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21. Dez 2017

Brömmlings Kurzkritiken von Neuerscheinungen in VIERVIERTELKULT Winter 2017

von broemmling

Ausgelesen und vorgestellt! Sieben gute Titel habe ich im Winterheft von VIERVIERTELKULT besprochen. Den vollständigen Text gibt es hier:

Neuerscheinungen VVK-4-2017

20. Dez 2017

Geförderte Publikationen der SBK vorgestellt

von broemmling

Vorgestellt! Vier Publikationen hat die SBK im vergangenen Vierteljahr gefördert. Für VIERVIERTELKULT, der Vierteljahresschrift der Stiftung, habe ich die Titel wie gewohnt durchgesehen und kurz vorgestellt. Den vollen Text gibt es hier:

GM VVK-4-2017

4. Dez 2017

Kurzkritik Ingrid Brekke: Angela Merkel

von broemmling

Ausgelesen! Gerade noch rechtzeitig, bevor die Autorin heute den Willy-Brandt-Preis der Deutsch-Norwegischen Willy-Brandt-Stiftung erhält, bin ich mit Ihrem ausführlichen Merkel-Porträt fertiggeworden. Dass die Biographie schon 2016 erschienen ist, tat der Lektüre keinen Abbruch. Es ist bemerkenswert, wie nah Brekke der Kanzlerin kommt, und das obwohl sie Merkel vor Fertigstellung des Buches nie gesehen hat. Gleich werde ich zur Königlich Norwegischen Botschaft aufbrechen, um Ingrid Brekke persönlich zu gratulieren. Die Journalistin hat auch mich schon einmal porträtiert, allerdings nicht in einem ganzen Buch, sondern nur in einem ganzseitigen Artikel für Aftenposten, die große norwegische Tageszeitung. Damals ging es um meine Forschungen zu norwegischen Stiftungen.

Ingrid Brekke: Angela Merkel. Et europeisk drama. Kagge Forlag, Oslo 2016. 224 Seiten, 399 Norwegische Kronen. ISBN 978-82-489-1842-4.

3. Dez 2017

Kurzkritiken im StiftungsManager

von broemmling

Rezensiert! Seit zehn Jahren bespricht Brömmling die Neuerscheinungen zu Stiftungswesen, Gemeinnützigkeit und Zivilgesellschaft im StiftungsManager. Als Loseblattwerk des Verlages Dashöfer gestartet, erscheint der StiftungsManager seit seiner 51. Nachlieferung nun im Erich Schmidt Verlag. Brömmling rezensiert dort weiterhin. Eine Übersicht über die besprochenen Titel der jüngsten Nachlieferung:

Michael Borgolte (Hg.): Enzyklopädie des Stiftungswesens in mittelalterlichen Gesellschaften. Teil: Band 3., Stiftung und Gesellschaft. Redaktion: Laura Haßler, Paul Predatsch, Philipp Winterhager und Benjamin Wolff. Verlag de Gruyter, Berlin 2017. 680 Seiten, 199,95 Euro. 978-3-11-042580-2.

Klaus Neuhoff: Nikolaikirchen als frühe Bürgerstiftungen. Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 328 Seiten, 87 Euro. 978-3-8487-3305-7.

Dietmar Schiersner (Hg.): Familiensache Kirche? Die Fugger und die Konfessionalisierug. (= Materialien zur Geschichte der Fugger Band 8). Wißner-Verlag, Augsburg 2016. 127 Seiten, 14,80 Euro. 978-3-95786-072-9.

Stefan Grüner: Mit Sitz und Stimme. Die Erlangung der Reichtsstandschaft durch die Familie Fugger auf dem Augsburger Reichstag von 1582. (= Materialien zur Geschichte der Fugger Band 9). Wißner-Verlag, Augsburg 2017. VIII+374 Seiten, 24,80 Euro. 978-3-95786-131-3.

