folgerung noch unbedingte Zustimmung treffen der Wahrheit Kern. Hubert Kiesewetters großes Verdienst ist es, diese Lücke in Wissenschaft und Forschung mit einem verhältnismäßig schmalen Werk geschlossen zu haben. In Von Richard Wagner zu Adolf Hitler, 2015 bei Duncker & Humblot erschienen, legt er schlüssig dar, wie erst der Wagner-Clan, darunter vor allem Cosima Wagner, Houston Stewart Chamberlain, Hans Paul Frhr. von Wolzogen und Winifred Wagner, des Komponisten Antisemitismus zu einer rassistischen Ideologie weiterentwickelt hatte, die den Nationalsozialisten noch passgerechter erscheinen musste als es Wagners Gedanken ohnehin schon waren. Dabei gelingt Kiesewetter der unglaubliche Spagat, Wagner nicht zu verurteilen, ihn aber moralisch auch nicht freizusprechen. Viel bemerkenswerter ist allerdings eine weitere Bemerkung Kiesewetters. Vehement lehnt er alle „Was wäre wenn“-Spiele ab, die Wagners Lebenszeit ins „Dritte Reich“ hineinphantasieren, und kommt zu dem Schluss: Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, dass wir trotz unüberschaubarer Publikationen von dem übelsten Teil der deutschen Geschichte wohl auch in tausend Jahren nicht loszukommen vermögen, selbst wenn dringende politische Probleme zu analysieren sowie zu lösen sind. Denn es gibt ja wirklich bedeutendere Persönlichkeiten sowohl der Kunst als der Politik, denen wir nachahmen könnten. Diese Mahnung ist so dringend nötig wie vergebens. Dass Kiesewetter mit seinem Buch dem unüberschaubaren Berg eine weitere Publikation hinzugefügt hat, ist entschuldbar: Wenn ein Band zu diesem Thema in den letzten Jahren erhellend war, dann dieser.

Ganz so einfach ist es natürlich auch nicht. Schließlich soll sich die Wissenschaft inklusive ihrer Publikationen mit der Realität befassen, und eine Faszination an Nazithemen ist bis heute nicht zu leugnen, geäußert von Antifaschisten genauso wie von Neonazis und vielen Menschen dazwischen. Prinz Harry kommt im Nazikostüm zur Party, und ein Pony trägt auf einem Plakat eine Hakenkreuzbinde mit dem verniedlichenden Titel „Ein Volk, ein Reich, ein Pony“. Jeleny Jazo hat in einer gerade erschienenen von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Dissertation über Postnazismus und Populärkultur hunderte solcher Beispiele vom Nachleben faschistischer und faschistoider Ästhetik gefunden. Dabei geht es der Autorin nicht um bloßes Aufzählen. Sie fordert Konsequenzen für die Medienpädagogik.

Kiesewetter und Jazo entlarven jeweils auf eigene Weise den verharmlosenden Umgang der Nachwelt – und das meint jeden Einzelnen von uns – mit dem Thema Nationalsozialismus. Beide Bücher lohnen die Lektüre, wenn man tiefer in das Thema einzutauchen bereit ist. Um sich die Absurdität der Ereignisse damals vor Augen zu führen, sollte jedoch jeder, ob bereit oder nicht, das kleine Bändchen Adressat unbekannt von Kathrine Kressmann Taylor lesen. Über die Autorin, die diesen Briefroman 1938 geschrieben hat, ist fast nichts bekannt. Einige Originalbriefe liegen dem als Address Unknown veröffentlichten Text zugrunde. Der Rest ist Dichtung. Oder man sollte besser sagen: Verdichtung. Kressmann Taylor macht den Leser sprachlos. Mehr kann man nicht sagen. Und mehr darf man nicht verraten. Außer dass dieses Buch jeder lesen muss. Dass Elke Heidenreich das Buch empfiehlt, soll niemanden verstören, das Buch ist wirklich gut, und in diesem Fall gebührt auch Elke Heidenreich großer Dank dafür, dass sie das Buch weiter bekannt macht. In diesem Fall kann man nur lesen und weitergeben, weitersagen, weiterschenken. Adressat unbekannt wird man jedenfalls nicht mehr vergessen.

Hubert Kiesewetter: Von Richard Wagner zu Adolf Hitler. Varianten einer rassistischen Ideologie. (= Zeitgeschichtliche Forschungen 47). Duncker & Humblot Gmbh, Berlin 2015. 259 Seiten, 38 Euro. 978-3-428-14543-0.

Jelena Jazo: Postnazismus und Populärkultur. Daas Nachleben faschistoider Ästhetik in Bildern der Gegenwart (= Transcript Image). Die Promotion wurde gefördert von der Hans Böckler Stiftung. Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 279 Seiten, 34,99 Euro. 978-3-8376-3752-6.

