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10. Okt 2017

Elf neue Kurzbesprechungen in der Doppel-DHIVA Sommer/Herbst 2017

von broemmling

Gerade erschienen ist die Doppelnummer der DHIVA – Zeitschrift für Frauen, Sexualität und Gesundheit mit einer Doppelseite meiner Kurzbesprechungen. Es geht um Hexen, Huren und Diseusen einerseits und – weiter unten im Blog – um den Umgang mit Sexualitäten andererseits.

DHIVA 2017 2-3

Den ganzen Text gibt es auch hier:

Anderssein verunsichert

Von Hexen, Huren und Diseusen

Anderssein verunsichert. Vor allem jene, die sich dem Normalen zugehörig fühlen. Alle, die anders sind, bedeuten Machtverlust für die Mächtigen: Wer nicht so tickt wie sie, lässt sich schwerer lenken und berechnen. Anderssein macht neidisch. Warum dürfen andere aus einem gesellschaftlichen Wertekanon ausbrechen? Aber bei aller Verunsicherung und allem Neid geht vom Anderssein eine große Faszination aus, die bis heute anhält. Geister, Hexen, Huren und Diseusen – was nicht in die bürgerliche Welt passt, steht schnell am Rande der Gesellschaft. Aber es gibt eine hoffnungsvolle Entwicklung.

Der Verlag für Regionalgeschichte gibt eine feine Reihe zur Hexenforschung heraus, und ein Band macht sprachloser als der andere, wenn er aus immer neuer Perspektive die Mechanismen der Ausgrenzung aufzeigt, die nicht nur im Mittelalter funktionierten. Auch große Geister von der Aufklärung bis zur Weimarer Klassik haben zu solchen irrationalen Prozessen geschwiegen, legt Wolfgang Behringer in einem aufschlussreichen Aufsatz nahe. Goethe fand das Hexenthema für seinen Faust brauchbar. Stellung bezogen gegen Hexenhinrichtungen, die es selbst zu seiner Zeit noch gab, hat er nicht.

Als man unerklärliche Ereignisse nicht mehr auf den Teufel schieben wollte, entstand in Deutschland im 19. Jahrhundert ein absurder Glaube an Tote oder besser Untote, die selbst ins Schicksal eingriffen oder sich anderer dafür bedienten. Auch schlaue Köpfe verfielen diesem Geisterglauben. Wie die tote Mutter des Darmstädter Landgrafen Ludwig IX. einen armen Mann zum Leibarzt ihres Sohnes macht (der Landgraf glaubt das Märchen, sie sei dem Mann erschienen mit den Worten, er sei zu des Landgrafen Leibarzt bestimmt), ist nur eine von vielen phantastischen Geschichten, die Diethard Sawicki erzählt.

Nach dem Ersten Weltkrieg waren Hexen wie Geister aus der Mode gekommen; man wollte sich amüsieren, und schillernde Gestalten schienen der Freude durchaus zuträglich zu sein. Sandra Danielczyk zeigt uns, wie Diseusen in der Weimarer Republik das Anderssein als Image pflegten, wie sie konsequent an ihrer Rolle arbeiteten und – sei es als mondäne Lebedame, sei es als armes Mädchen aus der Vorstadt – die besondere Position in der Gesellschaft als Vorteil vermittelten.

Auch die Hurenbewegung, die Almuth Waldenberger in ihrer Untersuchung ebenfalls nach dem Ersten Weltkrieg beginnen lässt, hat mit ihrem selbstbewussten Auftreten gezeigt, dass man als handelndes Subjekt stärker ist als ein Objekt, das sich von der Allgemeinheit an den Rand drängen lässt. Dass Sexarbeiter heute nicht mehr per se als Outlaw der Gesellschaft betrachtet werden, sondern eigene Rechte einfordern, hat auch Alice Schwarzer mit ihrem Kampf gegen die Prostitution nicht verhindern können. Die Hurenbewegung macht Hoffnung, dass sich unsere Gesellschaft durchaus nach vorne bewegt.