Stefanie Bilmayer-Frank: Illustri ac generoso Domino. Gedruckte Musikalienwidmungen an die Familie Fugger im 16. und frühen 17. Jahrhundert.  Wißner-Verlag, Augsburg 2016. 349 Seiten, 29,80 Euro. 978-3-95786-070-5.

Damian Dombrowski | Markus Josef Maier | Fabian Müller (Hg.): Julius Echter. Patron der Künste. Konturen eines Fürsten und Bischofs der Renaissance. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017. 424 Seiten, 49,90 Euro. 978-3-422-07408-8.

Evangelisches Studienwerk e. V. (Hg.): Villigster Wege. Verbleibstudie 1948-2016. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2017. 186 Seiten, 39 Euro. 978-3-8305-3584-3.

Alexander Gallus (Hg.): Meinhof, Mahler, Ensslin. Die Akten der Studienstiftung des deutschen Volkes. Mit einem Vorwort des Präsidenten der Sudienstiftung des deutschen Volkes. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016. 295 Seiten, 60 Euro. 978-3-525-30039-8.

Philipp Barsch: Die Rechtspraxis von Beiräten in Familienunternehmen. Eine quantitative und qualitative Untersuchung von 34 Familienunternehmen zu Statuten ihres Beirats oder Aufsichtsrats. (= Bayreuther Studien zu Familienunternehmen). Nomos Verlag, Baden-Baden 2017. 305 Seiten, 79 Euro. 978-3-8487-3535-8.

Ellen Hehnke: Kinder des Krieges. Soziale Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingskindern für Haupt- und Ehrenamtliche. Tectum Verlag, Marburg 2017. 163 Seiten, 19,95 Euro. 978-3-8288-3845-1.

Peter Hammerschmidt | Juliane Sagebiel | Aysel Yollu-Tok (Hg.): Die Soziale Arbeit im Spannungsfeld der Ökonomie. (= Schriftenreihe Soziale Arbeit der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München Band 8). AG SPAK Verlag, Neu-Ulm 2017. 180 Seiten, 26 Euro. 978-3-945959-16-9.

Esteban Piñeiro | Seraina Winzeler (Hg.): Wohnungsnot als gesellschaftlicher Konflikt. Alfred Kunz und die Gemeinnützige Stiftung Wohnhilfe Basel. Schwabe Verlag, Basel 2017. 302 Seiten, 32 Euro. 978-3-7965-3640-3.

Christian Felber: Ethischer Welthandel. Alternativen zu TTIP, WTO & Co.  Deutike im Paul Zscholnay Verlag, Wien 2017. 223 Seiten, 18 Euro. 978-3-552-06338-9.

Sebastian Brünger: Geschichte und Gewinn. Der Umgang deutscher Konzerne mit ihrer NS-Vergangenheit. (= Geschichte der Gegenwart Band 15). Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 452 Seiten, 39,90 Euro. 978-3-8353-3010-8.

Thomas Geiger | Norbert Miller | Joachim Sartorius (Hg.): Autoren-Wetter. Das Literarische Tandem der Stiftung Brandenburger Tor. (= spritz Sonderheft 2017 hg. von der Stiftung Brandenburger Tor). Böhlau Verlag, Köln 2017. 104 Seiten, 12,99 Euro. 978-3-412-50892-0.

Karl Christian Führer: Gewerkschaftsmacht und ihre Grenzen. Die ÖTV und ihr Vorsitzender Heinz Kluncker 1964-1982 (= Transcript Hans Böckler Stiftung). 649 Seiten, 49,99 Euro. 978-3-8376-3927-8.

Gustav Aschaffenburg: Die Sicherung der Gesellschaft gegen gemeingefährliche Geisteskranke. Reprint 2017(= Veröffentlichung der Holtzendorff-Stiftung). Verlag de Gruyter, Berlin 2017. 288 Seiten, 109,95 Euro. 978-3-11-130839-5.

2. Dez 2017

Kurzbesprechungen Queer Studies, Gender Studies, Porn Studies

von broemmling

Ausgelesen! Auch für die Winter-DHIVA habe ich einige Neuerscheinungen zusammengestellt und rezensiert. Hildegart Rodriguez ist wirklich eine Neuentdeckung, aber auch die anderen Publikationen lohnen die Lektüre.