Kathrine Kressmann Taylor: Adressat unbekannt. Aus dem Amerikanischen von Dorothee Böhm. Mit einem Nachwort von Elke Heidenreich. Atlantik Taschenbuch bei Hoffmann und Campe, Hamburg 7. Auflage 2017. 76 Seiten, 9 Euro. 978-3-455-65013-6.

2. Apr 2017

Thema des Monats: Tiere und mehr im Kalten Krieg. Fünf Kurzkritiken

von broemmling

Ausgelesen! Der Kalte Krieg dauerte 44 Jahre, und vermutlich wird die öffentliche Faszination an Themen des Kalten Krieges 444 Jahre andauern. In letzter Zeit häuften sich die Neuerscheinungen, die sich mit Sonderfragen der Ost-West-Beziehungen befassten. Die Wesen, Mittel und Werkzeuge, die im Kalten Krieg als Waffen dienten, konnten dabei unterschiedlicher nicht sein. Sie reichen von Tieren über Radiosendungen und Buchhandlungen bis hin zu Grenzübergängen.

Wer zwischen 30 und 60 Jahre alt und in Berlin großgeworden ist, erinnert sich an Besuche im Zoologischen Garten oder im Tierpark – und zwar entweder ans eine oder ans andere. Denn die Stadt war geteilt, und die Berliner des Westteils besuchten den Zoo, die Ostberliner den Tierpark. Ähnlich geteilt bekannt bei jeweils nur einer Hälfte der Berliner waren die beiden Zoodirektoren: Wer aus dem Osten kommt, dem fällt sofort Prof. Dr. Dr. Dathe ein, der Westberliner kennt Prof. Heinz-Georg Klös. An der Ungleichheit dieser beiden Direktoren hängt Jan Mohnhaupt sein Buch über die Entwicklungen der beiden Berliner Zoos auf und hat viele Einzelheiten aus der Geschichte nicht nur der Berliner Tiergärten zusammengetragen. Tuffi, der Elefant, der aus der Wuppertaler Schwebebahn in die Wupper stürzte, spielt ebenso eine Rolle wie Moby Dick, der Wal, der rheinaufwärts bis nach Bonn geschwommen war. So interessant die einzelnen Geschichten sind, so sehr hat der Autor doch Mühe, die Fäden wieder zusammenzubringen. Jedenfalls kehrt er mäandernd immer wieder zum Ausgangspunkt zurück, was nicht weiter störte, wenn er nicht immer von Neuem das eine gleiche Faktum unterstreichen würde: Dass die beiden Direktoren so unterschiedlichen Charakters waren. Zuweilen scheint er es auch dem schlichtesten Leser noch einmal erklären zu wollen. An einer Stelle, als er von der Konkurrenz zwischen Heinz-Georg Klös und seinem Mitarbeiter Wolfgang Gewalt erzählt und Gewalt mit den Worten zitiert „Na, det hab ick mit dem blonden Heinz so abjemacht“, erläutert er tatsächlich noch einmal: „Mit dem blonden Heinz meinte er seinen Chef Heinz-Georg Klös.” Und mäandert weiter. Aber für die West- und Ostberliner ist das Buch dennoch eine schöne Erinnerung an die Kindheit, an Zoobesuche und eine interessante Analyse des Wettbewerbs zweier ungleicher Zoos, von dem man auch als Kind durchaus etwas mitbekommen hat. Vielleicht leidet das Buch vor allem unter seinem Titel. Der Zoo der Anderen mit dem elendig langen Untertitel Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete verspricht reißerischeren Inhalt als ihn der Autor dann liefern kann. Politische Tiere hätte als Titel völlig genügt.

Einen theoretischen Unterbau zur Rolle von Tieren als Instrument der Außenbeziehungen findet man bei Mohnhaupt nicht, allerdings ist ein solcher auch keineswegs versprochen. Ein neuer Sammelband bei Böhlau füllt diese Wissenslücke mehr als aus. Da geht es nicht nur um Tiere, sondern um alle möglichen Medien der Außenbeziehungen – und dies nicht nur im Kalten Krieg: Die Beiträge behandeln Einzelaspekte auch aus der Antike und der frühen Neuzeit. Zu solchen Medien der Außenbeziehungen gehört nicht nur Schrifttum von der Geheimdepesche bis zur Boulevardzeitung, wie Frederike Schotters in einem Aufsatz zu den französisch-russischen Beziehungen in Mitterands ersten Jahren als Staatspräsident zeigt. Medien transportieren Informationen, sie können sie speichern, sie können sie aber auch in ihrer Aussage und Botschaft verändern. Ganz gleich aber, welche Medien eingesetzt werden: Es geht immer auch um die Einhaltung der Etikette, und Höflichkeit und Achtung dürften für gute Außenbeziehungen Grundvoraussetzungen sein. Wenn wir noch einmal zu Mohnhaupts politischen Tieren zurückkehren: Robert Kennedy machte Willy Brandt 1962 einen altersschwachen Weißkopfseeadler mit verhornten Klauen zum Geschenk (der zu allem Überfluss auch noch auf den Namen “Willy Brandt” getauft wurde), und Heinrich Lübke brachte aus Afrika in der Hoffnung auf Zuchterfolge einen kastrierten Leoparden mit. So viel Unhöflichkeit hätten sich vermutlich Staaten des Ostblocks gegenüber ihren Feinden kaum getraut.