Das ändert nichts daran, dass es himmelschreiendes Unrecht bis heute gibt, etwa gegen so genannte Kinderhexen in Afrika und Asien, ein unbekanntes Aktionsfeld der UNO, von dem wir im jüngsten Band  der schon erwähnten Hexenreihe lesen.

Wolfgang Behringer | Sönke Lorenz | Dieter R. Bauer (Hg.): Späte Hexenprozesse. Der Umgang der Aufklärung mit dem Irrationalen (= Hexenforschung Band 14). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2016. 978-3-89534-904-1. 429 Seiten, 29 Euro.

Diethard Sawicki: Leben mit den Toten. Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770-1900. Ferdinand Schöningh Verlag, 2., durchgesehene und um ein Nachwort ergänzte Auflage Paderborn 2016. 978-3-506-78279-3. 427 Seiten, 39,90 Euro.

Sandra Danielczyk: Diseusen in der Weimarer Republik. Imagekonstruktionen im Kabarett am Beispiel von Margo Lion und Blandine Ebinger (= transcript GfPM texte zur populären musik 9). Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 978-3-8376-3835-6. 434 Seiten, 44,99 Euro.

Almuth Waldenberger: Die Hurenbewegung. Geschichte und Debatten in Deutschland und Österreich (= Kulturwissenschaft Band 47). LIT-Verlag, Wien 2016. 978-3-643-50597-2. 337 Seiten, 29,90 Euro.

Wolfgang Behringer | Claudia Opitz-Belakhal (Hg.): Hexenkinder – Kinderbanden – Straßenkinder (= Hexenforschung Band 15). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2016. 978-3-89534-975-1. 468 Seiten, 29 Euro.

Sexualität(en): skandalumwittert oder ganz normal

Und ewig lockt – was auch immer

Geschichte hat, wo sie gut verläuft, eine Richtung: nach vorn, nach oben. Zur Sonne, zur Freiheit, wie Sozialdemokraten sagen. Manchem Phänomen indes haftet über alle Epochen hinweg etwas Anrüchiges, mindestens Geheimnisvolles an. Sexualität gehört dazu. Normal ist anders. Wobei unnormal nicht die Sexualität in allen ihren Formen ist, sondern der Umgang damit. Immer wieder berichten Neuerscheinungen über Sexskandale und über Sexualität, die mit Unmoral, Doppelmoral oder gar mit dem Tod eine Verbindung eingeht. Die Zeiten wechseln, die Aufregung bleibt die gleiche; im Mittelalter, in der Weimarer Republik, bei den 68ern.

Mit Hexenlust und Sündenfall und anderen Holzschnitten und Gemälden zum Themenfeld Der Tod und das Mädchen fängt im Mittelalter alles an. Die Frau kann Bild der Tugend sein, zu zwei Dritteln ist sie aber eine allen sieben Hauptlastern ergebene Teufelin. Geht es um die Darstellung von Sexualität und Verführung, treffen wir fast immer auf weibliche Gestalten. Das zeigt Kathrin Baumstark fürs Spätmittelalter, das ist kaum anderer Tenor in Barbara Martins Darstellung der Frau in der französischen Plakatkunst des 19. Jahrhunderts zwischen Verklärung und Verführung. Und ewig lockt das Weib erfährt im Kopf doch in jeder Epoche den Zusatz: ins Verderben.

Das ist auch im Umgang der Medien im Deutschen Kaiserreich mit allem Nackten und Sexuellen der Fall. Fürs schmutzige Sexuelle, zeigt Christina Templin, machte man Frauen verantwortlich; exemplarisch sei der Journalist Armin Kausen genannt, der 1906 den Münchener Männerverein zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit gründete. Heidi Sack belegt die gleichen Denkmuster für die Weimarer Republik. Als im Juni 1927 die „Steglitzer Schülertragödie“ mit dem Selbstmord eines Schülers endet, sieht die öffentliche Meinung die Schuld bei einer Frau – und schon die unter Pseudonym schreibende Helene Keßler nahm in ihrem Roman Nixchen 1899 diese Denkschablone einer sexhungrigen Frau, die Männer skrupellos missbraucht, zur Vorlage.