Den ganzen Text gibt es hier:

DHIVA Dezember 2017

21. Nov 2017

Kurzkritik Parot: Commisaire Le Floch

von broemmling

Ausgelesen! Ein wunderbarer Krimi hat mich ins Paris unter Ludwig XV. entführt. Der Bretone Nicolas Le Floch macht zur Karnevalszeit 1761 erste Gehversuche im Moloch Paris und deckt eine Verschwörung auf. Der Autor, Jean-François Parot, ist Historiker und Ethnologe und weiß, wovon er schreibt. Seine Geschichte ist gut ersonnen und unterhaltsam umgesetzt, und trotz aller Hürden (die Übersetzung wirkt an manchen Stellen schwerfällig, allerdings habe ich nicht mit dem Original abgeglichen, an wem es nun liegt, außerdem gehen mir die Kochrezepte aus dem 18. Jahrhundert auf den Geist oder auf den Magen, aber das ist vermutlich Geschmacksache) freue ich mich auf den fürs nächste Jahr angekündigten zweiten Fall von Commissaire Le Floch. Ob Parot aber einen neuen Maigret gezeugt hat (oder gar schon geboren, wie Le Figaro lobt), wage ich zu bezweifeln.

Jean-François Parot: Commissaire Le Floch & das Geheimnis der Weißmäntel. Roman. Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn. Blessing Verlag, München 2017. 479 Seiten, 17 Euro. 978-3-89667-573-6.

27. Okt 2017

Brömmlings Kurzkritiken von Neuerscheinungen in VIERVIERTELKULT Herbst 2017

von broemmling

Ausgelesen! Im Herbstheft von VIERVIERTELKULT stelle ich elf schöne Neuerscheinungen vor. Alle Kurzkritiken auf der Doppelseite hier:

VVK-3-2017-24 Neuerscheinungen

27. Okt 2017

Brömmlings Literaturtipps zur Gretchenfrage

von broemmling

Ausgelesen! Die Herbstausgabe von VIERVIERTELKULT ist erschienen mit dem Schwerpunkt „Glaube“ (wenn in der Überschrift von der Gretchenfrage die Rede ist, setzte ich „Glaube“ und „Religion“ mal leichtfertig gleich). Auf den Serviceseiten zum Schwerpunkt gebe ich zahlreiche Lesetipps zum Thema:

VVK-3-2017-13 Serviceseiten Glaube

10. Okt 2017

Elf neue Kurzbesprechungen in der Doppel-DHIVA Sommer/Herbst 2017

von broemmling

Gerade erschienen ist die Doppelnummer der DHIVA – Zeitschrift für Frauen, Sexualität und Gesundheit mit einer Doppelseite meiner Kurzbesprechungen. Es geht um Hexen, Huren und Diseusen einerseits und – weiter unten im Blog – um den Umgang mit Sexualitäten andererseits.

DHIVA 2017 2-3

Den ganzen Text gibt es auch hier:

Anderssein verunsichert

Von Hexen, Huren und Diseusen

Anderssein verunsichert. Vor allem jene, die sich dem Normalen zugehörig fühlen. Alle, die anders sind, bedeuten Machtverlust für die Mächtigen: Wer nicht so tickt wie sie, lässt sich schwerer lenken und berechnen. Anderssein macht neidisch. Warum dürfen andere aus einem gesellschaftlichen Wertekanon ausbrechen? Aber bei aller Verunsicherung und allem Neid geht vom Anderssein eine große Faszination aus, die bis heute anhält. Geister, Hexen, Huren und Diseusen – was nicht in die bürgerliche Welt passt, steht schnell am Rande der Gesellschaft. Aber es gibt eine hoffnungsvolle Entwicklung.