Als wie in der DDR üblich auch Tierparkdirektor Heinrich Dathe gegenüber dem Lehrer seines Sohnes schriftlich zusagen soll, keine Westmedien zu hören, weigert er sich erfolgreich – und die anderen Eltern der Klasse schließen sich ebenso erfolgreich dieser Weigerung an. Solche offenen Weigerungen waren die Ausnahme. Wie verbreitet dennoch der unerlaubte Konsum der Westmedien in der DDR war – erstaunlicherweise ein selten in wissenschaftlicher Tiefe betrachtetes Phänomen – zeigt Franziska Kuschel. Im Vergleich zu ihren Bruderländern des Warschauer Paktes hatte es die DDR besonders schwer, westlichen Einfluss zu begrenzen oder auch nur zu kontrollieren: Schließlich empfingen die Menschen in Ostdeutschland den Feindsender RIAS und andere westliche Programme in ihrer Muttersprache. Der Leser erfährt von Hürden bei der gegenseitigen Beeinflussung (denn natürlich ging es immer auch um die BRD und die Ostmedien), die heute vergessen sind, etwa die Folgen unterschiedlicher Farbfernsehsysteme, PAL im Westen, SECAM im Osten, für den Konsum der Programme des Nachbarlandes. Ob Aussortieren von Westaltpapier durch Mitarbeiter des VEB Altstoffhandel für Bekannte, ob gestohlene Bücher bei der Leipziger Buchmesse: Die Autorin hält eine Fülle von Informationen bereit und beschränkt ihre Darstellung doch auf lesbare 300 Seiten.

Ein besonderes Interesse am Thema muss da schon der Leser von Uwe Sonnenbergs Darstellung des linken Buchhandels in der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er Jahren gepackt haben, will er das Buch ganz durchlesen. Von ersten Organisationsfragen der „Revolutionären Literaturproduktion“, von der Gründung erster linker Buchhandlungen, von Gegenbuchmessen und dem VLaB, dem Verzeichnis lieferbarer alternativer Bücher zeichnet der Autor kenntnisreich und ausführlich eine Landschaft nach, die es heute nicht mehr gibt. Immer wieder ertappt sich der Leser dabei, dass er sich auch für die Gegenwart ein bisschen mehr Gegenöffentlichkeit wünscht in einer Zeit, in der auch die ZEIT keine Position mehr bezieht, sondern Themen jeweils durch einen Gegner und einen Befürworter kommentieren lässt.

Bildlich gesprochen schien im Kalten Krieg der Eiserne Vorhang das beste Bild für die Grenze der Ideologien. Jan Mohnhaupt berichtet von der Republikflucht eines Tierparkwärters im Transportkäfig einer Elchkuh. Jeder Westdeutsche, jeder Westberliner kann sich an unzählige Momente an den Grenzübergängen bei der Einreise in oder der Durchreise durch die DDR erinnern. Wie die Grenzübergangsstellen aber konstruiert waren, wie der Alltag der Grenzpolizisten aussah, welche wirtschaftliche Bedeutung diesen Kontrollpunkten zukam und unter welchen Bedingungen die Menschen in den Sperrgebieten lebten, ist weitgehend unbekannt. Am Beispiel des Grenzübergangs Helmstedt-Marienborn bringt ein informatives Buch der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt Licht ins Dunkel. Die Lektüre Lesevergnügen zu nennen, mag der historischen Dimension und dem vielfältigen menschlichen Leid nicht gerecht werden, das dieser Aspekt der deutschen Teilung für viele bedeutete. Und doch bereiten einem die zehn versammelten Beiträge kurzweilige Lektüre.

Jan Mohnhaupt: Der Zoo der Anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete. Carl Hanser Verlag, München 2017. 300 Seiten, 20 Euro. 978-3-446-25504-3.

Peter Hoeres | Anuschka Tischer (Hg.): Medien der Außenbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart. Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein und der Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf. Böhlau Verlag, Köln 2017. 519 Seiten, 80 Euro. 978-3-412-50709-1.

Franziska Kuschel: Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser. Die DDR und die Westmedien (= Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert Band 6). Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 328 Seiten, 34,90 Euro. 978-3-8353-1789-5.

Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren (= Geschichte der Gegenwart Band 11). Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 568 Seiten, 44 Euro. 978-3-8353-1816-8.

“Mit den Autos kommt die Ideologie”. Der Grenzübergang Helmstedt-Marienborn im Kontext der Teilung Deutschlands und Europas (= Wissenschaftliche Reihe der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt Band 3). Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2016. 159 Seiten, 14,95 Euro. 978-3-95462-548-2.