Sogar auf die 68er wendet man diesen Blickwinkel an; zumindest waren es hier nach Karla Verlindens Untersuchung nicht mehr nur die Männer, die die Frauen zum Sex zwangen; sie findet auch umgekehrte Fälle. Frei vom Mythos als Machtinstrument war Sexualität also auch vor 50 Jahren noch nicht.

Dass wir vielleicht irgendwann einen Schritt weiter sein werden auf dem Weg nach vorne, nach oben, dazu gibt das Jahrbuch Sexualitäten Hoffnung. Der zweite Band der Initiative Queer Nations (IQN) wirft einen erfreulich unbefangenen Blick auf Sexualitäten. Nicht alles wird jeder Leserin gefallen, etwa wenn Patsy l’Amour LaLove den queeren Politikformen eine Mischung aus Stalinismus und überformter Religiosität attestiert. Spannend und klug sind die Beiträge allemal, ob zu queeren Fluchten, zu Gewalt, Weiblichkeit und Sexualität oder zu schwulen Lehrern. Ob es dann „cool“ sein muss, wenn der Lehrer schwul ist, sei dahingestellt: Da wären wir wieder beim Aufreger jenseits des Normalen, über den wir doch schon lange den Kopf schütteln.

Kathrin Baumstark: “Der Tod und das Mädchen”. Erotik, Sexualität und Sterben im deutschsprachigen Raum zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit. LIT-Verlag, Berlin 2015. 204 Seiten, 29,90 Euro. 978-3-643-13182-9.

Barbara Martin: Zwischen Verklärung und Verführung. Die Frau in der französischen Plakatkunst des späten 19. Jahrhunderts. Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 446 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-3077-0.

Christina Templin: Medialer Schmutz. Eine Skandalgeschichte des Nackten und Sexuellen im Deutschen Kaiserreich 1890-1914. Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 376 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-3543-0.

Heidi Sack: Moderne Jugend vor Gericht. Sensationsprozesse, “Sexualtragödien” und die Krise der Jugend in der Weimarer Republik. Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 486 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-3690-1.

Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den “68ern”. Erinnerungen ehemaliger Protagonisten und Protagonistinnen. Transcript Verlag, Bielefeld 2015. 465 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-2974-3.

Maria Borowski | Jan Feddersen | Benno Gammel | Rainer Nicolaysen | Christian Schmelzer (Hg.): Jahrbuch Sexualitäten 2017. Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 247 Seiten, 34,90 Euro. 978-3-8353-3093-1.

24. Sep 2017

Kurzkritik Nichts wie weg! Sechs Bücher vom oder übers Reisen

von broemmling

Ausgelesen! Wenn nun die Rechten in den Deutschen Bundestag einziehen, mag mancher angewidert das Weite suchen. Reiseliteratur gehört zu den schönsten Medikamenten, um die Sehnsucht nach der Ferne schon vorab zu stillen und um auf andere Gedanken zu kommen. Sechs teils ganz frisch erschienene Titel habe ich in den letzten Tagen gelesen, um meine persönliche Sehnsucht zu stillen. Eine Aufsatzsammlung ist dabei, ein theoretisches Metabuch quasi, und fünf Titel, die in ganz unterschiedliche Richtungen führen: die Donau hinunter, von Aleppo nach Paris, nach Brasilien, ins alte Rom und in die Utopie.