Der Verlag für Regionalgeschichte gibt eine feine Reihe zur Hexenforschung heraus, und ein Band macht sprachloser als der andere, wenn er aus immer neuer Perspektive die Mechanismen der Ausgrenzung aufzeigt, die nicht nur im Mittelalter funktionierten. Auch große Geister von der Aufklärung bis zur Weimarer Klassik haben zu solchen irrationalen Prozessen geschwiegen, legt Wolfgang Behringer in einem aufschlussreichen Aufsatz nahe. Goethe fand das Hexenthema für seinen Faust brauchbar. Stellung bezogen gegen Hexenhinrichtungen, die es selbst zu seiner Zeit noch gab, hat er nicht.

Als man unerklärliche Ereignisse nicht mehr auf den Teufel schieben wollte, entstand in Deutschland im 19. Jahrhundert ein absurder Glaube an Tote oder besser Untote, die selbst ins Schicksal eingriffen oder sich anderer dafür bedienten. Auch schlaue Köpfe verfielen diesem Geisterglauben. Wie die tote Mutter des Darmstädter Landgrafen Ludwig IX. einen armen Mann zum Leibarzt ihres Sohnes macht (der Landgraf glaubt das Märchen, sie sei dem Mann erschienen mit den Worten, er sei zu des Landgrafen Leibarzt bestimmt), ist nur eine von vielen phantastischen Geschichten, die Diethard Sawicki erzählt.

Nach dem Ersten Weltkrieg waren Hexen wie Geister aus der Mode gekommen; man wollte sich amüsieren, und schillernde Gestalten schienen der Freude durchaus zuträglich zu sein. Sandra Danielczyk zeigt uns, wie Diseusen in der Weimarer Republik das Anderssein als Image pflegten, wie sie konsequent an ihrer Rolle arbeiteten und – sei es als mondäne Lebedame, sei es als armes Mädchen aus der Vorstadt – die besondere Position in der Gesellschaft als Vorteil vermittelten.

Auch die Hurenbewegung, die Almuth Waldenberger in ihrer Untersuchung ebenfalls nach dem Ersten Weltkrieg beginnen lässt, hat mit ihrem selbstbewussten Auftreten gezeigt, dass man als handelndes Subjekt stärker ist als ein Objekt, das sich von der Allgemeinheit an den Rand drängen lässt. Dass Sexarbeiter heute nicht mehr per se als Outlaw der Gesellschaft betrachtet werden, sondern eigene Rechte einfordern, hat auch Alice Schwarzer mit ihrem Kampf gegen die Prostitution nicht verhindern können. Die Hurenbewegung macht Hoffnung, dass sich unsere Gesellschaft durchaus nach vorne bewegt.

Das ändert nichts daran, dass es himmelschreiendes Unrecht bis heute gibt, etwa gegen so genannte Kinderhexen in Afrika und Asien, ein unbekanntes Aktionsfeld der UNO, von dem wir im jüngsten Band  der schon erwähnten Hexenreihe lesen.

Wolfgang Behringer | Sönke Lorenz | Dieter R. Bauer (Hg.): Späte Hexenprozesse. Der Umgang der Aufklärung mit dem Irrationalen (= Hexenforschung Band 14). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2016. 978-3-89534-904-1. 429 Seiten, 29 Euro.

Diethard Sawicki: Leben mit den Toten. Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770-1900. Ferdinand Schöningh Verlag, 2., durchgesehene und um ein Nachwort ergänzte Auflage Paderborn 2016. 978-3-506-78279-3. 427 Seiten, 39,90 Euro.

Sandra Danielczyk: Diseusen in der Weimarer Republik. Imagekonstruktionen im Kabarett am Beispiel von Margo Lion und Blandine Ebinger (= transcript GfPM texte zur populären musik 9). Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 978-3-8376-3835-6. 434 Seiten, 44,99 Euro.

Almuth Waldenberger: Die Hurenbewegung. Geschichte und Debatten in Deutschland und Österreich (= Kulturwissenschaft Band 47). LIT-Verlag, Wien 2016. 978-3-643-50597-2. 337 Seiten, 29,90 Euro.

