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Kurzkritik Lange: Gefühle schwarz auf weiß

von broemmling am 2. April 2018

Ausgelesen! Wer schreibt eigentlich heute noch Briefe? Ich zum Beispiel – und doch sind meine Briefe weniger emotionsgeladen, als es die Briefe und erst recht die Briefromane des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert sind. Stella Langes Untersuchung der Relation von empfindsamem Briefroman zu Affekt und Gefühl ist vor allem eine Neuausrichtung des europäischen Emotionskonzeptes als Zusammenspiel zwischen subjektiver Bewusstwerdung und Reflexion. Die Autorin tut dies anhand der bekanntesten Briefromane Julie oder Die neue Heloise von Rousseau, Die Leiden des jungen Werther von Goethe und Letzte Briefe des Jacopo Ortis von Ugo Foscolo. Der Leser erfährt bei Lange gar nicht unbedingt Neues zu den drei Briefromanen an sich; aber es erschließt sich eine umfassende neue Sicht des Emotionsbegriff. Was bewirkt Emotion in der Literatur? Wie bricht sie sich Bahn? Mit der Verhaltenstheorie des Behavioristen John Dewey etwa, – hier bewirkt die Unterbrechung gewohnter Handlungsabläufe Emotion – hatte ich zuletzt im Studium zu tun, spannend, davon, von Patrick Hogans Weiterführung des Begriffes und von vielem mehr zu lesen. Und doch: Ein zuweilen etwas sperriges Buch, nach dessen Lektüre ich lieber wieder das Original zur Hand nehme. Wie froh bin ich, dass ich durch bin!

Stella Lange: Gefühle schwarz auf weiß. Implizieren, Beschreiben und Benennen von Emotionen im empfindsamen Briefroman um 1800 (= GRM Beiheft 77). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016. 425 Seiten, 66 Euro. 978-3-8253-6659-9.

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