Um Reiseliteratur der Moderne und Postmoderne geht es in einem Sammelband, den die Literaturwissenschaftler Michaela Holdenried, Alexander Honold und Stefan Hermes im Erich Schmidt Verlag herausgegeben haben. Geordnet nach Beiträgen zu Reiseformen, Textformen und Reisezielen entsteht das ganze Kaleidoskop des Reisens und der Reiseberichte vor dem Auge des Lesers. Auch für Weitgereiste und Vielbelesene hält die Textsammlung neue Erkenntnisse parat. Spannend etwa erklärt die Freiburger Germanistin Weertje Wilms, wie unterschiedlich über das neue Russland, die neue Sowjetunion berichtet wurde und wie sich die Reisetexte darüber recht klar in vier Epochen einteilen lassen. Und auch nahe Ziele erfahren differenzierte Betrachtung: Stefan Hermes zeigt konkurrierende Brandenburg-Bilder und platziert Wolfgang Herrndorfers Tschick zwischen Feridun Zaimoglus German Amok und Jürgen Beckers Geschichte der Trennungen, zwischen Brandenburg-Verachtung und Brandenburg-Verklärung. Brandenburg kann Rückzugsort sein, wenn auch einer mit Schattenseiten.

Der einzige Reisebericht der Postmoderne, der hier als eigener Titel präsentiert wird, ist zugleich der druckfrischste. Im vergangenen Monat erschien Nick Thorpes Die Donau. Angefangen von der Mündung im Schwarzen Meer, schreibt sich der englische Journalist und Filmemacher vor bis an die Mündung im Schwarzwald. Thorpe kennt die Donau gut von seinem heutigen Wohnort: Er lebt in Budapest. Keine Stadt liegt so prächtig an der Donau wie die Doppelstadt Buda und Pest, Bratislava vielleicht, Wien sicher nicht, zu weit ab fließt sie an der Innenstadt vorbei. Thorpes Reise gegen den Strom liest sich so außergewöhnlich, weil die Donau vor allem Wegbereiterin ist, auch wenn sie dem Autor auf seiner Reise ständig entgegenströmt: Sicher bringt sie ihm zu ungezählten Gesprächspartnern, die mit ihren kleinen und großen Geschichten Aufschluss geben über Gesellschaften im Umbruch, über Schicksale quer durch Europa, gleich, ob wir sie auf einer Polizeiwache in Österreich treffen oder bei Protesten gegen ein Staudammprojekt in Ungarn.

Weiter führt uns der Weg, weg aus Europa. Auch zu Reiseberichten aus Brasilien findet sich im Sammelband über Reiseliteratur ein Beitrag. Jobst Welge, Romanist an der Uni Eichstätt-Ingolstadt, beschreibt dort, wie sich die landesinterne Heterogenität in einem Pluralismus des Kulturbegriffs Bahn bricht, und zeigt dies an Texten über Reisen nach, in und aus Brasilien. Aber eine wunderbare Reise ist nicht unter den beschriebenen, weil sie zu früh, eben noch vor der Moderne stattfand: Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied reiste in den Jahren 1815 bis 1817 nach Brasilien. Sein Bericht ist bei der Anderen Bibliothek 200 Jahre später wieder erschienen, prachtvoll aufbereitet, wie man es auch von den großen Foliobänden der Anderen Bibliothek gewohnt ist. Wenn wir an frühe große Wissenschaftsexkursionen nach Lateinamerika denken, fällt uns zuerst und vor allem Alexander von Humboldt ein. Das größte Land Südamerikas aber hat er nicht bereist, das holte Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied dann kurze Zeit später nach, angeregt durch die humboldtschen Reiseberichte. In der wunderbaren neuen Ausgabe finden wir neben dem Originaltext der Reise von Rio de Janeiro die Küste nordwärts bis nach Salvador de Bahia nebst der Erkundung des Landesinneren alle Grafiken des Prinzen. Der Autor schreibt über Fauna und Flora, aber auch über die Lebensweise der von der Zivilisation bis dahin oft unberührten Urwaldbewohner des Amazonas. An vielen Stellen aber waren die Europäer zuvor schon gewesen; der Prinz schreibt über Villen, die von Jesuiten hundert Jahre zuvor verlassen wurden, und seine Hinweise auf Exponate in europäischen Museen lesen sich fast wie eine Beuteliste ethnologischer Museen; bei der Eröffnung des Humboldt-Forums in der Mitte Berlins wird man sich auch an Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied und seinen aufschlussreichen Bericht aus Brasilien erinnern.