Wolfgang Behringer | Claudia Opitz-Belakhal (Hg.): Hexenkinder – Kinderbanden – Straßenkinder (= Hexenforschung Band 15). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2016. 978-3-89534-975-1. 468 Seiten, 29 Euro.

Sexualität(en): skandalumwittert oder ganz normal

Und ewig lockt – was auch immer

Geschichte hat, wo sie gut verläuft, eine Richtung: nach vorn, nach oben. Zur Sonne, zur Freiheit, wie Sozialdemokraten sagen. Manchem Phänomen indes haftet über alle Epochen hinweg etwas Anrüchiges, mindestens Geheimnisvolles an. Sexualität gehört dazu. Normal ist anders. Wobei unnormal nicht die Sexualität in allen ihren Formen ist, sondern der Umgang damit. Immer wieder berichten Neuerscheinungen über Sexskandale und über Sexualität, die mit Unmoral, Doppelmoral oder gar mit dem Tod eine Verbindung eingeht. Die Zeiten wechseln, die Aufregung bleibt die gleiche; im Mittelalter, in der Weimarer Republik, bei den 68ern.

Mit Hexenlust und Sündenfall und anderen Holzschnitten und Gemälden zum Themenfeld Der Tod und das Mädchen fängt im Mittelalter alles an. Die Frau kann Bild der Tugend sein, zu zwei Dritteln ist sie aber eine allen sieben Hauptlastern ergebene Teufelin. Geht es um die Darstellung von Sexualität und Verführung, treffen wir fast immer auf weibliche Gestalten. Das zeigt Kathrin Baumstark fürs Spätmittelalter, das ist kaum anderer Tenor in Barbara Martins Darstellung der Frau in der französischen Plakatkunst des 19. Jahrhunderts zwischen Verklärung und Verführung. Und ewig lockt das Weib erfährt im Kopf doch in jeder Epoche den Zusatz: ins Verderben.

Das ist auch im Umgang der Medien im Deutschen Kaiserreich mit allem Nackten und Sexuellen der Fall. Fürs schmutzige Sexuelle, zeigt Christina Templin, machte man Frauen verantwortlich; exemplarisch sei der Journalist Armin Kausen genannt, der 1906 den Münchener Männerverein zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit gründete. Heidi Sack belegt die gleichen Denkmuster für die Weimarer Republik. Als im Juni 1927 die „Steglitzer Schülertragödie“ mit dem Selbstmord eines Schülers endet, sieht die öffentliche Meinung die Schuld bei einer Frau – und schon die unter Pseudonym schreibende Helene Keßler nahm in ihrem Roman Nixchen 1899 diese Denkschablone einer sexhungrigen Frau, die Männer skrupellos missbraucht, zur Vorlage.

Sogar auf die 68er wendet man diesen Blickwinkel an; zumindest waren es hier nach Karla Verlindens Untersuchung nicht mehr nur die Männer, die die Frauen zum Sex zwangen; sie findet auch umgekehrte Fälle. Frei vom Mythos als Machtinstrument war Sexualität also auch vor 50 Jahren noch nicht.

Dass wir vielleicht irgendwann einen Schritt weiter sein werden auf dem Weg nach vorne, nach oben, dazu gibt das Jahrbuch Sexualitäten Hoffnung. Der zweite Band der Initiative Queer Nations (IQN) wirft einen erfreulich unbefangenen Blick auf Sexualitäten. Nicht alles wird jeder Leserin gefallen, etwa wenn Patsy l’Amour LaLove den queeren Politikformen eine Mischung aus Stalinismus und überformter Religiosität attestiert. Spannend und klug sind die Beiträge allemal, ob zu queeren Fluchten, zu Gewalt, Weiblichkeit und Sexualität oder zu schwulen Lehrern. Ob es dann „cool“ sein muss, wenn der Lehrer schwul ist, sei dahingestellt: Da wären wir wieder beim Aufreger jenseits des Normalen, über den wir doch schon lange den Kopf schütteln.

