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Kurzkritik Lindner: Aufrüstung – Ausbeutung – Auschwitz (I.G.Farben)

von broemmling am 17. Mai 2021

Stephan H. Lindner: Aufrüstung – Ausbeutung – Auschwitz. Eine Geschichte des I.G.Farben-Prozesses. Wallstein, Göttingen 2021. 339 Seiten, 36 EUR.

Begeistert lobte der Rezensent der Süddeutschen Zeitung am 6. August 2011 das neue Buch von Diarmuid Jeffreys über die Geschichte der I.G.Farben als eine der besten Bücher zur Wirtschaftsgeschichte Europas. Der britische Journalist hatte sauber gearbeitet und auf 700 Seiten die Verbrechen der deutschen Chemieindustrie beschrieben, die mit ihrer Produktion für Krieg und Zwangsarbeit mitverantwortlich waren. Nach der Lektüre des Wälzers konnte man sich kaum vorstellen, dass noch etwas offen war. Das dachte zumindest der Rezensent. Der Rezensent war ich.
So war ich zunächst skeptisch, als ich von einem weiteren Buch erfuhr, das sich mit den I.G.Farben befasste. Meine Zweifel am etwaigen Mehrwert einer Lektüre waren schnell verflogen; hier bekommen wir eine wissenschaftlich-kritische Analyse der Aufarbeitung dessen, was der Konzern und seine Manager zwischen 1933 und 1945 getan hatten und wofür sie zur Verantwortung gezogen wurden.
„Aufarbeitung“ wäre eigentlich ein guter Titel gewesen. Vielleicht, wenn es denn ein Trio sein muss, „Abfüllung – Anklage – Ausreden“. Denn der tatsächliche Titel hätte zu einem Buch über die Geschichte des I.G.Farben gepasst, wir haben es aber mit der Geschichte des Prozesses zu tun, den das amerikanische Militärgericht 1947 in Nürnberg gegen 24 Manager des Konzerns führte. Und genau diese Geschichte erzählt uns der Autor, Geschichtsprofessor an der Universität der Bundeswehr in München, noch einmal fast neu. In den Text sind nicht nur die gewohnten Quellen wie Prozessunterlagen geflossen; Lindner hat darüber hinaus Nachlässe von Angeklagten und ihren Verteidigern, von Anklägern und Richtern ausgewertet. Interessant ist dabei gerade, was im Prozess fehlte oder falsch lief. Die amerikanischen Militärbehörden versagten den amerikanischen Anklägern in mehreren Fällen notwendige Unterstützung. Dass etwa die junge Anwältin Sally Falk Zeck genau aus diesem Grund frustriert aufgab und in die USA zurückflog, ist nur eines von vielen Beispielen für die schwierigen Voraussetzungen des Prozesses. Zweifel gab es auch an der Zulässigkeit des Verfahrens an sich: Es war nicht erlaubt, Unternehmen als Ganzes anzuklagen. Im Inhaltsverzeichnis der Anklageschrift gegen die 24 Manager stand aber kein einziger Personenname, sondern immer nur „die IG“. Noch viele weitere Mängel zeigt der Autor und sucht nach Erklärungen. Er ergreift nicht Partei, sondern zitiert Ankläger und Angeklagte gleichermaßen, ohne zu relativieren oder gar zu verharmlosen. Dass das Buch dabei auf übermäßige Adjektive verzichtet – Diarmuid Jeffreys etwa hatte gleich mehrfach vom „berühmten“ Nürnberger Prozess im Jahr zuvor, das würde Stephen H. Lindner nicht einfallen – macht das Buch noch besser lesbar.

Von → Allgemein, Rezension