Immerhin gibt es viele Exponate noch, immerhin ist hier dem kulturellen Gedächtnis eine dauernde Gedächtnisstütze gesichert. An manche Orte der Welt erinnert bald nur noch die Literatur. Palmyra ist zerstört, und auch Aleppo werden wir nie wieder so erleben, wie wir es aus einem Reisebericht des zwanzigjährigen Hanna Diyāb kennenlernen, der 1707 in Aleppo den Franzosen Paul Lucas trifft und mit ihm über Zypern, Ägypten, libyen und Tunesien nach Paris reist. Es ist übrigens derselbe Hanna Diyāb, dem wir die Märchen Ali Baba und die 40 Räuber und Aladdin und die Wunderlampe verdanken. Der kurzweilige Reisebericht, der im vergangenen Jahr in der Anderen Bibliothek erschien, wurde erst 1993 im Vatikan wiederentdeckt.

Wer einmal im wunderbaren Hessischen Landesmuseum Darmstadt war wie ich im Juni 2015, wird eine Besonderheit nicht vergessen: Darmstadt verfügt über die umfassendste Sammlung an Korkmodellen des Phelloplastikers Antonio Chichi (1743-1816), einen annähernd großen Schatz dieser Modelle können nur noch Kassel und Gotha vorweisen. Die Korkmodelle antiker Bauten Roms brachten Italienreisende mit nach Deutschland, zum einen um stolz von den Sehenswürdigkeiten Roms zu künden, zum anderen, um Architekten in der Heimat Anleitung zum Verständnis klassischen Bauens zu geben. Schloss Friedenstein in Gotha hat nun seine Sammlung an Korkmodellen wieder von neuem der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und dafür einen umfangreichen Katalog mit Begleittexten zur Entstehung der Korkmodelle und zu den Motiven ihres Erwerbs vor über 200 Jahren erstellt. So macht der Leser mit dem neuen Buch aus dem Morio Verlag eine doppelte Reise in die Vergangenheit: mit den Modellen ins alte Rom und mit ihrem Schöpfer an die Wende vom 18. Zum 19. Jahrhundert ins kleine Herzogtum von Sachsen-Gotha-Altenburg.

Und die Reise in die Utopie? Es ist die mit Abstand bekannteste Utopie der Kulturgeschichte – wenn wir Atlantis einmal außen vor lassen. Thomas Morus schrieb sein Utopia vor knapp 500 Jahren. Im Georg Olms Verlag ist nun der Nachdruck der Basler Ausgabe von 1518 erschienen. Für alle, die Schwierigkeiten mit dem lateinischen Original haben (das trifft trotz acht Schuljahren Latein auch für mich zu), ist der zweite Band gedacht, der neben einem erläuternden Essay auch eine gute Übersetzung enthält. Und da wird der Sehnsuchtsreisende fündig und kehrt, obwohl er doch ganz weit weg, nach Utopia, wollte, schnell wieder in die Realität zurück: „Wer nämlich der Ansicht ist, die Armut des Volkes gewährleiste Sicherheit, irrt ganz erheblich“, heißt es bei Thomas Morus, und er führt als vorbildlich das Beispiel der Makarenser an, die nahe bei Utopia wohnen und deren König nie mehr besitzen darf als tausend Pfund Gold. Und wer in Utopia von der Arbeit befreit ist, setzt sich freiwillig für die Belange des Gemeinwesens ein. Wer weiß, ob nicht, wenn auch hierzulande Reichtum begrenzt wäre und freiwilliges Engagement als selbstverständlich erachtet würde, weniger Wähler den rechten Rattenfängern auf den Leim gegangen wären.

Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied: Reise nach Brasilien in den Jahren 1815 bis 1817. Mit den vollständigen Illustrationen aus den Originalbänden und einem Nachwort von Matthias Glaubrecht. Die Andere Bibliothek, Berlin 2015. 99 Euro. 978-3-8477-0017-3.

Von Aleppo bis Paris. Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Unter Berücksichtigung der arabischen Handschrift aus der französischen Übertragung übersetzt von gennaro Ghirardelli – und von diesem mit einem Vorwort versehen (= Die Andere Bibliothek Band 378). Die Andere Bibliothek, Berlin 2016. 491 Seiten, 42 Euro. 978-3-8477-0378-5.