Kathrin Baumstark: „Der Tod und das Mädchen“. Erotik, Sexualität und Sterben im deutschsprachigen Raum zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit. LIT-Verlag, Berlin 2015. 204 Seiten, 29,90 Euro. 978-3-643-13182-9.

Barbara Martin: Zwischen Verklärung und Verführung. Die Frau in der französischen Plakatkunst des späten 19. Jahrhunderts. Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 446 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-3077-0.

Christina Templin: Medialer Schmutz. Eine Skandalgeschichte des Nackten und Sexuellen im Deutschen Kaiserreich 1890-1914. Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 376 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-3543-0.

Heidi Sack: Moderne Jugend vor Gericht. Sensationsprozesse, „Sexualtragödien“ und die Krise der Jugend in der Weimarer Republik. Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 486 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-3690-1.

Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den „68ern“. Erinnerungen ehemaliger Protagonisten und Protagonistinnen. Transcript Verlag, Bielefeld 2015. 465 Seiten, 39,99 Euro. 978-3-8376-2974-3.

Maria Borowski | Jan Feddersen | Benno Gammel | Rainer Nicolaysen | Christian Schmelzer (Hg.): Jahrbuch Sexualitäten 2017. Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 247 Seiten, 34,90 Euro. 978-3-8353-3093-1.

24. Sep 2017

Kurzkritik Nichts wie weg! Sechs Bücher vom oder übers Reisen

von broemmling

Ausgelesen! Wenn nun die Rechten in den Deutschen Bundestag einziehen, mag mancher angewidert das Weite suchen. Reiseliteratur gehört zu den schönsten Medikamenten, um die Sehnsucht nach der Ferne schon vorab zu stillen und um auf andere Gedanken zu kommen. Sechs teils ganz frisch erschienene Titel habe ich in den letzten Tagen gelesen, um meine persönliche Sehnsucht zu stillen. Eine Aufsatzsammlung ist dabei, ein theoretisches Metabuch quasi, und fünf Titel, die in ganz unterschiedliche Richtungen führen: die Donau hinunter, von Aleppo nach Paris, nach Brasilien, ins alte Rom und in die Utopie.

Um Reiseliteratur der Moderne und Postmoderne geht es in einem Sammelband, den die Literaturwissenschaftler Michaela Holdenried, Alexander Honold und Stefan Hermes im Erich Schmidt Verlag herausgegeben haben. Geordnet nach Beiträgen zu Reiseformen, Textformen und Reisezielen entsteht das ganze Kaleidoskop des Reisens und der Reiseberichte vor dem Auge des Lesers. Auch für Weitgereiste und Vielbelesene hält die Textsammlung neue Erkenntnisse parat. Spannend etwa erklärt die Freiburger Germanistin Weertje Wilms, wie unterschiedlich über das neue Russland, die neue Sowjetunion berichtet wurde und wie sich die Reisetexte darüber recht klar in vier Epochen einteilen lassen. Und auch nahe Ziele erfahren differenzierte Betrachtung: Stefan Hermes zeigt konkurrierende Brandenburg-Bilder und platziert Wolfgang Herrndorfers Tschick zwischen Feridun Zaimoglus German Amok und Jürgen Beckers Geschichte der Trennungen, zwischen Brandenburg-Verachtung und Brandenburg-Verklärung. Brandenburg kann Rückzugsort sein, wenn auch einer mit Schattenseiten.

Der einzige Reisebericht der Postmoderne, der hier als eigener Titel präsentiert wird, ist zugleich der druckfrischste. Im vergangenen Monat erschien Nick Thorpes Die Donau. Angefangen von der Mündung im Schwarzen Meer, schreibt sich der englische Journalist und Filmemacher vor bis an die Mündung im Schwarzwald. Thorpe kennt die Donau gut von seinem heutigen Wohnort: Er lebt in Budapest. Keine Stadt liegt so prächtig an der Donau wie die Doppelstadt Buda und Pest, Bratislava vielleicht, Wien sicher nicht, zu weit ab fließt sie an der Innenstadt vorbei. Thorpes Reise gegen den Strom liest sich so außergewöhnlich, weil die Donau vor allem Wegbereiterin ist, auch wenn sie dem Autor auf seiner Reise ständig entgegenströmt: Sicher bringt sie ihm zu ungezählten Gesprächspartnern, die mit ihren kleinen und großen Geschichten Aufschluss geben über Gesellschaften im Umbruch, über Schicksale quer durch Europa, gleich, ob wir sie auf einer Polizeiwache in Österreich treffen oder bei Protesten gegen ein Staudammprojekt in Ungarn.

Weiter führt uns der Weg, weg aus Europa. Auch zu Reiseberichten aus Brasilien findet sich im Sammelband über Reiseliteratur ein Beitrag. Jobst Welge, Romanist an der Uni Eichstätt-Ingolstadt, beschreibt dort, wie sich die landesinterne Heterogenität in einem Pluralismus des Kulturbegriffs Bahn bricht, und zeigt dies an Texten über Reisen nach, in und aus Brasilien. Aber eine wunderbare Reise ist nicht unter den beschriebenen, weil sie zu früh, eben noch vor der Moderne stattfand: Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied reiste in den Jahren 1815 bis 1817 nach Brasilien. Sein Bericht ist bei der Anderen Bibliothek 200 Jahre später wieder erschienen, prachtvoll aufbereitet, wie man es auch von den großen Foliobänden der Anderen Bibliothek gewohnt ist. Wenn wir an frühe große Wissenschaftsexkursionen nach Lateinamerika denken, fällt uns zuerst und vor allem Alexander von Humboldt ein. Das größte Land Südamerikas aber hat er nicht bereist, das holte Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied dann kurze Zeit später nach, angeregt durch die humboldtschen Reiseberichte. In der wunderbaren neuen Ausgabe finden wir neben dem Originaltext der Reise von Rio de Janeiro die Küste nordwärts bis nach Salvador de Bahia nebst der Erkundung des Landesinneren alle Grafiken des Prinzen. Der Autor schreibt über Fauna und Flora, aber auch über die Lebensweise der von der Zivilisation bis dahin oft unberührten Urwaldbewohner des Amazonas. An vielen Stellen aber waren die Europäer zuvor schon gewesen; der Prinz schreibt über Villen, die von Jesuiten hundert Jahre zuvor verlassen wurden, und seine Hinweise auf Exponate in europäischen Museen lesen sich fast wie eine Beuteliste ethnologischer Museen; bei der Eröffnung des Humboldt-Forums in der Mitte Berlins wird man sich auch an Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied und seinen aufschlussreichen Bericht aus Brasilien erinnern.

Immerhin gibt es viele Exponate noch, immerhin ist hier dem kulturellen Gedächtnis eine dauernde Gedächtnisstütze gesichert. An manche Orte der Welt erinnert bald nur noch die Literatur. Palmyra ist zerstört, und auch Aleppo werden wir nie wieder so erleben, wie wir es aus einem Reisebericht des zwanzigjährigen Hanna Diyāb kennenlernen, der 1707 in Aleppo den Franzosen Paul Lucas trifft und mit ihm über Zypern, Ägypten, libyen und Tunesien nach Paris reist. Es ist übrigens derselbe Hanna Diyāb, dem wir die Märchen Ali Baba und die 40 Räuber und Aladdin und die Wunderlampe verdanken. Der kurzweilige Reisebericht, der im vergangenen Jahr in der Anderen Bibliothek erschien, wurde erst 1993 im Vatikan wiederentdeckt.