Martin Eberle: Monumente der Sehnsucht. Die Sammlung Korkmodelle auf Schloss Friedenstein Gotha. Morio Verlag, Heidelberg 2017. 120 Seiten, 24,95 Euro.978-3-945424-25-4.

Nick Thorpe: Die Donau. Eine Reise gegen den Strom. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Paul Zscholnay Verlag, Wien 2017. 382 Seiten, 26 Euro. 978-3-552-05861-3.

Thomas Morus: Utopia. Reprint. Hg. von Joachim Starbatty. Mit einleitenden Essays von Otfried Höffe und Joachim Starbatty und der Übersetzung von Klaus J. Heinisch. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2016. Reprint+172 Seiten,  98 Euro. 978-3-487-15361-2.

Michaela Holdenried | Alexander Honold | Stefan Hermes (Hg.): Reiseliteratur der Moderne und Postmoderne. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2017. 682 Seiten, 59,95 Euro. 978-3-503-17129-3.

17. Sep 2017

Kurzkritik Brömmel u. a.: “Populismus und Extremismus in Europa”

von broemmling

Ausgelesen! Ein passendes Update zur Bundestagswahl nächsten Sonntag liefert der frisch erschienene Sammelband aus dem Transcript Verlag zu Populismus und Extremismus in Europa. Update nicht etwa, weil die acht Beiträge tagesaktuell wären. Sie liefern vielmehr gut lesbare Analysen der Ursachen für das Erstarken der extremistischen Parteien in Deutschland und seinen Nachbarländern. Vieles, was zunächst eine Binsenwahrheit zu sein scheint (Franz Decker: “Klassische Vermittlungsinstanzen wie Parlamente oder Parteien treten in der Bedeutung zurück”), hilft beim Verständnis für das Aufkommen von AfD, Pegida und anderen Phänomenen. Entlarvend, dass sich die Bewegungen und Parteien der neuen Rechten eben nicht auf die abendländischen Werte stützen, sondern auf deutschnationales Gedankengut, das historisch immer einem abendländischen europäischen Denken entgegenlief. Bemerkenswert, wie differenziert die einzelnen Strömungen beschrieben sind: Pegida in Dresden war anfangs bei weitem nicht so fremdenfeindlich wie seine bald folgenden Ableger in anderen Städten. Und beruhigend, dass sich die neuen Populisten nicht auf den Common Sense stützen können, sondern “einen halbierten Commen Sense praktizieren”, wie die Herausgeber erläutern. Allerdings nicht beruhigend genug, als dass man sich nicht nach der Analyse noch fester dazu entschlossen sieht, den Verdummungsaktivitäten der Neuen Rechten engagiert entgegenzutreten und dabei die Ursachen für deren Erfolg (die Verdummungsaktivitäten der etablierten Parteien) ebenso zu bekämpfen. Und eines offenbart sich in allen Beiträgen unmissverständlich: Der gefährliche populistische Extremismus, den wir in Südamerika auch von links kennen, kommt in Europa vor allen Dingen weiterhin von rechts. Ein wirklich lesenswertes Update vor (und ich fürchte: auch nach) der Bundestagswahl.

Winfried Brömmel | Helmut König | Manfred Sicking (Hg.): Populismus und Extremismus in Europa. Gesellschaftswissenschaftliche und sozialpsychologiesche Perspektiven (= Europäische Horizonte). Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 184 Seiten, 19,99 Euro. ISBN 978-3-8376-3838-7.