Wer einmal im wunderbaren Hessischen Landesmuseum Darmstadt war wie ich im Juni 2015, wird eine Besonderheit nicht vergessen: Darmstadt verfügt über die umfassendste Sammlung an Korkmodellen des Phelloplastikers Antonio Chichi (1743-1816), einen annähernd großen Schatz dieser Modelle können nur noch Kassel und Gotha vorweisen. Die Korkmodelle antiker Bauten Roms brachten Italienreisende mit nach Deutschland, zum einen um stolz von den Sehenswürdigkeiten Roms zu künden, zum anderen, um Architekten in der Heimat Anleitung zum Verständnis klassischen Bauens zu geben. Schloss Friedenstein in Gotha hat nun seine Sammlung an Korkmodellen wieder von neuem der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und dafür einen umfangreichen Katalog mit Begleittexten zur Entstehung der Korkmodelle und zu den Motiven ihres Erwerbs vor über 200 Jahren erstellt. So macht der Leser mit dem neuen Buch aus dem Morio Verlag eine doppelte Reise in die Vergangenheit: mit den Modellen ins alte Rom und mit ihrem Schöpfer an die Wende vom 18. Zum 19. Jahrhundert ins kleine Herzogtum von Sachsen-Gotha-Altenburg.

Und die Reise in die Utopie? Es ist die mit Abstand bekannteste Utopie der Kulturgeschichte – wenn wir Atlantis einmal außen vor lassen. Thomas Morus schrieb sein Utopia vor knapp 500 Jahren. Im Georg Olms Verlag ist nun der Nachdruck der Basler Ausgabe von 1518 erschienen. Für alle, die Schwierigkeiten mit dem lateinischen Original haben (das trifft trotz acht Schuljahren Latein auch für mich zu), ist der zweite Band gedacht, der neben einem erläuternden Essay auch eine gute Übersetzung enthält. Und da wird der Sehnsuchtsreisende fündig und kehrt, obwohl er doch ganz weit weg, nach Utopia, wollte, schnell wieder in die Realität zurück: „Wer nämlich der Ansicht ist, die Armut des Volkes gewährleiste Sicherheit, irrt ganz erheblich“, heißt es bei Thomas Morus, und er führt als vorbildlich das Beispiel der Makarenser an, die nahe bei Utopia wohnen und deren König nie mehr besitzen darf als tausend Pfund Gold. Und wer in Utopia von der Arbeit befreit ist, setzt sich freiwillig für die Belange des Gemeinwesens ein. Wer weiß, ob nicht, wenn auch hierzulande Reichtum begrenzt wäre und freiwilliges Engagement als selbstverständlich erachtet würde, weniger Wähler den rechten Rattenfängern auf den Leim gegangen wären.

Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied: Reise nach Brasilien in den Jahren 1815 bis 1817. Mit den vollständigen Illustrationen aus den Originalbänden und einem Nachwort von Matthias Glaubrecht. Die Andere Bibliothek, Berlin 2015. 99 Euro. 978-3-8477-0017-3.

Von Aleppo bis Paris. Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Unter Berücksichtigung der arabischen Handschrift aus der französischen Übertragung übersetzt von gennaro Ghirardelli – und von diesem mit einem Vorwort versehen (= Die Andere Bibliothek Band 378). Die Andere Bibliothek, Berlin 2016. 491 Seiten, 42 Euro. 978-3-8477-0378-5.

Martin Eberle: Monumente der Sehnsucht. Die Sammlung Korkmodelle auf Schloss Friedenstein Gotha. Morio Verlag, Heidelberg 2017. 120 Seiten, 24,95 Euro.978-3-945424-25-4.

Nick Thorpe: Die Donau. Eine Reise gegen den Strom. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Paul Zscholnay Verlag, Wien 2017. 382 Seiten, 26 Euro. 978-3-552-05861-3.

Thomas Morus: Utopia. Reprint. Hg. von Joachim Starbatty. Mit einleitenden Essays von Otfried Höffe und Joachim Starbatty und der Übersetzung von Klaus J. Heinisch. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2016. Reprint+172 Seiten,  98 Euro. 978-3-487-15361-2.

Michaela Holdenried | Alexander Honold | Stefan Hermes (Hg.): Reiseliteratur der Moderne und Postmoderne. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2017. 682 Seiten, 59,95 Euro. 978-3-503-17129-3.