16. Sep 2017

Kurzkritik Gerhard Jäger: “Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod”

von broemmling
Ausgelesen! Gerhard Jägers Roman ist Literatur vom Feinsten. Ungewohnt, großartig, fast genial formuliert er Kapitel für Kapitel und lässt vor dem Auge des Lesers ein Bergdorf entstehen, das aus der Zeit gefallen scheint. Der Historiker Max Schreiber kommt im Winter des Jahres 1950 in dieses Tiroler Dorf, um einem Verbrechen nachzuspüren, das dort viele Jahrzehnte zuvor geschehen ist. Der Anlass seines Besuches scheint vorgeschoben, denn Max Schreiber ist auf der Flucht vor sich selbst, vor misslichen Wendungen seines Lebens. Wiederum Jahrzehnte später macht sich der Erzähler auf den Weg über den Atlantik in seine Heimat Tirol, um wiederum einem Verbrechen nachzuspüren, das diesmal mit Max Schreiber selbst zusammenhängt. Auch des Erzählers Reise ist eine Flucht. Abgesehen davon, dass der Roman sich über alle 400 Seiten gut liest, er wahres Lesevergnügen bereitet, ist die Rahmenhandlung überflüssig. Das wird dem Autor nicht gefallen, scheint er doch viel Mühe auf die Komposition von Rahmenhandlung und Binnenerzählung gelegt zu haben, aber die Binnenerzählung selbst ist so viel wortgewaltiger und eindrucksvoller als die Rahmenhandlung, dass der Roman noch um einiges gewonnen hätte, hätte er sich auf die Ereignisse im Winter 1950 beschränkt. Und da geht es um Schnee, Feuer, Schuld und Tod. Eine absolute Leseempfehlung!

Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod. Roman. Karl Blessing Verlag, München 2016.400 Seiten, 22,99 €. ISBN 978-3-88667-571-2.

6. Sep 2017

Kurzkritik Márquez: “Chronik eines angekündigten Todes”

von broemmling

Ausgelesen! Einmal im Lesefluss aus Hundert Jahren Einsamkeit, las sich Gabriel García Márquez’ Chronik eines angekündigten Todes in einem Zug. Waren Hundert Jahre Einsamkeit kaum ein Roman als vielmehr ein Epos, ist die Chronik kaum ein Roman, sondern Erzählung oder gar Novelle, so dicht ist der Bericht von der Ermordung Santiago Nasars. Der Autor tritt wieder einmal selbst auf, diesmal namentlich als Ich-Erzähler, aber noch viel mehr vermisst man nach der Lektüre die ganze Gesellschaft mit so wunderbaren Namen wie Bayardo Sn Román, Suseme Abdala, Escolátisca Cisneros oder Próspera Aranga. Das Bild ist die Illustration nicht zum angekündigten Tod, sondern zum Motiv für den Ehrenmord, als der er klassifiziert wird – besser gesagt: Hätte es so ausgesehen, hätte es keinen Mord gegeben. Aber da war kein Blut in der Hochzeitsnacht … Doch am besten lese man selbst …

Gabriel García Márquez: Chronik eines angekündigten Todes. Roman. Aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1981. 149 Seiten. ISBN 3-462-01472-2.
5. Sep 2017

Kurzkritik Márquez: “Hundert Jahre Einsamkeit”

von broemmling

Ausgelesen! Hundert Jahre Einsamkeit ist Gabriel García Márquez’ erstes Werk, das ich gelesen habe, und dann solltenes gleich ein so großes werden. Aber für drei Wochen Mexiko war der wohl berühmteste Roman des kolumbianischen Nobelpreisträgers, der die meiste Zeit seines Lebens in Mexiko gelebt hat und hier auch starb, genau die richtige Wahl. Auch persönlich ein passendes Buch, in dem es doch darum geht, wie sich Familiengeschichte immer von neuem wiederholt, ohne nachlassende Energie, wo die Entwicklung nie aufhört aufzuhören. Einsamkeit als zentrales Motiv, gelbe Falter, vergrabene Josefstatuen und nicht zuletzt Schweineschwänze als feine Seitenmotive. Der Roman ist noch viel mehr als ein Sinnbild der Entwicklung Lateinamerikas. Dass der Autor selbst gegen Ende des Romans auftaucht, ist nur eine von hundert wunderbaren kleinen Ideen am Rande. Das Buch macht in jedem Fall Lust auf noch mehr Márquez.

Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002. 468 Seiten, 10 Euro. ISBN 3-462-03200-3.
3. Jul 2017

Kurzkritiken von Neuerscheinungen in VIERVIERTELKULT

von broemmling

Ausgelesen! Die Gutenberg-Biographie habe ich in meinem Blog bereits gesondert vorgestellt, die anderen Kurzkritiken sind nun erst nach Erscheinen des Sommerheftes von VIERVIERTELKULT nachzulesen. Wer ein paar gute Tipps für Sommerlektüre sucht, findet hier neue Anregungen:

VVK-2017-2 Neuerscheinungen

3. Jul 2017

Gartenbüchertipps aus dem Sommerheft von VIERVIERTELKULT

von broemmling

Durchgeschaut! GÄRTEN heißt das Schwerpunktthema des Sommerheftes von VIERVIERTELKULT. Für diesen Schwerpunkt habe ich wie gewohnt passende, interessante und aktuelle Literatur zum Weiterlesen zusammengestellt. Die Tipps sind auf den Serviceseiten 20-21 zusammengestellt und finden sich zum Nachlesen auch hier:

VVK-2017-2 Gartenliteratur

3. Jul 2017

Kurzkritiken von SBK-geförderten Büchern aus VIERVIERTELKULT

von broemmling

Ausgelesen! Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz hat kürzlich drei Neuerscheinungen gefördert, eine kleine Landeskunde Südniedersachsen, einen Band über die Marktkirchenbibliothek Goslar und ein wunderbares Buch über Nachkriegsmoderne im Braunschweiger Land. Meine Kurzkritiken sind im Sommerheft 2017 von VIERVIERTELKULT versammelt – und hier nachzulesen:

VVK-2017-2 Gefoerderte Medien

2. Jul 2017

Kurzkritik “Kurz & knapp”

von broemmling

Ausgelesen! Der neue Sammelband zu kleinen Textformen bietet neben aufschlussreicher Lektüre auch eine – soweit das überhaupt nötig war – schøne Wertschätzung meiner Kurzkritiken wie auch diese eine ist. Michael Gamper und Ruth Mayer schreiben in ihrem Vorwort: Dass die kurze und knappe Darstellung einen spezifischen Eigenwert hat, dass ihre Erzeugung eine Kunst besonderer, vielleicht höchster Art ist und dass sie gerade wegen ihrer Kondensation Fragen und eine längere Beschäftigung herausfordert, das belegen diese Zeugnisse eindrücklich. Diese Zeugnisse, das sind die versammelten Aufsätze, stellen nicht nur den größten aller deutschen Sprachkünstler Kleist als Meister der kleinen Formen vor – des Rätsels etwa. Sie verbinden mit Hinweis auf Nietzsches Aphorismen das Kurz-Gesagte mit dem Lang-Gedachten und spüren der Wechselwirkung von Erzählen und Wissen in den kurzen Prosaformen der Frühen Neuzeit nach. Die Kurzerzählung bekommt heute längst nicht mehr die Beachtung, die sie verdient, die Novelle hat gegenüber dem Roman das Nachsehen. Dieser Band widerlegt die Annahme, dass „kurz“ auch immer „flach“ heißen muss, und zeigt Verknappung als Kunst. Was nicht heißt, dass jeder, der sich kurz fasst, diese Kunst auch beherrscht. Kurz & knapp ist eine Einladung, wieder mehr Aichinger, Böll, Kaschnitz, Langgässer, Hamsun, Jacobsen oder Øverland zu lesen – und hier die kurzen Texte, die kaum noch jemand kennt. Und warum die Illustration zu dieser Kurzkritik? Wer kleine literarische Formen mag, der ehrt auch seinen Aktenvernichter und liest gerne noch einmal nach. Die kleinste kleine Form ist schließlich der Papierschnipsel…

Michael Gamper | Ruth Mayer (Hg.): Kurz & knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart (= Transcript Edition Kulturwissenschaft). Transcript Verlag, Bielefeld 2017.395 Seiten, 34,99 Euro. 978-3-8376-3556-0.